Afghanistan: IS kritisiert Taliban nach Dialogangebot an die USA – "Ihr wendet euch gegen den Islam"

Afghanistan: IS kritisiert Taliban nach Dialogangebot an die USA – "Ihr wendet euch gegen den Islam"
Symbolbild
Am 14. Februar haben sich die afghanischen Taliban mit einem moderat formulierten Dialogangebot an die Amerikaner gewendet: Terrorverzicht und Unterbinden von Terroraktivitäten Dritter gegen Abzug der Truppen. Der IS ist wenig erbaut über diese Offerte.

Zwischen den radikal-islamischen Terrorgruppen "Islamischer Staat" (IS) und Taliban zeichnen sich derzeit erhebliche Differenzen atmosphärischer Natur ab. Wie das Nachrichtenportal PJ Media berichtet, nimmt der IS Anstoß an einem "Brief an das amerikanische Volk", den die afghanischen Islamisten am Valentinstag veröffentlicht hatten.

Darin hatten die Taliban betont, ihr Wunschmodell eines Scharia-Staates könnte in einer kooperativen Weise durch eine gesunde Politik und durch Dialog regiert werden.

In ihrem ausführlichen offenen Brief, der an "das amerikanische Volk, Amtswalter unabhängiger NGOs und friedliebende Kongressabgeordnete" adressiert war, erklärten die Taliban, sie würden ihren bewaffneten Kampf fortführen, da

diese heilige Pflicht aufzugeben, würde bedeuten, den Islam und alle menschlichen Werte abzulegen und eine solche Schande kann kein wahrhafter afghanischer Muslim je akzeptieren.

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Die US-Regierung sollte hingegen ihr Engagement am Hindukusch beenden, denn "wenn eure Regierung immer noch darauf besteht, den Krieg in Afghanistan unter Vorschiebung von Entschuldigungen weiterzuführen, wird das das amerikanische Ansehen in der Welt weiter untergraben".

"Festhalten an korruptem Regime in Kabul gefährdet auch Stabilität der USA"

Das "Islamische Emirat Afghanistan", wie die Taliban die von ihnen kontrollierten Gebiete des Landes bezeichnen, richtet sich in dem Schreiben an "die amerikanische Gesellschaft, in der die Massen die Hauptquelle der Macht sind und die Regierungen in öffentlicher Wahl gewählt werden" als "Verkörperung des Willens der afghanischen Nation".

Als solche fordert man das amerikanische Volk und alle "friedliebenden Kongressmitglieder" dazu auf, Druck auf die Regierenden auszuüben, um die "Besetzung Afghanistans" zu beenden und den Krieg zu beenden. Die Existenz eines, wie es in dem Schreiben weiter heißt, "korrupten und ineffektiven Regime hier in Kabul" werde grauenvolle Konsequenzen für die Region und besonders für die Stabilität der USA selbst haben.

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Die Islamisten erklärten weiter, sie hätten die USA von Beginn an dazu aufgefordert, ihre Differenzen mit dem "Islamischen Emirat" auf dem Wege von Gesprächen und Dialog zu beseitigen und man sehe "die Chance auf einen Dialog jedenfalls nicht als erschöpft an". Das Angebot gibt es aber nicht für lau. Die Taliban legen in weiterer Folge ihre Bedingungen für solche Gespräche dar:

Amerika muss seine Besatzung beenden und all unsere legitimen Rechte akzeptieren – inklusive dem Recht, eine Regierung im Einklang mit den Glaubensüberzeugungen unseres Volkes zu bilden.

Weiter heißt es in dem offenen Brief:

Sobald wir Unabhängigkeit erlangt haben, möchten wir positive und konstruktive Beziehungen zu allen Ländern der Welt pflegen, auch zu unseren Nachbarländern. Wir begrüßen Hilfe und Unterstützung beim Wiederaufbau und der Rehabilitation unseres Landes. Wir wollen eine nützliche Rolle in der Wahrung des regionalen und internationalen Friedens spielen, qualitativ hochwertige Bildung und Arbeitsmöglichkeiten für unser Volk schaffen, wir wollen alle menschlichen und gesetzlichen Rechte für alle Kinder, Frauen und Männer gewährleisten, unsere Jugend vor Drogen und anderen moralischen Verfehlungen schützen, und allen Menschen Arbeitsgelegenheiten geben, damit sie ihr Heimatland nicht verlassen und anderswo Zuflucht suchen.

"Ihr würdet den Dschihad aufgeben"

Der IS ist über diese verhältnismäßig moderaten Töne wenig erbaut. Aus seiner Sicht, so betonen Unterstützer der Terrormiliz, richte sich eine so zurückhaltende Rhetorik "gegen den Islam".

In einer Nachricht auf dem Messenger Telegram heißt es:

Selbst wenn wir davon ausgehen, dass es tatsächlich einen Vertrag zwischen den Taliban 2.0 und den USA gibt, müsstet ihr alle Versprechen erfüllen, die ihr darin gebt.

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Das ist aus Sicht der im Irak und in Syrien entstandenen Dschihadisten keine Kleinigkeit, denn:

In diesen Erklärungen und Briefen versprecht ihr ihnen, dass ihr in keinem anderen Land kämpfen werdet, ihr versprecht ihnen, dass ihr niemand anderen afghanischen Boden gegen sie nutzen lassen werdet. Im Gegenzug fordert ihr von ihnen, Afghanistan zu verlassen.

In letzter Konsequent würde das bedeuten, "ihr würdet den Dschihad aufgeben".

Außerdem heißt es, ihr würdet auch anderen nicht erlauben, den Dschihad aufzunehmen, der heute doch eine Fard [religiöse Pflicht] für jeden Muslim ist. Darüber hinaus ist dieser Vertrag ein Versprechen an die USA, dass diese außerhalb Afghanistans Muslime bombardieren und vergewaltigen können und ihr würdet nichts unternehmen, sofern nur die USA und die NATO Afghanistan verlassen.

Die Taliban kontrollieren jüngsten Erhebungen zufolge derzeit 14 Prozent des afghanischen Territoriums vollständig, weitere 30 Prozent seien zwischen den Islamisten und der afghanischen Regierung umkämpft. Insgesamt würden die im Jahr 2001 von der Macht vertriebenen Taliban bis zu 70 Prozent des Landes bedrohen.

Im Vorjahr starben fast 3.500 Zivilisten in Afghanistan an den Folgen von Kampfhandlungen. Die Taliban sollen dabei für 42 Prozent verantwortlich sein, der IS für zehn Prozent, so ein Anfang der Woche erschienener UN-Bericht.

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