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Corona-Zahlen und eine bedeutende Wissenslücke beim Robert Koch-Institut

Corona-Zahlen und eine bedeutende Wissenslücke beim Robert Koch-Institut
Das Robert Koch-Institut steht in der Kritik: Die von ihm täglich veröffentlichten Corona-Zahlen seien nicht auf dem neuesten Stand. Die Zahlen sind aber auch aus anderen Gründen problematisch, denn politische Beschlüsse zur Epidemie lassen sich mit ihnen nur schwer begründen.

von Bernd Murawski 

Die bereits umgesetzten wie auch für die nächste Zeit erwogenen Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des SARS-CoV-2-Virus beruhen auf der Annahme, dass andernfalls eine Überlastung des Gesundheitssystems droht. In Großbritannien würde nach einer Studie des Imperial College London ein Bedarf entstehen, der die Kapazitäten um den Faktor acht übertrifft. Das Institut geht von einer Letalität von 0,9 Prozent aus, wobei es sich auf chinesische Daten und im Zuge der Repatriierungen erlangte Angaben stützt. In die Schätzung ist eine Dunkelziffer von 40 bis 50 Prozent mit eingespeist, das heißt bei dem angenommenen Prozentwert handelt es sich um die Infektionssterblichkeitsrate.  

Hinweisschild am Vivantes Wenckebach-Krankenhaus in Berlin (Bild vom 9. März).

Eine japanische Expertise, die auf Grundlage von Erkenntnissen in Wuhan erstellt wurde, gelangt zu einer weitaus geringeren Zahl. Aus der Annahme, dass insgesamt 19,1 Prozent der Stadtbevölkerung infiziert wurden, wird eine Mortalitätsrate zwischen 0,04 und 0,12 Prozent hergeleitet. In einem Worst-Case-Szenario, das heißt einer Infizierung von 60 bis 70 Prozent der deutschen Bevölkerung, würden es demnach etwa 43.000 Todesfälle geben.

Wird die Zahl in Relation zur Gesamttotenzahl von jährlich 850.000 wie auch zu den 25.100 Opfern der Influenzawelle 2017/18 gesetzt, erscheint sie hinnehmbar, zumal sie mit den Folgen der aktuellen Maßnahmen des Lockdown und des Social Distancing aufzurechnen wäre. Die Situation ist dann allerdings eine grundlegend andere, wenn sich der vom Londoner Institut ermittelte Wert von 0,9 Prozent als realitätsnah erweist. In diesem Fall würde sich die Todesrate veranderthalbfachen.

Zur Beurteilung der Schwere von COVID-19 ist offenbar die Infektionssterblichkeitsrate von zentraler Bedeutung. Da sie im Allgemeinen mit Krankenhauseinlieferungen und Verlegungen in Intensivstationen korreliert, gestattet sie eine ungefähre Einschätzung der zu erwartenden Belastung des Gesundheitssystems. Im Vergleich mit dem Influenza-Virus würde die Lage dadurch erleichtert werden, dass laut WHO sowohl Ausbreitungsgeschwindigkeit als auch Mutationshäufigkeit bei Corona-Viren geringer sind.   

Ungeklärtes Sterberisiko

Die Letalität eines Virus wird mittels Division der an ihm verstorbenen durch die von ihm infizierten Personen errechnet. Das Robert Koch-Institut betrachtet nun alle Todesfälle als durch SARS-CoV-2 verursacht, bei denen der Virus nachgewiesen wurde. Die Zahl wird dann durch die positiv Getesteten dividiert. Mit dieser Methode lässt sich kaum zuverlässig die Fallsterblichkeit ermitteln, und erst recht ermöglicht sie keine Rückschlüsse auf die Gesamtzahl der infizierten Personen. Wie wenig aussagekräftig die Ergebnisse des Instituts sind, zeigt ein Vergleich Deutschlands mit Frankreich. Obwohl in Deutschland 1,6-mal so viele Virusträger identifiziert wurden, hat Frankreich fünfmal mehr Tote zu beklagen.  

Um dem neuen Coronavirus Todesfälle zuordnen zu können, müssen andere Faktoren weitgehend ausgeschlossen werden. Da die verstorbenen Personen in nahezu allen Fällen an einer oder mehreren Vorerkrankungen litten, in Italien zu 99,2 Prozent, erscheint dies äußerst schwierig. Zudem gab es in Europa während der letzten beiden Jahre vergleichsweise wenige Grippefälle, sodass der Anteil der Bevölkerung mit geschwächtem Immunsystem relativ hoch liegen dürfte.

Einzig eine deutlich über dem langjährigen Durchschnitt befindliche Sterberate würde den Schluss zulassen, dass es sich bei SARS-CoV-2 um einen "Killervirus" handelt. Mit genau diesem statistischen Kunstgriff schließt das Robert Koch-Institut auf durch Viren verursachte Todesfälle, indem sie als Übersterblichkeit erscheinen. Während aktuell die verstorbenen Träger des Coronavirus täglich gezählt werden, werden Grippe- und anderen Viren in der Regel nicht erfasst. Stattdessen werden die bei nahezu allen Betroffenen gleichzeitig vorhandenen Vorerkrankungen als Todesursache angegeben.

Unbekannte Anzahl der Infizierten

Der Präsident des Robert Koch-Instituts Prof. Lothar Wieler erwartet augenscheinlich einen dramatischen Anstieg der Todesfälle, wenn er hervorhebt, dass wir uns erst am Anfang der Epidemie befinden. Um seine Annahme zu belegen, hätte er Zahlen zur aktuellen Verbreitung des Virus und dessen voraussichtlicher Expansion vorlegen müssen. Er konstatiert hingegen, dass die tatsächliche Anzahl der infizierten Personen unbekannt sei. Auch würde es keine fundierten Schätzungen geben.

Sogar großflächige Tests, wie sie in Südkorea, Singapur und Island unternommen wurden, geben nur wenig Anhaltspunkte für eine Ermittlung der tatsächlich Infizierten. Der Fall Islands erregt jedoch nicht nur besonderes Interesse, weil mit 3,7 Prozent am meisten Bürger erfasst wurden. Von den insgesamt 13.613 Personen wurden zudem 6.163 durch die Forschungsstation deCODE Genetics getestet, die die Probanden zufällig auswählte. Innerhalb dieser Gruppe zeigten 52 ein positives Ergebnis, was einem Anteil von 0,84 Prozent entspricht. Auf die Gesamtbevölkerung von 364.000 Einwohnern übertragen wären 3.071 Personen von SARS-CoV-2 infiziert. Mit den identifizierten 890 Virusträgern wären somit lediglich 29 Prozent erfasst.   

Siebzehn Personen aus dieser Gruppe sind in ein Krankenhaus eingeliefert worden, zehn befinden sich auf der Intensivstation und zwei sind verstorben. Als Fallsterblichkeitsrate errechnet sich ein Wert von 0,22 Prozent. Mit der aus den Tests von deCODE Genetics hergeleiteten Gesamtzahl von 3.071 infizierten Personen lässt sich ebenfalls die Infektionssterblichkeitsrate ermitteln. Sie beläuft sich auf 0,065 Prozent. Damit würde sie in etwa dem Wert entsprechen, der bei der japanischen Expertise zu Wuhan erzielt wurde.

Symbolbild.

Anstelle einer zufälligen Auswahl der Probanden würden sich Verfahren anbieten, die für die Demoskopie verwendet werden, wobei ein repräsentativer Schnitt der Bevölkerung getestet würde. Wie bei Meinungsumfragen dürfte eine kleinere Gruppe von etwa 1.000 bis 2.000 Personen ausreichen. Bei einer Fehlertoleranz im einstelligen Prozentbereich ließe sich der Anteil der von SARS-CoV-2 Infizierten an der Gesamtbevölkerung und somit auch ihre absolute Zahl ermitteln.

Wieler behauptet nun, dass repräsentative Stichproben nicht möglich seien, weil Tests für einen Antikörpernachweis fehlen würden. Dieses Manko wäre vernachlässigbar, wenn entsprechende Erhebungen bereits seit Wochen unternommen worden wären. Prof. John Ioannidis sieht in diesem Versäumnis den zentralen Grund, weshalb politische Entscheidungsträger aktuell im Dunkeln tappen. Die Tests sollten nach seiner Auffassung nicht nur einmalig erfolgen, sondern regelmäßig wiederholt werden, damit neben der Schwere der Erkrankung auch die Ausbreitungsweise und -geschwindigkeit des Virus festgestellt werden kann.

Unbestreitbar würden Angaben zur Verbreitung des Virus, so unvollkommen sie auch sein mögen, die Suche nach adäquaten Handlungsstrategien bedeutend erleichtern. Es ließe sich feststellen, welche Versuche einer Eindämmung sich bislang als erfolgreich erwiesen haben. Ferner könnte auf verlässliche Weise von Erfahrungen anderer Staaten profitiert werden. Ebenso ließen sich alternative Konzepte wie das einer "Durchseuchung" der Bevölkerung bei gleichzeitig erhöhtem Schutz von Risikogruppen besser beurteilen. Der hohe Grad an Unsicherheit, der sich sowohl in offiziellen Stellungnahmen als auch bei Gesprächsrunden offenbart, würde einer fundierten und zielgerichteten Strategie zur Abwehr der durch den SARS-CoV-2 heraufbeschworenen Gefahren weichen.

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