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Über die Russenpeitsche, die byzantinische Finsternis und das Rätsel der russischen Seele – Teil 3

Über die Russenpeitsche, die byzantinische Finsternis und das Rätsel der russischen Seele – Teil 3
"Das Mutterland ruft" - Monumentalstatue auf dem Mamayev-Hügel, Teil der Gedenkstätte für die Schlacht von Stalingrad im Zweiten Weltkrieg.
Zwischen Russophilie und Russophobie. In einem vierteiligen Essay zeichnet RT Deutsch die Geschichte des Russlandbildes im Westen nach. Teil 3 handelt von Russlands blutiger Geschichte und der "byzantinischen Finsternis" als ein Erbe des Römischen Weltreiches.

von Günther Hirsch

Weitere Teile dieser Serie:

Teil I – Das neue Russland-Feinbild

Teil II – Russland als Alter-Ego des Westens

Teil IV – Moskau als "Drittes Rom" und Putin als Synonym für Russland

Teil III – Russlands blutige Geschichte und das Erbe des Römischen Weltreiches

Dem russischen Gemüt wird seit jeher eine große Schwermut nachgesagt. Vielen westlichen Russlandreisenden fiel die Traurigkeit der Gesänge, die Wehmut in den Weisen der einfachen Menschen auf. Immer in sehr weicher Tonart Leid und Schicksal thematisierend.

Aber Russlandreisende vergangener Jahrhunderte bemerkten auch immer wieder die groben Umgangsformen, sinnlichen Ausschweifungen und das unendliche Phlegma.

Viele Autoren meinten, Russland habe die Duldsamkeit und Leidenskraft im Laufe seiner grausamen Geschichte kultiviert und dabei einen erstaunlichen Fatalismus gegen sein Schicksal entwickelt. Dieser Fatalismus äußere sich in Tolstois radikaler Forderung, sich dem Bösen nicht mit Gewalt zu widersetzen. Bei Iwan Gontscharows berühmtem Romanhelden Oblomow gipfelt die Schicksalsergebenheit schließlich in völliger Lethargie.

Kaum ein Geschichtsbuch verzeichnet so viele Tragödien und Grausamkeiten, wie das russische. So deuten viele Russlandbeschreibungen die rätselhafte Leidensfähigkeit des Volkes als ein Ergebnis der historischen Ereignisse sei den Anfängen des Landes.

Russlands blutige Geschichte als eine Kette von Prüfungen

In der Tat ist Russlands Geschichte geprägt von zahlreichen Gräueln, Erschütterungen, plötzlichen Umbrüchen und Katastrophen. Von den Mongolenstürmen, dem Tartarenjoch, den osmanischen Überfällen bis ins 18. Jahrhundert, dem Einmarsch Napoleons, dem überstürzten Aufstand der Dekabristen und das darauffolgende Blutbad durch Zar Nikolai I., dem Petersburger Blutsonntag, bis hin zu den Tragödien des Stalinismus und des faschistischen Überfalls. Die Russen erlebten diese blutige Geschichte in ihrem Selbstbild als eine Kette von Prüfungen. Russland, sagt der Sozialphilosoph Karl Nötzel, empfände sich als eine Art Christus der Nationen, welcher sich Jahrhundertelang für andere aufgeopfert habe.

Im "Tagebuch eines Schriftstellers" sagt Dostojewki über den Hang der Russen zum Leiden: "Ich glaube, das wichtigste, das wesentlichste geistige Bedürfnis des russischen Volkes ist das Bedürfnis, immer und unaufhörlich, überall und in allem zu leiden. Mit diesem Lechzen nach Leid scheint es von jeher infiziert zu sein. Der Strom der Leiden fließt durch seine ganze Geschichte; er kommt nicht nur von äußeren Schicksalsschlägen, sondern entspringt der Tiefe des Volksherzens. Das russische Volk findet in seinem Leiden gleichsam Genuss."

Und Tolstoi fand an einer Stelle seines Romans "Anna Karenina" die Rechtfertigung des russischen Volkes für sein Verharren in Jahrtausende langer Knechtschaft darin, dass das russische Volk die Knechtschaft der Sünde vorgezogen und dabei wohl gewusst habe, dass niemand über seinesgleichen herrschen könne, ohne sich versündigen zu müssen an ihnen. Später meinten einige Kritiker, Tolstoi habe damit aus der Not eine Tugend gemacht, für den von Haus aus gemütsweichen Russen.

Im Russischen wird der Delinquent auch als "Unglücklicher" bezeichnet. Ein Hinweis darauf, wie wenig der Mensch seines Glückes Schmied und für sich verantwortlich ist. Dem Opfer fällt die Rolle eines Märtyrers zu. Ein Wertesystem, wie es dem westlichen verschiedener kaum sein kann.

Das unschuldige Erdulden von Leid gilt als Möglichkeit, Ideale und Utopien zu verwirklichen und selbst der Atheismus bringt solcherart Märtyrer hervor. Dostojewsky schreibt in "Der Idiot", dass der russische Atheismus – ähnlich wie der Glaube – zuweilen religiös-fanatische Züge annehmen kann. Er wird zu einem Atheismus mit quasi-religiöser Emphase: "Der russische Atheismus und die russischen Jesuiten gehen ja nicht nur aus schlechten, eitlen Gefühlen hervor, sondern auch aus seelischem Schmerz, aus geistigem Durst ...! Ein Russe kann so leicht Atheist werden, leichter als alle anderen Völker auf der ganzen Welt! Und wir werden auch nicht einfach Atheisten, sondern glauben fest an den Atheismus wie an eine neue Religion."

Distanziert: Barack Obama und Wladimir Putin beim G8-Gipfel 2013

"In dieser schrecklichen Freiheit des Geistes, in dieser Fähigkeit, sich überraschend vom Boden, vom Alltag, von der Geschichte loszureißen, all seine Schiffe zu verbrennen, im Namen einer unbekannten Zukunft mit seiner Vergangenheit zu brechen - in dieser willkürlichen Entwurzelung besteht eine der tiefsten Besonderheiten des russischen Geistes. Wir sind sehr schwer in Bewegung zu setzen; wenn wir uns aber in Bewegung gesetzt haben, gehen wir bei allem, bei Gut und Böse, bei Wahrheit und Lüge, bei Weisheit und Wahnsinn bis zum Äußersten.", schreibt Dmitrij Mereschkowski.

Die russische Seele sei bereit, allerlei Pein im Namen religiöser oder ideologischer Systeme zu ertragen, ohne die durch jene versprochenen Segnungen jemals zu empfangen, liest man bei vielen Autoren auch.

Doch Rilke sah in dieser Duldsamkeit und Leidensfähigkeit der Russen sogar einen Weg zur Freiheit: "Es gibt da für die slawische Seele wenigstens einen Grad der Unterwerfung, der so vollkommen genannt zu werden verdient, dass er ihr, selbst unter dem aufliegendsten und beschwerendsten Drucke, etwas wie einen heimlichen Spielraum schafft, eine vierte Dimension ihres Daseins, in der nun, mögen die Zustände noch so bedrängend werden, eine neue, endlose und wahrhaft unabhängige Freiheit für sie beginnt."

So schenkte die rätselhafte, leidensbereite russische Seele in größter Not ein Gefühl von Überlegenheit – und so konnte sie in ihrem Verständnis ihren größten Peinigern wenigstens ein moralisches Überleben abringen. Dem, der Marter und Knechtschaft duldend erträgt, wird moralische Überlegenheit zugesprochen. Dieser Topos lebte fort bis in die rotarmistischen Heldenepen sowjetischer Kriegsfilme.

Die Läuterung, oder auch Katharsis im Leid ermöglicht es, das Schicksal noch geduldiger zu ertragen und ihm in passiver Tugend einen höheren Sinn zu verleihen. Die Rationalität aktiver Tugenden liefe dieser Gabe eindeutig zuwider. Und diese Idee altgriechischer Katharsis, die dem Westen verloren gegangen sei oder von der der Westen sich entfremdet hätte, habe sich das russische Wesen aus dem griechisch-römischen Kulturkreis bewahrt.

Ziemlich verächtlich äußerte sich der amerikanische Slawist Daniel Rancour-Laferriere. In seinem 1995 erschienenen Buch "The Slave Soul of Russia: Moral Masochism and the Cult of Suffering" verurteilt er die russische Seele als Sklavenseele und erklärt deren Leidenskult schlicht mit moralischem Masochismus. In Rancour-Laferrieres Kritik spricht schier die amerikanische Grundhaltung, die das aktive, eigenverantwortliche Streben nach individuellem Lebensglück als höchste der Daseinsformen betrachtet.

In solchen Vorstellungen wird auch die Kehrseite des Mythos von der russischen Seele sichtbar: ihr Bild als rückständig, vormodern, unaufgeklärt, unterzivilisiert, schwermütig, roh, patriarchalisch, barbarisch, sklavisch, Illiberal, wie es unaufhörlich die Erzählungen der westlichen Medien reproduzieren.

Russophobie

Mit diesen, durch ständige Repetition gefestigten Attributen, beschreibt der Westen am russischen alles, von dem er sich distanziert. Und mit tief, naturgebunden, sinnlich, kraftvoll, empathisch, beschreibt ein anderer Teil des Westens alles, mit dem er am Russischen sympathisiert.

Was für die Russophilen Ausdruck einer ursprünglichen Dörflichkeit und Verbundenheit mit der Natur der Erde wie des Menschen ist, ist für die Russophoben schlicht Rückständigkeit und Tristesse, bestenfalls naive Fortschrittsresitenz. Was für die einen Metaphysik und Sinnlichkeit sind, ist für die anderen vormodern oder sentimental. Was für die einen Melancholie, Duldsamkeit und Leidenskraft sind, ist für die anderen nur Ausdruck der Obrigkeitshörigkeit einer Sklavennatur.

Die augenblicklich anhaltende Russlandschmähung in unserer Medienwelt, wie jene, die aus der Gesinntheit vieler Menschen spricht, hat jedoch etwas Besonderes, was über die übliche Befangenheit aufgrund jahrhundertealter Feindseligkeiten gegenüber Nachbarvölkern hinausgeht: sie speist sich aus tradierten Stereotypen einer byzantinischen Finsternis und Häresie, aus einem tief verwurzelten Mythos, mächtig und geheimnisvoll wie der Ritus des Antichristen. Russland gilt nicht nur als zivilisatorisch zurückgeblieben, es hat darüber hinaus ein "Dämonisches Wesen", welches ihm aus seinem byzantinisch-orthodoxen Erbe zufällt.

Das ketzerische Reich im Osten

Der russophobe Topos basiert nämlich auf der traditionellen Beschreibung Russlands als eines Gegen-Reiches, einer Art "Spiegel-Zivilisation" oder als häretischer Seitenzweig und entspringt der Erzählung vom verdorbenen, ketzerischen Reich im Osten, einer von Grund auf anderen Kulturalität, von welcher sich der Westen seit christlichem Gedenken bedroht fühlt.

Dieses voreingenommene und feindliche Verhältnis des Westens gegenüber Russland und den Ostslawen ging ursprünglich aus dem Schisma der Römischen Kirche hervor. Es wurde dann erneuert während der Renaissance, dem Zeitalter der Eroberungen und Entdeckungen und im 19. und 20. Jahrhundert unter rassistischen Gesichtspunkten vom "slawischen Untermenschen" neu adaptiert.

Weil also der Konflikt zwischen dem Westen und Russland seine tiefen Wurzeln im Konflikt zwischen der griechischen und lateinischen Kirche hat, muss man zu dessen Verständnis auch über die Christenheit sprechen und über die Folgen der als ketzerisch empfundenen Abspaltung des byzantinisch-orthodoxen Glaubens, der ein Glaubenskrieg verschwisterter Kulturen ist. Messianischen Ideologien sind Heiden im Zweifel lieber als Ketzer, und Ungläubige lieber als Falschgläubige.

Die Vorurteile gegenüber dem Russischen bedienen sich in ihrem byzantinischen Bezug also einer Art Orientalisierung, welche auf einem Missverständnis beruht. Denn im Unterscheid zu der arabischen Welt war Russland kein radikales Gegenteil, sondern das verdorbene Spiegelbild: eine christlich-ketzerische Zivilisation - so wurde über viele Jahrhunderte der orthodoxe Glaube empfunden -, ein spätantikes Erbe, dem der Westen noch im Mittelalter äußerst feindselig gegenüberstand. Russland fungiert hier quasi als Anti-Zivilisation, als Projektionsfläche des Westens, die zu einem Teil seiner eigenen Identität wurde und dort dazu diente, das Negativ des eigenen Selbstbildes zu konstruieren.

Die Östliche Kirche wurde, weil sie sich auch nach zahlreichen, teils gewaltsamen Versuchen der Unierung, der Weströmischen Kirche nicht unterstellen wollte, als Gefahr für das System der westlichen Weltbeschreibung in Gänze wahrgenommen. Die Byzantinisch-Orthodoxe Kirche galt als der Hort des Antichristen, der Abtrünnigen im Orbus Christianus. Die Östliche Kirche ihrerseits empfand die Römische mit ihren archaischen Riten und ihrer eifrigen Staatsfrömmigkeit als eine heidnische, als durch und durch korrupt, eine Kirche die Ämter verkaufte, in ihrem Reichtum schwelgte, ihren Besitz Verwandten und Günstlingen zuschanzte und Exorzismus wie Ablasshandel betrieb. Dies führte über die Jahrhunderte zu fortschreitender Entfremdung und gegenseitiger Exkommunizierung.

Aus diesem, von der westlichen Geschichtsschreibung mit Schreckensmythen angereichertem byzantinischen Topos speist sich bis heute auch das Hauptmotiv, Russland sei ein Land ewiger Unterwürfigkeit und Rückständigkeit, das absolute Gegenteil der westlichen Zivilisation mit ihrem positiven Recht, ihrem Fortschrittsstreben und ihrem individuellen Glücksversprechen. Das russische Volk sei dagegen eines, das Kraft seiner Geschichte und Genetik zur freiwilligen Sklaverei neige und zur Demokratie nicht fähig sei.

Das byzantinische Bild von der Despoten- und Sklavennatur scheint auch in einem Meinungsbeitrag von Gottfried Vogel auf, der im Tagesspiegel am 11.03.2012 schreibt: "Russland kennt die Demokratie nach unseren Wertvorstellungen nicht. Und ich bezweifle auch, dass das jemals der Fall sein wird. Wer die russische Seele annähernd kennt, weiß, dass die Russen immer einen 'Natschalnik' brauchen, um ihre Richtung zu finden. Es liegt in ihrer Mentalität, einen starken Führer zu haben, und dann leisten sie Außergewöhnliches! Das hat die Geschichte bewiesen. Ein Ziel vor Augen, gepaart mit Hartnäckigkeit und Ausdauer, hat sie zur Weltmacht werden lassen. Da kommt Putin gerade recht, weil er die Charakterzüge seines Volkes bedient. Die in Russland durch das Internet entstandene Oppositionsbewegung mag zwar menschenrechtlich gesehen richtig liegen, aber sie hat keine Chance gegenüber der Mentalität der Masse."

Konstantinopel – das neue Rom

Nachdem Kaiser Konstantin im Jahr 330 das neue Rom im damaligen Byzantion am Bosporus errichten ließ, welches nach seinen Vorstellungen als neue Hauptresidenz der römischen Kaiser prachtvoller und mächtiger werden sollte, als das alte Rom je war, wollte er als erster christianisierter Kaiser nicht nur näher an den heiligen Stätten Jerusalems sein, sondern er tat dies wohl schon in der Vorahnung, dass Rom auf Dauer der einsetzenden Völkerwanderung nicht würde standhalten können und unter dem Ansturm der "Barbaren" niedergehen würde. Die dann einsetzenden Überfälle der Horden aus Germanen, Westgoten und später der Langobarden machten aus der einstigen Millionenstadt Rom ein Kaff mit weniger als 20.000 Einwohnern und besiegelten den Verfall des westlichen, europäischen Riesenreiches. Und während die Römische Antike in Byzanz bis ins 8. Jahrhundert andauerte, nahm zugleich ein amnesisches Frühmittelalter im westlichen Europa seinen traurigen Anfang.

Schon kurz nach der konstantinischen Wende erfolgte die Reichsteilung von 395 mit ihrer Zweikaiserherrschaft. Nach dem endgültigen Untergang Roms im Jahr 476 war nun Konstantinopel das Zentrum des Römischen Weltreichs. Nicht nur staatsrechtlich, sondern vor allem kulturell war das byzantinische Konstantinopel die Fortsetzung des einstigen großen Roms und das römische Selbstverständnis hat diese Zurücksetzung wohl nur schwer verkraftet.

Das Oströmisch-Byzantinische Reich überdauerte den Zusammenbruch des Weströmischen Reiches um fast 1000 Jahre und ging erst 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II. unter. Als zweites Römisches Reich existierte das Byzantinische Reich über viele Jahrhunderte fort, während der Rest Europas in tiefe Bedeutungslosigkeit und Geschichtsvergessenheit des Frühmittelalters versank. "Nova Roma" war der würdige Nachfolger des alten Rom, dem in Byzantion die griechische Geistesgeschichte als Erbe noch hinzugewachsen war.

Die Schulen, die gelehrten Klöster, das Staatswesen des Oströmischen Reiches, das byzantinische Rechtssystem, dessen Architektur, Kunst und Wissenschaft, erlebten eine über viele Jahrhunderte andauernde, spätantike Blüte, bis es sich 1453, durch den Überfall der Osmanen zum Rückzug nach Norden gezwungen, zunächst nach Kiew, später in das Fürstentum der Moskowiter flüchtete, um hier im 16. Jahrhundert schließlich die Errichtung des "Dritten Rom" auszurufen.

Das Erbe des Römischen Weltreiches

Zwar wurde die Byzantinisch-Orthodoxe Kirche von der Römischen später, und teils bis in die jüngste Geschichte hinein als abtrünnig, als ein häretischer Seitenzweig begriffen – tatsächlich aber war es eher umgekehrt – das Weströmische Reich war der absterbende Seitenzweig und seine päpstliche Kirche hörte über viele Jahrhunderte fast gänzlich auf zu existieren und lebte in ihrer ursprünglichsten Form nur noch in der Kirche des Östlichen Reiches fort mit seinem Zentrum in Konstantinopel. Das Wort byzantinisch ist dabei eine westliche, pejorative Wortprägung – die Kaiser und Metropoliten Konstantinopels nannten sich selbst Römer oder Rhomäer.

Viele Jahrhunderte war nun die Stadt am Bosporus das Zentrum der Welt. Während seiner Glanzzeit reichte das aus dem Rumpf des Römischen Weltreiches hervorgegangene Byzantinische Reich, vom Kaukasus bis zum Atlantik, von der Krim bis zur Halbinsel Sinai und vom Balkan bis zur Sahara. Einige Historiker beschreiben das Konstantinopel jener Zeit als "reich an Ansehen und noch reicher an Besitz". Westliche Reisende erblickten diese Metropole mit Staunen und Bewunderung.

Der Kreuzritter Robert de Clari rief aus: "Seit die Welt besteht, hat noch niemand einen solch großen Schatz gesehen oder erobert. Ich glaube auch nicht, dass in den fünfzig reichsten Städten der Welt so viel Reichtum vorhanden ist, wie in der Leiche Konstantinopels gefunden wurde." Byzantinisches Recht, Regierungsform, Erfindungen und Gebräuche wirken in bis in unsere Zeit. So wurde das berühmte Corpus Juris Civilis, eine von Justinian erstellte Sammlung von Rechtsgrundsätzen, zur Grundlage des römischen Rechts im heutigen kontinentalen Europa und durch den Code Napoléon gelangten diese byzantinischen Grundsätze in die westliche Welt, wo sie bis heute die Rechtssysteme beherrschen.

Auch der byzantinische Wohlfahrtsstaat bot seinen Bürgern lebenslang sehr soziale Dienste: Es gab staatliche Lebensmittelvorräte und gemeinnützige Versicherungen. Für Bedürftige wurden Arbeitsplätze in Bäckereien und Gärten vorgehalten. Hospitäler, Armen- und Waisenhäuser wurden großzügig alimentiert. Auch die Verwaltung war bekannt für ihre Effizienz: Das Geldwesen, Maße, Gewichte und Warenqualität wurden streng überwacht. Der von Konstantin eingeführte goldene Solidus behielt tausend Jahre lang seinen Wert und war die stabilste Währung in der Geschichte.

Es leuchtet ein, dass andere Herrscher mit Neid auf Konstantinopel schauten und wiederholt versuchten, seine Stadtmauern zu bezwingen oder das Reich an seinen Rändern anzugreifen. Ebenso Einleuchtend ist, dass Rom - als einstiges unangefochtenes Weltreich - sich mit seiner historischen Zurücksetzung nur schwer abfinden konnte.

Byzantinische Finsternis

Nicht nur die machtpolitischen, auch die kulturellen Differenzen zwischen Rom und Konstantinopel treten in der Zeit nach dem 7. Jahrhundert offen zutage: byzantinische Griechen sahen Römer als ungebildet und barbarisch an, Römer empfanden Griechen als hochnäsig und spitzfindig.

Warum assoziiert man nun das Wort "byzantinisch" mit Intrige, Heimlichtuerei, Heuchelei, Unterwürfigkeit und Verrat? Zahlreiche westliche Geschichtsschreiber und Theologen vom frühen Mittelalter bis zur Aufklärung erzählten genau diese "Geschichte vom Byzantinischen" und schrieben den Byzantinern alles erdenklich Böse zu: sie sprachen von Vergiftungen, Blendungen, Erdrosselungen, Pfählungen, Ersäufungen, Verstümmelungen, endlosen Köpfungen und lebendigem Begraben werden. Diese monströsen Erzählungen waren zum großen Teil stark übertrieben und dienten schon damals dem Feindbildaufbau gegen die abtrünnigen Christen im Osten. (In der Informatik nennt man übrigens heute einen "byzantinischen Fehler" ein durch falsche Information korrumpiertes System.)

Es waren allerdings keineswegs innenpolitische Intrigen und Machtkämpfe, die Konstantinopel zu Fall brachten. Es sollte bis ins Jahr 1204 dauern, bis die nun vor allem durch Raub zu neuem Reichtum gekommenen Venezianer den Orden auf seinem 4. Kreuzzug gen Jerusalem überredeten, vorher noch Konstantinopel zu überfallen, zu plündern und um die Ketzer der Griechischen Kirche zur Unierung mit der Lateinischen zu zwingen. Kreuzfahrer zerstörten die Stadt und schleppten ihre Beute nach Rom, Venedig, Paris oder Turin. Auf diese Weise gelangten auch die Schriften Platons und Aristoteles in die westlichen Metropolen und begründeten später dort die Renaissance eines neu erwachenden Europas.

In den folgenden drei Jahrhunderten nach der Plünderung und Brandschatzung durch die Venezianer musste das Oströmische Reich sich gleichermaßen gegen die Überfälle der Osmanen und gegen die seiner römischen Glaubensbrüder wehren. Als Konstantinopel Mitte des 15. Jahrhunderts fiel, war es wiederholt vor die Wahl gestellt, sich mit der Römischen Kirche zu vereinen, um Hilfe gegen die Osmanen zu erhalten, oder von den Truppen des osmanischen Sultans überrannt zu werden. Für die stolzen Metropoliten von Konstantinopel war dies kein Angebot. Rom, wusste Kaiser Konstantin XI., würde die versprochene Hilfe ohnehin nicht zuteilwerden lassen. Die Orthodoxen verweigerten mehrheitlich den Beitritt. Die Byzantinisch-Orthodoxe Kirche meinte noch die Standhaftigkeit der Urchristen zu haben und zog es vor, für ihren Glauben in das Martyrium zu gehen.

Lesen Sie im abschließenden Teil 4 über Moskau als "Drittes Rom" und Putin als Synonym für Russland.

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