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Corona oder: Die Weltrisikogesellschaft

Corona oder: Die Weltrisikogesellschaft
Symbolbild
Corona hat die weltumspannenden wechselseitigen Abhängigkeiten gnadenlos offengelegt. Ob es uns passt oder nicht: Wir sind EINE Menschheit auf EINEM Planeten. Was alle treffen kann, betrifft alle! Die Pandemie bietet die Chance, dies erfahrbar zu machen.

von Leo Ensel

Soviel Globalität war nie.

Ein unsichtbares Virus bringt die gesamte Welt zum Stillstand. Angela Merkel, Boris Johnson und Prinz Charles zwingt es in die Quarantäne. Ranghohe Vertreter der Geistlichkeit im Iran starben bereits an COVID-19. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihnen weitere prominente Staatsmänner und -frauen auf allen Kontinenten – Vertreter demokratischer und autoritärer Staaten wie Diktatoren – mindestens in die Zwangsisolation folgen.

Der amerikanische Präsident, der gerade noch, wie üblich, den Mund reichlich vollgenommen hatte, gibt sich plötzlich recht kleinlaut. Nun gilt es bereits als Erfolg, wenn in den USA nicht Millionen, sondern nur Hunderttausende an dem Virus sterben werden. Und auch in Russland, wo es längere Zeit noch vergleichsweise gut aussah, steigt langsam aber unbarmherzig die Zahl der Infizierten und Toten. Nun steht auch Moskau, wie die meisten Metropolen, unter Kontaktsperre.

Weltweit sind Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Theater, Kinos, Kirchen, Moscheen, Synagogen, Pagoden, Freimaurertempel, Restaurants, Imbissbuden, Läden, Fußballstadien, Schwimmbäder, Fitnesscenter, Diskotheken, Friseure, Beauty-Studios, Massagesalons, Rotlichtmeilen und Bordelle geschlossen. Beerdigungen werden nur noch im allerengsten Kreise vollzogen. Die Benutzung von Trauerhallen für Andachten und Ansprachen ist untersagt. Der weltumspannende Flugverkehr kommt Schritt für Schritt zum Erliegen. Verschoben werden die Olympischen Spiele wie die Fußballeuropameisterschaft. Fridays for Future und Ostermärsche sind aus dem öffentlichen Raum ins World Wide Web verbannt. Selbst Bob Dylans seit Jahrzehnten in einer Endlosschleife um den Globus rotierende Neverending Tour stoppt.

Das Virus provoziert Bilder, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte: Der Times Square, die Champs Élysées, der Rote Platz – alle nahezu entvölkert, rufen sie beklemmende Assoziationen der gespenstisch eingefrorenen italienischen Plätze auf den ‚Pittura metafisica‘ des surrealistischen Malers Giorgio de Chirico wach. Und auf dem verwaisten Petersplatz zelebriert ein einsamer Papst für die gesamte katholische Christenheit die Messe und zieht den höchsten Feiertagen vorbehaltenden Segen ‚Urbi et Orbi‘ für die Stadt in Quarantäne und den angsterstarrten Weltkreis weit in die graue Fastenzeit vor. Ostergottesdienste fallen genauso aus wie Pilgerfahrten nach Mekka.

Überall auf der Welt sieht man Menschen kopflos Klopapier horten; die Supermarktregale für Nudeln, Reis und Mehl sind in Europa so leer wie in den USA, Australien, Fernost und auf der Krim; Desinfektionsmittel, gar Mundschutzmasken, zu Prä-Corona-Zeiten ein unbeachtetes Dasein fristend, mutieren über Nacht zu raren Preziosen, um die man sich prügelt.

Mit dem öffentlichen Leben kommen auch die Kriege und Kriegsspiele zum Stillstand. Manöver aller Supermächte und Militärbündnisse werden abgesagt oder abgebrochen. In seit Jahren von Bürgerkriegen erschütterten Ländern frieren die Frontverläufe ein, die Gegner verharren in ihren jeweiligen Gräben. Sogar die Taliban erklären, angesichts Corona auf Anschläge vorerst verzichten zu wollen.

Im ganzen Land – wie hier im Rheinpark in Düsseldorf – überwachten Polizeistreifen die Einhaltung des Distanzgebotes. Ob die restriktiven Maßnahmen gegen das Coronavirus erfolgreich sind, sollte sich im Lauf der Woche zeigen.

Das Virus kennt keine Grenzen, keine Ferien, keine Sonn- und Feiertage. Es infiziert nach und nach sämtliche Lebensbereiche, allen voran die Ökonomie, wo es den gewaltigsten Börsencrash seit der Finanzkrise verursachte, den Vorboten künftiger Konkurse vor Ort. Corona ist der große Gleichmacher – vom privatesten Alltag bis in die Höhen der Weltpolitik. Plötzlich gibt es, so scheint es, keine Parteien mehr, es gibt nur noch potentielle und reale Infizierte.

Der gesamte Globus verfällt in eine virusinduzierte Schockstarre.

Was alle treffen kann, betrifft alle!

Soviel Globalität war nie?

Natürlich nicht! Corona hat die weltumspannenden wechselseitigen Abhängigkeiten nicht geschaffen, es hat sie allerdings so erbarmungslos offengelegt, dass nun keiner mehr die Augen davor verschließen kann. Weltweite Lieferketten sind gekappt. In Deutschland werden Medikamente plötzlich knapp, weil in Indien und China die Rohstoffe nicht mehr produziert werden oder die Transportwege unterbrochen sind. Global Player der Automobil-, der Maschinenbau- und der Hightech-Branche gehen in die Knie, weil die Zulieferprodukte zu spät kommen oder gar ausfallen.

Der amerikanische Präsident versucht angeblich mit hohen Bestechungsgeldern deutsche Forscher abzuwerben, um seinem Land die Exklusivrechte für einen zu entwickelnden Corona-Impfstoff zu sichern. Bauern in Niedersachsen und Baden-Würtemberg rufen verzweifelt nach polnischen, bulgarischen und rumänischen Saisonarbeitern für die Erdbeer- und Spargelernte. Städte, Regionen, nein: ganze Länder, die bis gestern überwiegend vom Tourismus lebten, steht kurz vor dem Kollaps. Regierungen spannen monströse „Rettungsschirme“ auf, pumpen Billionenbeträge in den Wirtschaftskreislauf – und legen damit die Zündschnur für die Krise von übermorgen.

Kurz: Alles hängt mit allem zusammen. Alle sind von allen abhängig. So auch in der Pandemie. Oder in den Worten von UN-Generalsekretär António Guterres:

Wir sind nur so stark wie das schwächste Gesundheitssystem in unserer vernetzten Welt.

Ärzte und Krankenschwestern kümmern sich um Patienten in einem temporären Krankenhaus für COVID-19-Kranke, das Ende März in einem Kongress- und Messezentrum in Madrid eröffnet wurde.

An Begriffen dafür hatte es auch schon vor Corona nicht gemangelt. Der leider viel zu früh verstorbene Soziologe Ulrich Beck zum Beispiel hatte Anfang dieses Jahrhunderts seinen Mitte der Achtziger Jahre geprägten Begriff „Risikogesellschaft“ zur „Weltrisikogesellschaft“ erweitert. Und Michail Gorbatschow formulierte in seinem letzten Buch lapidar: „Wir sind EINE Menschheit. Wir leben alle auf EINEM Planeten.“ Die logische Konsequenz zog der Philosoph Günther Anders angesichts der ersten globalen Gefahr, der möglichen atomaren Apokalypse, bereits in den Fünfziger Jahren: „Was alle treffen kann, betrifft alle! Es gibt nur noch ‚Nächste‘.“

So auch jetzt.

Noch einmal: All das wussten wir auch schon vor Corona. Aber wir wussten es nur! Abstraktes Wissen, das nicht mit konkreten Erfahrungen verknüpft ist, befindet sich freilich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Nichtwissen. „Was ich nur weiß, macht mich nicht heiß!“ Wenn die gegenwärtige Pandemie wenigstens eine Chance eröffnet, dann die, aus dem reinen Nur-Wissen herauszukommen! Vielleicht ja sogar – wir träumen einmal sehr gewagt nach vorne – ein bislang nahezu unbekanntes Gefühl weltweiter Verbundenheit, globaler Solidarität in ersten zaghaften Ansätzen zu entwickeln.

Ein Beispiel: Seit über zwei Wochen lebe ich in meiner Oldenburger Wohnung unter den Bedingungen der Kontaktbeschränkung des deutschen Corona-Alltags. Dieses Schicksal teile ich nahezu eins zu eins mit meinem besten russischen Freund, dem Ökonomie-Professor Ruslan Grinberg, der zeitgleich in Moskau in Quarantäne sitzt. Dass die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland seit der Ukrainekrise wieder höchst angespannt sind, spielt dabei keine Rolle. Unser Alltag unterscheidet sich gegenwärtig nur unwesentlich. Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote hier wie dort! Auch im belagerten Donbass geht es einer guten Freundin jetzt ähnlich wie mir.

Wir können skypen und uns über Gemeinsamkeiten und Unterschiede unseres gegenwärtig durch Corona stark eingeschränkten Radius austauschen. Nicht viel anders ist es im Kontakt mit einem befreundeten Künstler in der Westukraine, mit einer Freundin in Moldawien, die abwechselnd in Chişinău und im abtrünnigen Tiraspol lebt, mit einer Facebookfreundin im armenischen Jerewan ebenso wie mit einer Bekannten in Thailand, die sich, von einer Australienreise zurückgekehrt, nun durch eine endlos lange zweiwöchige Quarantänezeit in ihrem Haus nahe der Grenze zu Laos hindurchkämpft. – Die Beispiele ließen sich beliebig verlängern. Grenzen, Entfernungen im Raum, kulturelle, religiöse Differenzen spielen hier keine Rolle.

Ein Vorschlag zur Güte: Wäre es denkbar, die gegenwärtige Situation zu nutzen, im virtuellen Raum internationale Foren zum Austausch über den globalen Corona-Alltag zu gründen? Sie gar zu nutzen, um sich gegenseitig – soweit unter den gegebenen Bedingungen möglich – zu unterstützen? Immerhin verläuft die Pandemie weltweit nicht völlig synchron. Erfahrungen ‚fortgeschrittener‘ Länder könnten den Menschen in den ‚Nachzügler-Ländern‘ rechtzeitig zugänglich gemacht werden.

Und wäre es nicht angebracht, jetzt eine weltweite Diskussion, ein globales Brainstorming über die kommende Post-Corona-Ära zu starten? Konsequenzen zu ziehen, Vorschläge zu entwickeln, Forderungen zu bündeln, all das betreffend, was sich nach dieser globalen Krisenerfahrung überall und dringend ändern muss? Zum Beispiel über einen neuen Sicherheitsbegriff nachdenken, der, wie Michail Gorbatschow zusammen mit dem Friedensnobelpreisträgerforum bereits 2005 vorschlug, sich von militärischen Zielen hin zur weltweiten Garantierung der Grundbedürfnisse aller Menschen orientiert:

Grundlage der Sicherheit sollte die vorrangige Beachtung der Grundbedürfnisse der Menschen und die Achtung jedes menschlichen Lebens sein. Anstelle exorbitanter Militärausgaben, die nur die Sicherheit untergraben, müssen die Mittel der internationalen Gemeinschaft zur Lösung der Probleme der Bildung und Gesundheit eingesetzt werden, insbesondere die Bekämpfung von AIDS und Tuberkulose durch Schutz- und Präventionsmaßnahmen.

Zeit jedenfalls haben wir alle jetzt mehr als genug. Warum sie nicht nutzen?

Denn eines hat sie bewirkt, die Pandemie: Was wir vorher nur wussten, das erleben wir jetzt. Wir sind EINE Menschheit. Wir sitzen – spätestens seit Hiroshima – alle in EINEM Boot! Wenn auch, wie immer im Leben, auf sehr verschiedenen Decks und in höchst unterschiedlichen Positionen.

Aber auch auf der Titanic machte es zum Schluss keinen Unterschied mehr, ob man im Maschinenraum oder auf dem Zwischendeck, auf der Reeling oder im Salon, ob man im ölverschmierten Heizerkittel, im Nachthemd, im Livrée oder im Smoking unterging!

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

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