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Antibiotikaresistenzen: Die ignorierte Pandemie und das weltweite Versagen (Teil II)

Antibiotikaresistenzen: Die ignorierte Pandemie und das weltweite Versagen (Teil II)
Die dramatische Zunahme von Antibiotikaresistenzen stellt die Menschheit vor eine Bedrohung, gegen die, die vom Coronavirus ausgeht, verblasst. Nach Auffassung mancher Experten wird die Behandlung bakterieller Entzündungen mit Antibiotika bald nicht mehr möglich sein.

von Jochen Mitschka

Teil I können Sie hier nachlesen.

Im September 2016 gab es eine ganztägige Sonderversammlung der Vereinten Nationen. Eine UN-Sonderversammlung, die aufgrund eines Gesundheitsproblems abgehalten wird, ist äußerst selten. Es gab sie, einschließlich dieser Sitzung zum Thema Antibiotikaresistenzen, vielleicht viermal in der UN-Geschichte.

Ein Mülleimer in einem Schweinemastbetrieb in Deutschland – gefüllt mit leeren Antibiotika- und Hormonflaschen

Jim O'Neill, damals britischer Staatssekretär, erklärte der Versammlung, dass, sollte nicht ernsthaft etwas gegen die Antibiotikaresistenz unternommen werden, bereits in 35 Jahren zehn Millionen Menschen jährlich aufgrund von Antibiotikaresistenzen sterben könnten. Derzeit würden pro Jahr zwar "nur" ungefähr 700.000 Menschen daran sterben, doch wenn sich die gegenwärtige Entwicklung fortsetze, führe dies im Jahr 2050 bei mehr Menschen zum Tod als das Coronavirus, Krebs, Diabetes, Masern und Verkehrsunfälle heute jährlich zusammengerechnet.

O'Neill erklärte auch, dass sich die Kosten für die Behandlung der Erkrankten – denken Sie an den Aufwand allein für die Isolierung der Kranken im Krankenhaus – bis 2050 auf 100 Billionen (also 100.000 Milliarden) Dollar erhöhen werden.

Spätestens mit Bekanntwerden dieser Kosten hatte diese Pandemie die Aufmerksamkeit von Regierungsvertretern vieler Länder auf sich gezogen. In Großbritannien führte dies dazu, dass Antibiotikaresistenz an dritter Stelle in das Gefahrenregister aufgenommen wurde. An erster Stelle steht die Grippe-Pandemie, zu der auch COVID-19 gehört. Dann folgt der Terrorismus und an dritter Stelle, wie bereits geschildert, die Auswirkungen der Antibiotikaresistenzen.

Neue Resistenzmechanismen

Wer glaubt, dass der Mensch in seiner so kurzen Existenz den vier Milliarden Jahre alten Bakterien überlegen wäre, sollte sich anschauen, wie nach 2008 neue Resistenzmechanismen entdeckt wurden. Werfen wir einen Blick auf den Neu-Delhi-Metallo-Beta-Laktamase-Effekt (NDM-1).

NDM-1 ist sowohl ein Enzym als auch das dazugehörende Gen, das dieses Enzym codiert. Dieses Enzym kann fast alle Beta-Laktam-Antibiotika spalten und somit wirkungslos machen.

Die Tatsache, dass jedes Bakterium, das dieses Enzym besitzt, es an andere weitergeben kann, macht es zu einer unkontrollierbaren Seuche.

Wenn ein Mensch aber ein solches resistentes Bakterium aufnimmt und es in der Darmflora verbleibt, muss es nicht zwangsläufig zu einer Infektion kommen. Denn eigentlich ist die Natur der Bakterien jene, von einem Wirt zu profitieren und nicht, ihn zu töten. Doch im Darm kann das Bakterium seine Resistenz an andere Bakterien weitergeben. Wenn dies dann ein aggressives Bakterium betrifft, das weniger Rücksicht auf den Wirt nimmt, kann eine Infektion die Folge sein.

Hatte man bis zur Entdeckung des NDM-Mechanismus die Meinung vertreten, dass die Verbreitung von resistenten Keimen vorwiegend auf die Krankenhäuser und die Tierzucht beschränkt wäre, musste man nun feststellen, dass sich in Indien die Resistenzmechanismen sogar im Trinkwasser nachweisen ließen.

Bis 2012 hatte sich NDM-1 auf 55 Länder und mehrere Dutzend Bakterienarten ausgebreitet. Der Kampf scheint ungleich zu sein, denn Antibiotika konnten bisher nur aus einem Bruchteil von Mikroorganismen gewonnen werden. Die Zahl der nicht erforschten Mikroben ist sicher eintausendmal größer als die Zahl derer, die zur Entwicklung von Antibiotika herangezogen worden waren. Wir wissen, dass möglicherweise Millionen Arten von Mikroben existieren, aber wir können sie nicht im Labor züchten und damit auch nicht für uns nutzbar machen.

Neue Lösungsansätze beginnen nun zu versuchen, Mikroben nicht im Labor, sondern dort zu züchten, wo die Natur sie nährt. Auf diese Art versucht man, sie dann zu "domestizieren", um sie im Labor zu vervielfältigen. Doch nur eine von einhundert Mikroben oder entsprechende Verbindungen können für die Arzneimittelentwicklung genutzt werden, da 99 Prozent derer für den Menschen zu giftig sind.

Die Entwicklung neuer Antibiotika ist jedoch anscheinend nicht profitabel genug. Ein Beispiel ist die Firma Pfizer. Der Konzern verkaufte noch im Jahr 2000 verschiedene Antibiotika im Wert von 40 Milliarden US-Dollar. Doch einem weltweiten Trend folgend reduzierte der Konzern seine Entwicklungskapazitäten in der Antibiotika-Sparte radikal. Heute forschen nur noch sechs der größten Pharmaunternehmen im Bereich Antibiotika. Da zu wenig Forschung, Entwicklung und Zulassung in jenem Bereich übrig bleibt, ist abzusehen, dass es demnächst zu einer großen Krise kommen wird.

Dann werden die Waffen aufgebraucht sein, um aggressive und resistente Bakterien bekämpfen zu können. Wir werden zurückkehren in die Ära vor der Erfindung der Antibiotika – mit dramatischen Folgen. Oder, ähnlich wie bei der Coronavirus-Impfung, werden Regierungen die Haftung für Nebenwirkungen übernehmen und die Verfahren für Zulassungen drastisch abkürzen, was natürlich auf Kosten der Sicherheit geht.

Seit der Pionierzeit der Antibiotikaentwicklung hat sich einiges getan. Hunderte von Milliarden wurden mit diesen Medikamenten verdient. Doch heute dauert die Entwicklung eines Antibiotikums zehn bis 15 Jahre und kostet ungefähr eine Milliarde Dollar. Und da ziehen es die Konzerne vor, in ein neues Potenzmittel oder eben Impfstoffe zu investieren. Impfstoffe, die eine todsichere Rendite versprechen, und das ohne jegliches Risiko, da die Staaten dieses den Pharmafirmen abnehmen.

Es scheint unglaublich, doch es gibt Länder, in denen die neuesten Generationen von Antibiotika für die Hühnerzucht empfohlen werden. Colistin ist eines der neuesten Antibiotika, seit 2015 gibt es aber auch dagegen Resistenzen. Es kam zu einer dramatischen Verschärfung der Situation. MCR-1, Mobile Colistin Resistance, wurde entdeckt.

In nur einem Jahr verbreitet sich die Resistenz auf fünf Kontinenten. Manche halten diese Entwicklung für den Anfang vom Ende der möglichen Behandlung von bakteriellen Entzündungen durch Antibiotika, denn Colistin war ein Mittel der letzten Wahl, das bei gramnegativen bakteriellen Erkrankungen angewandt werden konnte, auch wenn Resistenzen gegen andere Antibiotika bestanden. Das wird nun bald vorbei sein.

Dass über intensive Landwirtschaft auch Schadstoffe in die Nahrung gelangen, ist vor allem durch Debatten um Nitrat bekannt. Doch auch Antibiotikaresistenzen sind darauf zurückzuführen.

Das neue an dieser Form der Resistenzübertragung war, dass vollkommen unerwartet das entscheidende Gen auf einem Plasmid, also einem Erbträger außerhalb des Chromosoms, sitzt. Niemand hatte bis dahin damit gerechnet, dass so etwas überhaupt möglich sei.

Von da an hatte man es nicht mehr "nur" mit multiresistenten, sondern mit panresistenten Keimen zu tun, also mit Keimen, gegen die überhaupt keine Antibiotika mehr helfen.

In Deutschland gibt es zwischen 15.000 und 18.000 Mukoviszidose-Patienten. Bei diesen wird Colistin eingesetzt, das eine deutlich lebensverlängernde Wirkung hat. Nun wurden aber auch fast 70 Tonnen Colistin in Deutschland in der Tiermast eingesetzt. Jeder kann sich denken, was das bedeutet.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte im Jahr 2017 acht Antibiotika als Mittel der letzten Wahl identifiziert. Diese sollten eigentlich ausschließlich der Humanmedizin vorbehalten bleiben. Drei davon kommen in Deutschland vollkommen legal in der Tiermast zum Einsatz. Während bei Corona die WHO die entscheidende Instanz für unsere Politiker zu sein scheint, ist sie das wohl nicht, wenn es um die Profite der Pharma- und der Tiermastindustrie geht.

Die menschliche Gemeinschaft weltweit muss sich endlich darauf verständigen, dass man Menschen und Tieren nicht die gleichen Antibiotika verabreichen darf.

Die Behandlung

Die Behandlung wird zukünftig wohl immer häufiger auf Methoden des Mittelalters zurückgreifen müssen. Damals wurden Infektionen durch Amputationen der befallenen Körperregionen behandelt. Der große Unterschied zum Mittelalter lag bisher in der Möglichkeit, bakterielle Infektionen durch Antibiotika zu verhindern. Und bei den allermeisten Operationen weltweit werden Antibiotika routinemäßig zur Verhinderung von Komplikationen eingesetzt. Viele Operationen wären ohne Antibiotika schlicht unmöglich; wie sich die Situation bei einer weiteren Zunahme der Resistenzen entwickelt, mag man sich nicht ausmalen.

In Entwicklungsländern wie Bangladesch, mit vollkommen überfüllten Krankenhäusern und Patienten, die auf dem Boden liegen, kommt es teilweise zu einer Sterberate von 50 Prozent durch Infektionen. Und inzwischen gibt es dort bei jedem 20. bis 25. Fall Resistenzen gegen alle bekannten Antibiotika. Wegen der hygienischen Bedingungen ist nicht zu erwarten, dass sich diese Entwicklung umkehren wird. Was in diesen Ländern passiert, wird sich zwangsläufig in den Industrienationen ausbreiten.

Fazit

Seit der genannten UN-Sondersitzung vor vier Jahren hat sich die Situation nicht verändert. Während Hunderte Präparate gegen alle möglichen Zivilisationskrankheiten in der klinischen Entwicklung sind, wird kaum an neuen Antibiotika geforscht. Ganz zu schweigen davon, dass die letzte neue Antibiotikaklasse, also das letzte wirklich neue Antibiotikum, im Jahr 1984 eingeführt wurde.

Mehr zum Thema - Merkel unterstützt Sammlung von Milliarden für einen Corona-Impfstoff

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Anmerkung des Autors:

Inspiration zu dem Artikel war nicht nur die Erfahrung von Marianne Koch, sondern auch die Arte-Dokumentation "Resistance Fighters", eine Perle im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

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