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Ein endloser Agententhriller: Die Enthüllungen von Bellingcat zu Alexander Petrow

Ein endloser Agententhriller: Die Enthüllungen von Bellingcat zu Alexander Petrow
"Sind Sie das?", fragt die RT-Chefin Margarita Simonjan Alexander Petrow und Ruslan Boschirow. Auf Nachfrage der BBC sagte die Journalistin, sie habe sowohl bei den Verdächtigen wie auch bei britischen Geheimdiensten gleich wenig Grund, ihnen zu glauben.
Nur einen Tag nach dem RT-Interview mit den angeblichen Tätern Boschirow und Petrow gelang dem Rechercheteam Bellingcat eine neue Enthüllung: Geleakten Daten zufolge sollen die beiden doch Agenten sein. Diese Behauptung wurde von Westmedien kritiklos übernommen.

Tatsächliche und vermeintliche Unstimmigkeiten in den Aussagen der beiden von Großbritannien beschuldigten russischen Staatsbürgern im RT-Interview sorgen auch Tage nach der Ausstrahlung für Diskussionsstoff in sozialen Medien. Das Recherchenetzwerk Bellingcat und das Nachrichtenportal The Insider preschten vor und präsentierten gleich am nächsten Tag eine weitere "Enthüllung".

Salisbury, 10.März: Auch das Grab der verstorbenen Ehefrau von Sergej Skripal war ein Schauplatz für die Schutzanzüge tragenden Ermittler. Das Nowitschok habe sich an dem Blumenstrauß befunden, den der Witwer an dem Grab abglegte, war eine der zahlreichen Theorien der Ermittler.

Dieser zufolge soll zumindest Alexander Petrow "nachweislich" ein Agent der russischen Geheimdienste sein. Die nicht näher genannten Informanten sollen den Journalisten Petrows Personendaten aus der zentralen Datenbank des Föderalen Anmelderegisters zugespielt haben. So soll beispielsweise der gestempelte Vermerk "keine weitere Auskunft geben" – russisch сведений не давать – in den vom 19. November 2009 datierten Akten zu Petrow auf dem Blatt für dienstliche Vermerke ein Indiz der Zugehörigkeit zu Geheimdiensten sein. Auf dem gleichen Blatt oben steht auch eine handschriftliche Notiz "Es gibt einen Brief" mit der russischen Abkürzung "C.C.", was vermutlich für совершенно секретно – zu Deutsch "streng geheim" steht.

Der Stempel-Vermerk сведений не давать kommt noch einmal vor – aus dem Blatt mit den persönlichen Passdaten –, zusammen mit der Nummer 195-79-66. Links unten steht in handschriftlicher Druckschrift Петров Александр Евгеньевич – Petrow Alexander Jewgenjewitsch. Auch ein Passfoto des jüngeren Alexander Petrow wurde veröffentlicht. Am gleichen Tag veröffentlichte die BBC den ganzen Fragebogen mit den persönlichen Angaben von Alexander Petrow, vermutlich aus derselben Quelle, mit seinen handschriftlichen Angaben beim Antrag auf die Ausstellung eines Passes. Bellingcat und The Insider zeigten in ihren Artikeln nur den oberen Ausschnitt des Fragebogens.

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Vor allem diese Vermerke sollen laut Bellingcat den russischen Bürgerbüros signalisieren, dass es sich bei Alexander Petrow um einen Geheimdienstmitarbeiter handelt. Auch die Tatsache, dass es in der Datenbank des Föderalen Anmelderegisters keine Angaben aus dem Zeitraum vor dem 19. November 2009 – dem Tag des Passantrages – gibt, sei mehr als verdächtig. Ein weiteres Indiz, das Stoff für Spekulationen bot, sollen auch die letzten Ziffern – 1294 und 1297 – in den Reisepässen die beiden vermeintlichen Täter sein. Das zeige, dass die Reisepässe beiden zeitgleich ausgestellt worden sein könnten.

Russlands OPCW-Vertreter Alexander Schulgin.

Diese Enthüllungen passten sehr gut in das Narrativ, das sofort nach der Ausstrahlung des Gespräches zum Konsens in den westlichen Medien wurde: Die beiden russischen Männer seien nach ihrer ungeschickten Darbietung im russischen Staatsfernsehen sehr wohl Geheimdienstagenten, die die Skpripals vergifteten. Bereitwillig und kritiklos übernahmen auch die deutschen Medien die Darstellungen von Bellingcat und dessen Medienpartnern. Augenzwinkernd kürte Der Spiegel Petrow und Boschirow zu "Verlierern des Tages", deren Identitäten "offenbar" erst seit 2009 existieren.

Aber wie es oft so ist, der Teufel liegt im Detail. Viele Internetnutzer in Russland – auch namhafte Personen des öffentlichen Lebens – kritisierten die "geleakten" Informationen als politisch motiviert und in sich unstimmig. Auf den raschen Zeitpunkt der Veröffentlichung – nur einen Tag, nachdem die beiden Verdächtigen ihre Identitäten als Petrow und Boschirow bestätigt hatten –, wies die Pressesprecherin des Außenministeriums Maria Sacharowa hin. London habe lange behauptet, die gesuchten Personen seien unter falschen Namen eingereist. Die Datenbank-Informationen wurden dann kurzfristig "geleakt", nachdem die beiden Männer ausfindig gemacht worden waren. Sacharowa warf auf Facebook die Frage auf, warum es für Bellingcat einfacher gewesen sei, "die Personendatenbank des Anmelderegisters" zu hacken, als wenigstens einen Beweis der "Beteiligung" Petrows und Boschirows an der Vergiftung zu finden.

Für Sacharowa sprach dieser Umstand für die "Nähe" von Bellingcat zu britischen Geheimdiensten, die über das angeblich unabhängige Medium absichtlich Desinformation verbreiteten. Es ist bekannt, dass der Gründer des Netzwerkes Eliot Higgins ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Thinktanks Atlantic Council ist. Er macht keinen Hehl aus der Tatsache, dass Russlands "Lügen" den Kern der Untersuchungen seines Recherchennetzwerkes darstellen – das behauptete er im Jahre 2016 in einem DW-Interview

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Der russische Historiker, Leiter der Stiftung "Historisches Gedächtnis" und Mitglied der Akademie der Wissenschaften Alexander Djukow machte auf den namentlich genannten Mitarbeiter des Bellingcat-Netzwerks Sergej Kanew aufmerksam. Kanew soll im Jahre 2004 einen Film namens "NKWD und Gestapo: Eine Vernunftsehe" gedreht haben, der auf einer groben Fälschung basiere. Zu diesem Zeitpunkt sei schon lange bekannt gewesen, dass das geheime Abkommen zwischen NKWD und Gestapo von 1938 eine Fälschung der russischen Antisemiten von "Pamjat" aus dem Jahre 1999 war.

Statt journalistische Standards einzuhalten, hielt es Kanew für wichtiger, eine Fälschung zu verbreiten. Und jetzt zeigt er uns einen neuen 'Bericht'. Werden Sie ihm auch jetzt glauben?", fragte Djukow auf Facebook.

In einem weiteren Kommentar auf Facebook machte der für seine Archivarbeit bekannte Historiker auf mehrere "Seltsamkeiten" in Kanews Untersuchung aufmerksam – eine davon sei die Angabe einer Registrierungs- oder Telefonnummer bei dem behördlichen Stempel "ganz geheim". Es gebe außer dem Verteidigungsministerium auch viele andere Behörden, die mit Staatsgeheimnissen zu tun hätten. Der Historiker stellte die Frage, ob das Föderale Anmelderegister nun für jede Behörde einen Extra-Stempel einführen sollte. In der Sachbearbeitung sei es üblich, für variable Daten eine Leerstelle für handschriftliche Angaben zu lassen. Außerdem sei zweimal auf Vor- und Rückseite desselben Blattes das Gleiche gestempelt, was auch wenig Sinn mache. Eine Doppelung sei auch der Vermerk "Ein Brief liegt vor", denn es sei klar, dass die Einstufung "streng geheim" aufgrund irgendwelcher Schriftdokumente erfolgt sein muss. Außerdem gebe es selbst für Mitarbeiter von Geheimdiensten keinen Vermerk "streng geheim", sondern nur "geheim".

Ob der Historiker Djukow mit seinen Zweifeln an der Echtheit der Daten von Bellingcat Recht hat oder nicht, lässt sich ebenso wenig überprüfen wie deren Echtheit – solange die britischen Behörden dem russischen Ermittlungskommitee jegliche Zusammenarbeit verweigern. So gibt es im Fall Skripal auch niemanden, der eine fachliche und ermittlungsgerechte Quellenkritik für verschiedene Informationen leisten kann, die derzeit im Umlauf sind. Der Agententhriller über die Vergiftungen in Salisbury wird damit also weitergehen. 

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