Theaterdonner in Syrien: Warum der Atomkrieg diesmal ausfällt

Theaterdonner in Syrien: Warum der Atomkrieg diesmal ausfällt
Blickt man dieser Tage in große westliche Medien, hat man den Eindruck, die Welt stehe am Rande der atomaren Vernichtung. Die Erfahrungen der letzten Monate zeigen aber, dass sich die politische Realität oft deutlich vom offiziellen Verbalfuror unterscheidet.

Steht die Welt wegen des Syrienkriegs am Rande des Atomkriegs? Oder kaschiert US-Präsident Donald Trump durch seinen vorwärtsverteidigenden Verbalfuror nur einen tatsächlichen Rückzug? Wird Europa jetzt zwischen den Atommächten Russland und USA zerrieben und forcieren die EU-Staatschefs durch blinde transatlantische Gefolgschaft noch zusätzlich die Vernichtung der eigenen Länder? Oder sind die solidarischen Äußerungen der EU-Staatschefs gegenüber Großbritannien (Skripal-Affäre) und den USA (Syrien/"Giftgas") nur folgenlose Floskeln, die das tatsächliche, hinter den Kulissen betriebene Abrücken der EU vom anglo-amerikanischen Kriegskurs verdecken sollen?

Trumps Technik: Während des Rückzugs "Angriff" brüllen

Die Lage ist unübersichtlich, aber es spricht viel dafür, dass die aktuelle Eskalation rund um einen angeblichen Giftgas-Angriff in Syrien und die geplante "Vergeltung" zu großen Teilen Theaterdonner sind. Die Technik, "Angriff" zu brüllen und sich gleichzeitig zurückzuziehen, hat Trump schließlich schon mehrfach erfolgreich angewandt. So hielt er vor einem Jahr wochenlang die Welt durch täglich neue Drohungen gegen Nordkorea in Atem, angeblich war bereits eine "US-Armada" unterwegs. Kurz darauf kam heraus: Der angekündigte Flugzeugträger "USS Carl Vinson" schipperte statt vor Nordkorea vor der australischen Küste. Die angeblich "brandgefährliche" Eskalation um Korea hat sich längst sang- und klanglos aus den Medien verabschiedet. Der Gewinn für Trump: Er konnte die kriegstreibenden US-Medien ruhigstellen, ohne einen Schuss abzufeuern.

Ein weiteres Beispiel dieser Trump-Technik weist große Parallelen zur aktuellen Krise auf, denn es ging auch damals um Syrien und wie heute sollte ein unbewiesener "Giftgas-Angriff" gesühnt werden. Auch damals feuerte der US-Präsident in emotionalen Tweets gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und erweckte den Eindruck, noch am selben Tag in Syrien einmarschieren zu wollen. Die Realität war dann erheblich harmloser: Die US-Armee schoss eine Handvoll Raketen auf eine verlassene syrische Militärbasis ab.

Mediale Panikattacken

Vieles spricht dafür, dass es sich bei der aktuellen Krise ähnlich verhält. Die ersten Zeichen der Entspannung nach den politischen Panikattacken wegen Trumps jüngstem kriegerischen Tweet kamen schon mit den Morgenzeitungen. So bedauert die Berliner Zeitung "Wankelmut" in Washington:

Nach Donald Trumps provokanter Ankündigung eines Raketeneinsatzes in Syrien ruderte das Weiße Haus wenig später wieder zurück: 'Es ist sicher eine Option, aber das heißt nicht, dass es die alleinige Option ist oder das Einzige, was der Präsident tun könnte oder auch nicht', sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Sarah Sanders, am Mittwoch in Washington.

Auch die Bild war am Donnerstagmorgen enttäuscht: "Bis jetzt fliegen keine amerikanischen Raketen gegen Syrien."

Eiertänze eines US-Präsidenten

Hätten die Zeitungen schon am Mittwoch Trumps Twitter-Account verfolgt, so hätten sich die Redakteure bereits früher entspannen können. Denn schon eine Stunde nach seiner angriffslustigen Raketen-Ankündigung hatte Trump erheblich friedlichere Töne getwittert:

Unser Verhältnis zu Russland ist schlimmer als je zuvor, inklusive des Kalten Kriegs. Dafür gibt es keinen Grund. Russland braucht unsere Hilfe bei seiner Wirtschaft, das wäre uns ein Leichtes, und wir wollen, dass alle Nationen zusammenarbeiten. Sollen wir das Wettrüsten stoppen?

Am Donnerstag dann sollte Trump mit einem weiteren Tweet alle Kriegsängste verjagt haben:

Ich habe nie gesagt, wann ein Angriff auf Syrien stattfinden könnte. Es könnte bald sein oder gar nicht bald! Auf jeden Fall haben die Vereinigten Staaten unter meiner Regierung einen guten Job gemacht, indem sie die Region vom IS befreit haben.

Ein Tweet - und die Weltpresse steht stramm

Wir werden wahrscheinlich noch öfter Zeuge solchen "Wankelmuts" werden. Denn die hysterische Medienreaktion der letzten Tage wird Trump ermutigen, die Technik des folgenlosen Verbalfurors in Zukunft wieder zu nutzen: Ein Tweet reicht Trump anscheinend, um die Weltpresse strammstehen zu lassen und selbst seine Intimfeinde bei Pentagon und CIA dazu zu zwingen, ihm (zumindest offiziell) zu applaudieren.

Syrer feiern die Befreiung des Ortes Kafr-Bathna in Ost-Ghuta am 20. März 2018.

Einige deutsche Medien waren sogar am Donnerstag noch im lustvollen Erregungsmodus. So sieht die Westfalenpost die "Welt am Rande eines Krieges - die ganze Welt". Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet nicht nur den angeblichen Giftgasangriff im syrischen Duma als real und zudem aufgeklärt - sie nimmt auch Trumps Drohungen ernst:"Der Gaseinsatz provoziert nun die unberechenbare Reaktion eines Mannes, der in dummdreistem Furor einen Militärschlag per Tweet ankündigt."

Schizophrenie in deutschen Redaktionen

Die Badischen Neuesten Nachrichten sehen "die Gefahr eines militärischen Großangriffs der USA auf Syrien" und auch die FAZ sieht einen "Konflikt, der zu einem militärischen Zusammenstoß Amerikas und Russlands führen könnte". Derweil trommelt die Rheinische Post in einem irritierenden Artikel für den totalen Syrienkrieg: 

Doch wenn ein solcher Angriff Assad wirklich davon abschrecken soll, weiter Menschen wie Ungeziefer zu vergasen, dürfte er sich nicht auf die symbolische Zerstörung geräumter Kasernen oder leerer Flugzeughangars beschränken. Er müsste gezielt die militärischen Nervenzentren des Regimes angreifen.

Viele Redakteure großer Medien haben sich bei den Themen Syrien und Trump allerdings in eine Lage manövriert, in der sie geradezu schizophren argumentieren müssen: Denn zum einen wollen sie ihren syrischen "Rebellen" die Treue halten und den "Schlächter Assad" stürzen, weshalb sie seit Jahren ein "Eingreifen der internationalen Gemeinschaft" und ein Ende ihrer "Untätigkeit" fordern. Zum anderen wollen sich einige nun zu gerne von dem Mann distanzieren, der offenbar (oder nur scheinbar) zum "Eingreifen" bereit ist.

Demonstrativ entspannte Stimmung in Russland

Auf demonstrative Weise entspannt hat derweil die russische Seite reagiert. So sagte General Wladimir Schamanow, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im russischen Unterhaus, in der populären Talkshow60 Minuten des russischen Senders Rossija 1:

Es gibt einen direkten Dialog mit dem Ausschuss der Generalstabschefs der USA. Über unsere Verbündeten, die türkischen Kollegen, verläuft die Kommunikation mit der NATO - die Informationen werden geprüft und präzisiert.

Auch wenn Trumps Erklärungen "bedrohlich und emotional" klängen, warnte Schamanow vor unnötiger Beunruhigung. Er machte aber auch klar:

Das Eintreffen des US-Militärschiffes nahe den syrischen Gewässern hat zu keiner Panik auf der russischen Flottenbasis in Tartus geführt. Alle Mittel der Aufklärung und Luftabwehr sind völlig einsatzbereit. 

Die Verantwortlichen im Außen- und Verteidigungsministerium sowie in der Staatsduma empfänden "keine Angst", so Schamanow. 

Warum fällt es unseren Medien und Politikern nicht auch mal ein, künstlichen Panikattacken auf diese Weise deeskalierend entgegenzuwirken? 

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