Briten nicht bei der Fußball-WM dabei? - Mysteriöse Krankheit eines Ex-Agenten wird zum Politikum

Briten nicht bei der Fußball-WM dabei? - Mysteriöse Krankheit eines Ex-Agenten wird zum Politikum
Eingang des Krankenhauses, in das Skripal eingeliefert wurde.
Der russischstämmige ehemalige Geheimagent Sergej Skripal ist am Sonntag in Großbritannien bewusstlos aufgefunden worden. Der Fall weckt Erinnerungen an dubiose Todesfälle im Vereinigten Königreich und wird von London bereits gegen Moskau instrumentalisiert.

Der frühere Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU, Sergej Skripal, der auch für den britischen Geheimdienst MI6 gearbeitet hat, wurde am Sonntag zusammen mit seiner Tochter Julia bewusstlos nahe einem Einkaufszentrum im englischen Salisbury aufgefunden. Obwohl es bislang keine Hinweise auf eine konkrete Täterschaft gibt, wird der Fall von Teilen der Medien und der Politik bereits genutzt, um antirussische Stimmung zu schüren.

Britische Polizisten bewachen den Ort, an dem beide Personen aufgefunden wurden.

Außerdem weckt der Vorfall – und der unangemessene mediale Umgang damit – Erinnerungen an andere dubiose Vorfälle aus der Grauzone der Geheimdienste, die sich in den letzten Jahren in Großbritannien zugetragen haben: etwa an den im Jahr 2006 mutmaßlich radioaktiv verseuchten russischen Ex-Agenten Alexander Litwinenko, an den "Suizid" des Ermittlers im Fall Litwinenko oder an den "Suizid" des Exilrussen Boris Beresowski im Jahr 2015 in London, der in engem Kontakt zu Litwinenko stand.

Britischer Minister zieht sogar WM-Teilnahme in Zweifel 

Der britische Außenminister Boris Johnson griff schon mal, ohne auf Nebensächlichkeiten wie Ermittlungen oder Beweise zu warten, massiv die russische Führung an: Wenn sich "herausstellen sollte", dass die russische Regierung mit dem aktuellen Fall zu tun habe, könne sich der Kreml auf eine "angemessene und robuste"  Reaktion aus Großbritannien einstellen, sagte Johnson. Kein Versuch, auf britischem Boden unschuldiges Leben zu nehmen, werde ohne Sanktionen ungestraft bleiben, verkündete er.

Und wie so oft in der jüngeren Vergangenheit wurde auch jetzt der Sport für politische Intrigen eingespannt: Es sei schwer vorstellbar, dass die britische Beteiligung an der Fußball-WM in Russland "normal vonstattengehen" würde, sollte sich eine russische Verwicklung in den Fall Skripal herausstellen.

Als sei die Ohnmacht eines offensichtlich abgehalfterten Ex-Spions damit noch nicht genug mit zweifelhafter Bedeutung aufgeladen worden, beschäftigte sich am Mittwoch der Sicherheitsrat der britischen Regierung in einer Sondersitzung mit dem Fall. Die Regierung habe Erkenntnisse über die mysteriöse Substanz, der Skripal zum Opfer gefallen sein soll, teilte Innenministerin Amber Rudd nach der Sitzung mit. Die Polizei werde am Nachmittag eine entsprechende Mitteilung herausgeben, kündigte sie an.

Immerhin bewahrte sich der Chef der britischen Antiterroreinheit, Mark Rowley, einen Rest Rationalität, als er sagte:

Ermittler zum Todesfall des russischen Ex-Agenten Litwinenko begeht Selbstmord

Wir müssen uns daran erinnern, dass auch russische Exilanten nicht unsterblich sind, sie sterben alle, und es gibt gelegentlich eine Tendenz zu Verschwörungstheorien.

"Was soll das für eine Rache sein? So ein Unsinn."

Die Regierung in Moskau wies unterdessen alle Anschuldigungen zurück. "Wir haben keinerlei Informationen", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, wundert sich aber über die schnelle Schuldzuweisung. Der Verdacht habe "ja nicht lange auf sich warten lassen". Von einer "Provokation der britischen Geheimdienste", so Dmitri Kowtun, der im Fall Litwinenko als "Verdächtiger" bezeichnet worden war, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Kowtun und der Ex-KGB-Mitarbeiter Michail Ljubimow vermuten, Russland solle vor der Präsidentenwahl am 18. März diskreditiert werden: "Vor der Wahl wird so billiges Theater gespielt, dass es peinlich ist", sagt Ljubimow. Russische Geheimdienste würden sich an Abtrünnigen auch nicht rächen und  Skripal habe ohnehin keinen Wert mehr gehabt. "Was soll das für eine Rache sein? So ein Unsinn."

Skripal, so berichten viele Medien, hatte als russischer Offizier für den MI6 gearbeitet. Offenbar half er dabei, zahlreiche russische Agenten im Königreich zu enttarnen. Im Jahr 2006 wurde er von einem russischen Gericht wegen Hochverrats und Spionage zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Jahr 2010 wurde er dann im Zuge eines Agentenaustauschs auf freien Fuß gesetzt und ließ sich in Britannien nieder. Der ehemalige Doppelagent Skripal kam im Jahr 2010 nach Großbritannien. Schon während seines Militärdienstes soll er vom britischen Geheimdienst angeworben worden sein. Als Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU wurde er im Jahr 2006 wegen Spionage für England verurteilt und im Jahr 2010 ausgetauscht. In der größten Austauschaktion seit den Zeiten des Kalten Krieges war er aber eine Randfigur. Das öffentliche Interesse richtete sich damals eher auf den Nuklearexperten Igor Sutjagin, den Moskau damals freiließ. Aus den USA kehrte die Agentin Anna Chapman in die russische Heimat zurück.

Mehr zum Thema -RT-Rückschau: Der Tod des Alexander Litwinenko - Was geschah 2006? (Video)

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