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Der große Krieg ums Öl

Der große Krieg ums Öl
Symbolbild: Frackingausrüstung auf einem Feld außerhalb von Sweetwater, Texas. Die kleinen und mittleren Unternehmen, die über die Hälfte der jährlich 100 Milliarden Dollar der US-amerikanischen Öldienstleistungsindustrie ausmachen wurden vom Abschwung besonders hart getroffen.
Während gegenwärtig fast ausschließlich der "Krieg" gegen das Coronavirus im Rampenlicht steht, hat im Hintergrund eine gigantische Schlacht zwischen den großen Ölmächten stattgefunden. Seit einigen Wochen herrscht zwar ein Waffenstillstand – der Krieg ist aber noch nicht beendet.

von Pierre Lévy

Am 6. März brach das erste Scharmützel in Wien am Sitz der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC, der unter anderem Saudi-Arabien, der Iran, der Irak, Libyen, die Vereinigten Arabischen Emirate, Venezuela und Nigeria angehören) aus. Riad lud die Mitglieder der Organisation zu einer Dringlichkeitssitzung ein; eingeladen waren auch die Mitglieder der "OPEC+", einer im Jahr 2016 geschaffenen Erweiterung um zehn zusätzliche Länder, der insbesondere auch Russland angehört. Die Verwüstungen durch die globale Pandemie beginnen tatsächlich, den Verbrauch des schwarzen Goldes in den Keller zu stürzen – bis zu einem Punkt, der den Rohölpreis schwer belastet. So fiel der Preis pro Barrel (160 Liter), der Anfang Januar bei 70 Dollar lag, Anfang März auf 50 Dollar.

Nahr Bin Umar-Ölfeld, Irak

Der saudische Minister schlug vor, den Preisverfall durch eine freiwillige Reduzierung der Förderung zu begrenzen. Sein russischer Kollege antwortete, dass er nicht dagegen sei, vorausgesetzt, dass alle Produzenten der Welt sich verpflichten, ihren Teil dieses Opfers zu bringen, angefangen mit Washington. Die Vereinigten Staaten wurden im Jahr 2018 zum weltweit führenden Produzenten, mit einem Rekord von fast 13 Millionen Barrel pro Tag (MB/Tag), die im Jahr 2019 dank des durch Fracking gewonnenen Öls, das etwa die Hälfte des Gesamtvolumens ausmacht, gefördert wurden.

Doch Uncle Sam, der nicht Teil der OPEC+ ist, hat nie einer Selbstbeschränkung zugestimmt. Eine Einigung war daher in Wien nicht möglich. Saudi-Arabien beschloss daraufhin, den Spieß umzudrehen und den Markt zu überschwemmen. Das Land pumpte immer mehr und stieg von 9,8 MB/Tag auf 12. Moskau, der zweitgrößte Produzent der Welt (10,7 MB/Tag), musste diesem Beispiel folgen und ebenfalls seine Förderung erhöhen, während es gleichzeitig die Haltung Riads als "irrational" qualifizierte.

Doch die Lage erschwerte sich zusehends: Immer mehr Länder auf den fünf Kontinenten entschieden sich für Ausgangsbeschränkungen. Ein Großteil des kommerziellen Flugverkehrs wurde gestrichen, der Autoverkehr war stark rückläufig und der Energieverbrauch der Industrien befand sich im Sturzflug. Anfang April erreichte das Ungleichgewicht zwischen dem weltweiten Angebot (etwa 100 MB/Tag) und dem Einbruch der Nachfrage (25 MB/Tag oder gar 30 MB/Tag) ein in der Geschichte des schwarzen Goldes noch nie dagewesenes Niveau.

Ende März fiel der Kurs schließlich unter 20 Dollar pro Barrel. Am 9. April trafen sich die OPEC+-Länder erneut. Sie einigten sich schließlich auf einen Gesamtrückgang von 9,7 MB/Tag, was ein Zehntel der Weltproduktion bedeutet – das ist ein gigantischer und beispielloser Vorgang. Am 10. April zögerte Mexiko jedoch. Es dauerte zwei weitere Tage, bis unter den 23 vertretenen Ländern Einstimmigkeit erzielt wurde. Riad und Moskau vereinbarten, die Produktion um jeweils 2,5 MB/Tag zu reduzieren. Der russische Minister ist jedoch der Ansicht, dass das Abkommen, das ab dem 1. Mai gilt, mindestens bis zum Ende des Jahres bestehen muss, um sich spürbar auszuwirken, und noch länger, um zu den Preisen von Anfang 2020 zurückzukehren. Ein neues Treffen ist für Juni geplant.

Das Übereinkommen wurde gebilligt und unter den Schirm der G20 gestellt. Das Weiße Haus hat seinerseits keine verbindlichen Zusagen gemacht, auch wenn der russische Minister einen Rückgang der US-Produktion um 2 bis 3 MB/Tag in Aussicht stellt.

Symbolbild: Fracking-Standort des Chevron-Konzerns in der Nähe von Midland, Texas.

Am 12. April rief der amerikanische Präsident Donald Trump seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin an. Die beiden Männer betonten gemeinsam "die große Bedeutung der erzielten Vereinbarung". Der Kreml präzisierte auch, dass ein Gespräch zwischen Putin und dem saudischen König Salman im gleichen Geiste stattgefunden habe.

Offiziell haben also die drei Ölgiganten einen Waffenstillstand geschlossen. Der erzielte Kompromiss mischt die Karten neu.

Mit der Weigerung, sich am 6. März vertraglich zu binden, setzte Moskau eine neue Strategie um, für die sich Igor Setschin, der Chef der staatlichen Ölgesellschaft Rosneft, ein sehr enger Freund Putins, eingesetzt hatte. Letzterer entschied zugunsten der Feindseligkeiten aus drei Gründen heraus.

Erstens, um kurzfristig den neuen amerikanischen Frackingölproduzenten (hauptsächlich in Texas) "an die Gurgel zu gehen". Zugegebenermaßen behindert der Rückgang des Rohölpreises die Öleinnahmen Russlands, doch die durchschnittlichen Förderkosten in dem Land liegen zwischen 15 und 20 Dollar pro Barrel. Es kann sich also behaupten, zumal es über Devisenreserven in Höhe von 450 Milliarden und einen "souveränen" (staatlichen) Fonds von 150 Milliarden Dollar verfügt.

Umgekehrt sind die texanischen Produzenten besonders anfällig, da sie Produktionskosten von 50 bis 60 Dollar pro Barrel haben. Wenn die Preise unter dieses Niveau fallen, werden sie die Suppe auslöffeln müssen – das wird umso härter sein, da sie schlecht kapitalisiert sind; sie riskieren auch, die Banken, die sie finanziert haben, mit nach unten zu ziehen. Dieses erste Ziel beginnt sich zu verwirklichen: Die Konkurse kleiner texanischer Produzenten nehmen zu. Die US-amerikanische Frackingölproduktion könnte um 40 Prozent zurückgehen.

Dieser Rückgang ist zwar ein Ergebnis der Marktkräfte und keine formelle Verpflichtung der US-Regierung. Tatsache bleibt aber, dass die Amerikaner zum ersten Mal dazu gebracht werden, den Regeln anderer Weltproduzenten zu folgen. Moskau kann also damit zufrieden sein.

Die texanischen Produzenten untergehen zu lassen, die seit mehreren Jahren den Markt stören, war auch das Ziel des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (MBS). Aber letzterer kann kaum triumphieren: Nach vielen Rückschlägen und diplomatischen sowie militärischen Misserfolgen hat er die Krise eher durchlitten als gesteuert. Zwar verzeichnet sein Land die niedrigsten Förderkosten (5 bis 10 Dollar pro Barrel), doch die Finanzen des Königreichs verschlechtern sich doch in besorgniserregender Weise.

Die umfangreichen Modernisierungspläne, die unternommen werden, verursachen beträchtliche Kosten und erfordern 80 Dollar pro Barrel. Dies gilt umso mehr, seitdem die brutalen Vorgehensweisen von MBS sowohl in Moskau als auch in Washington Zweifel an der saudischen Stabilität aufkommen ließen. Es scheint so, als suchten auch einige im Innern des Königreichs nach einer Alternative. Vor einigen Wochen ließ der Prinz zwei Mitglieder der königlichen Familie verhaften, von denen einer der CIA angeblich sehr nahe stand.

Das zweite Ziel Moskaus besteht mittelfristig darin, seinen Anteil am europäischen Markt nicht zu verringern. Im Jahr 2017 lieferte Russland 32 Prozent des Öls der EU und will seinen Platz als führender Lieferant behalten, den ihm die amerikanischen Ölkonzerne gerne absprechen würden – begünstigt durch die Selbstbeschränkungen der Produktion, die innerhalb der OPEC+ zur Preisstützung beschlossen wurden. Es ist auch selbstredend, dass Washington alles in Gang setzt, um den russischen Gasexporten auf dem alten Kontinent entgegenzuwirken, indem es sein eigenes Flüssiggas fördert – alles mit dem Ziel geostrategischer Dominanz.

In diesem Licht muss man auch die Versuche verstehen, Venezuela – das Land mit den größten bekannten Reserven an schwarzem Gold – zu destabilisieren. Möglicherweise haben sich die Verhandlungen zwischen Amerikanern und Russen hinter den Kulissen nicht nur auf die Produktion von Erdöl konzentriert, sondern auch auf die amerikanischen Sanktionen, die sowohl gegen Moskau als auch gegen Caracas gerichtet sind.

Schließlich könnten die Russen ein längerfristiges Ziel haben: sich als weltweiter Regulator der Rohölpreise zu positionieren.

In diesem Zusammenhang sind die Staats- und Regierungschefs der EU verärgert: Wegen des Mangels an Erdölressourcen können sie nur zuschauen. Die Kommission hatte 2015 einen "strategischen Rahmen für eine belastbare Energieunion mit einer weitsichtigen Klimaschutzpolitik" vorgeschlagen. Ein sehr theoretischer gemeinsamer Rahmen, da die 27 in diesem wie in vielen anderen Bereichen oft unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Interessen vertreten.

Wie lange wird der 12-April-Kompromiss andauern? Bisher hat er teilweise gewirkt: Der heutige Preis für den Barrel Öl liegt bei gut 35 Dollar. Mehr sollte man im Zuge des nächsten OPEC+-Treffens erfahren. Öl bleibt indes mehr denn je ein sehr entscheidender Faktor sowohl für die nationalen Wirtschaften als auch für die künftigen geopolitischen Entwicklungen.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

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