Muttermilch war gestern: Wie US-Delegierte versuchten, eine WHO-Resolution zu verhindern

Muttermilch war gestern: Wie US-Delegierte versuchten, eine WHO-Resolution zu verhindern
Symbolbild
Muttermilch gilt für neue Erdenbürger als besonders gesundheitsfördernd. Dieser Ansicht waren auch hunderte Delegierte der UN-Weltgesundheitsorganisation. Nicht so, die erzürnten US-Delegierten. Schließlich sind alternative Produkte ein Multimilliarden-Geschäft.

Schon der gesunde Menschenverstand legt nahe, dass es sich bei Muttermilch um ein spezielles Elixier handelt, das Neugeborene mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt und dadurch einen optimalen Start ins Leben ermöglicht. Dennoch, in den vergangenen Jahrzehnten reihte sich eine Untersuchung an die nächste, um diese mutmaßlich simple Tatsache auch wissenschaftlich zu untermauern.

(Symbolbild).

Im Frühjahr ging es bei einer Zusammenkunft der UN-Weltgesundheitsversammlung nun darum, die entsprechende Erkenntnis in eine Resolution einfließen zu lassen. Demnach seien die gesundheitsfördernden Inhalte der Muttermilch nicht zu ersetzen, und die Mitgliedsstaaten sollten daher Maßnahmen ergreifen, um irreführende Kampagnen für Ersatzprodukte zu "limitieren". Doch hunderte von Delegierten machten die Rechnung ohne die US-Gesandten.

Zum Erstaunen der versammelten internationalen Gemeinschaft wehrten sich die US-Offiziellen gegen die vermeintlich konsensfähige Resolution und versuchten, für sie zu weitreichende Passagen des Resolutionstextes zu verwässern. So etwa störten sich die Gesandten Washingtons daran, dass die Regierungen dazu aufgerufen wurden, das "Stillen zu schützen, zu fördern und zu unterstützen." Eine weitere Textpassage, die dazu aufrief, "die Förderung von Lebensmittelprodukten zu beschränken, von denen viele Experten sagen, dass sie schädliche Auswirkungen auf junge Kinder haben können", schmeckte den US-Delegierten ebenso wenig.

Doch der Änderungswunsch wurde abgewiesen und ließ die US-Gesandten zu speziellen Maßnahmen greifen, um ihrem Anliegen den notwendigen Nachdruck zu verleihen. Wie die New York Times mit Berufung auf anwesende Diplomaten und Regierungsangestellte berichten, ging man nun dazu über, den wirtschaftlichen Werkzeugkasten zu öffnen und die Daumenschrauben anzuziehen. Als einen der Ersten traf es den kleinen südamerikanischen Staat Ecuador. Quito hatte sich angemaßt, die Resolution anzunehmen.

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"Unverblümt" wurde den Südamerikanern damit gedroht, "wirtschaftliche Strafmaßnahmen zu entfesseln und wesentliche militärische Hilfe zurückzunehmen." Prompt beugte sich Ecuador dem US-Diktat.

Aus Furcht vor US-Vergeltungsmaßnahmen baten die über ein Dutzend Teilnehmer der UN-Konferenz, die den fragwürdigen Vorgang wiedergaben, um Anonymität. Ihren Schilderungen nach wurden mit gleichen Maßnahmen gezielt arme afrikanische und lateinamerikanische Staaten angegangen, um einen Keil zwischen die Delegierten zu treiben.

"Wir waren wie vor den Kopf gestoßen, entsetzt und tieftraurig", gab etwa der Direktor der britischen Interessenvertretung Baby Milk Action Patti Rundall, die allgemeine Stimmungslage wieder.

Was da vor sich ging, war gleichbedeutend mit Erpressung. Die USA nahmen die Welt als Geisel, und versuchten, nahezu vierzig Jahre des Konsens über den besten Weg die Gesundheit von Säuglingen und Kleinkindern zu kippen", gab Rundall zu Protokoll.

Der Gewinn des Unternehmens Coca-Cola betrug im zweiten Quartal 2017 1,37 Milliarden US-Dollar.

Dass die US-Delegierten letztendlich scheiterten, führen die New York Times auf folgenden Umstand zurück:

Am Ende waren die US-Bemühungen weitestgehend erfolglos. Es waren die Russen, die am Ende auf den Plan traten, um die Maßnahme [Resolution] einzuführen – und die USA drohten ihnen nicht."

Das US-Außenministerium lehnte es demnach ab, zu den Vorgängen Stellung zu beziehen. Das Department of Health and Human Services, die federführende Behörde in dem Bemühen, die Resolution zu ändern, bemühte sich, die Entscheidung, den Wortlaut der Resolution anzufechten, zu erklären. An den Drohungen etwa gegenüber Ecuador sei man allerdings nicht beteiligt gewesen. Vor allem die Interessen von Müttern habe man demnach im Sinn gehabt.

Die ursprüngliche Resolution beinhaltete unnötige Hürden für Mütter, mit dem Wunsch, ihren Kinder Nahrung zukommen zu lassen. Aus verschiedenen Gründen sind nicht alle Frauen in der Lage, zu stillen. Diese Frauen sollten im Sinne der Gesundheit ihrer Babys die Wahl und Zugang zu Alternativen haben und nicht dafür stigmatisiert werden, auf welche Art sie in der Lage sind, dies zu tun", bemühte sich ein Sprecher die US-Position zu erläutern.

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Auch wenn Lobbyisten der Babynahrungsmittelindustrie am Treffen in Genf teilnahmen, gäbe es demnach jedoch keine Hinweise darauf, dass sie eine Rolle in Washingtons "Taktik des starken Arms" spielten.

Die 70-Milliarden-Dollar-[Babynahrungs]Industrie, die von einer Handvoll amerikanischer und europäischer Unternehmen dominiert wird, hat in den letzten Jahren in wohlhabenden Ländern einen Umsatzrückgang erlebt, da sich immer mehr Frauen für das Stillen entscheiden", ordnet Autor Andrew Jacobs die Zusammenhänge ein.

Dennoch solle demzufolge der weltweite Umsatz der Industrie im Jahr 2018 um vier Prozent steigen. Dies läge vor allem an Zuwächsen in den Entwicklungsländern, zeigt sich aufgrund des allgemeinen US-Gebarens tief besorgt:

Es macht alle sehr nervös, denn wenn du dich nicht [nicht einmal] auf einen Gesundheits-Multilateralismus einigen kannst, auf welchen Multilateralismus dann?"

Nach Ansicht eines russischen Delegierten war die Annahme der Muttermilch-Resolution demnach eine Frage des Prinzips:

Wir versuchen hier nicht die Helden zu sein, aber wir denken, dass es falsch ist, wenn ein großes Land versucht, sehr kleine Länder herumzuschubsen, insbesondere bei einem Thema, das wirklich wichtig für den Rest der Welt ist."

Dem anonymen Delegierten zufolge hätten die Vereinigten Staaten davon abgesehen, Moskau direkt unter Druck zu setzen, um von der Resolution Abstand zu nehmen. Doch die US-Delegation habe versucht, die anderen Teilnehmer durch Verfahrensmanöver in einer Reihe von Sitzungen, die sich über einen ungewöhnlich langen Zeitraum von zwei Tagen erstreckten, "mürbe zu machen."

Am Ende ohne Erfolg. Die endgültige Resolution bewahrte den größten Teil des ursprünglichen Wortlauts. Es gelang den US-Unterhändlern jedoch, den Wortlaut, der die "technische Unterstützung der WHO-Mitgliedsstaaten für das Ansinnen vorsah, die unangemessene Förderung von Lebensmitteln für Säuglinge und Kleinkinder" aufzuhalten, aus dem Papier zu entfernen.

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