Mediale Kampfrhetorik: "The Economist" stellt von Soft-Power auf Endgame um

Mediale Kampfrhetorik: "The Economist" stellt von Soft-Power auf Endgame um
Mit diesem Bilde auf der Titelseite machte "The Economist" im Oktober 2017 zum 100-jährigen Jubiläum der Oktoberrevolution auf.
Beim einflussreichen Eliten-Magazin "The Economist" weht offenbar ein neuer Wind. Es werden keine Freiheitsfloskeln mehr verkündet, sondern mit Schreckensszenarien und Kriegsdrohungen Ängste geschürt.

"Block für Block" werden in den Slums der zukünftigen Megastädte die sozialen Kämpfe ausgetragen. Klimakollaps, Warlords, Verelendung und Religionskriege verwüsten die Erde - wenn dies nicht schon Atombomben erledigen, was mindestens "plausibel" wäre. Auf jeden Fall aber könnte ein "Krieg von einem Ausmaß und einer Intensität, wie es ihn seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gab", schon vor der Tür stehen. Das sind keine Zitate aus der neuesten Hollywood-Apokalypse, sondern Szenarien, die das britische Magazin The Economist für wahrscheinlich hält. Unter dem Titel "The Next War" zeichnet ein Themenschwerpunkt der aktuellen Ausgabe ein extrem pessimistisches Weltbild. So mancher Bürger wird nach der Lektüre den Wasservorrat in seinem Schutzbunker auffüllen wollen - und Staaten ihre Waffenarsenale.

Vielbeachtete Sendung von der

Als direkte Konkurrenten werden Russland und China gezeichnet, denen man nicht erlauben dürfe, "in ihren Einflussgebieten" zu bestimmenden Mächten zu werden, das sei schließlich den USA vorbehalten, so die unterschwellige Botschaft. Hindere man Russland und China nicht an der Wahrnehmung ihrer Interessen in ihren Regionen, drohe der nukleare Holocaust. Und natürlich will Moskau "das Vertrauen in westliche Institutionen untergraben und populistische Stimmungen schüren. Zu diesem Zweck beeinflusst man Wahlen und schürt durch den Einsatz von Bots und Trollen in sozialen Netzwerken Empörung und Vorurteile." Als Gegenmittel empfiehlt das Blatt eine noch engere Zusammenarbeit von Technikunternehmen und Armee, um die "Manipulation der öffentlichen Meinung" zu "verhindern". Das Mittel zur Eindämmung der globalen Gegenspieler sei eine massive Aufstockung des Militäretats.

Der Economist ist nicht irgendeine Zeitung, sondern zählt seit über hundert Jahren zu den (tatsächlichen) westlich-kapitalistischen Leitmedien. Der von den Redakteuren vorgegebene Duktus spiegelt sich nicht selten kurze Zeit später in zahlreichen westlichen Zeitungen. Es ist also möglicherweise eine Welle von solch zynischem Endzeit-Journalismus zu erwarten.

Nun sind Untergangs-Hysterie und Kriegstreiberei keine neuen Erscheinungen im aktuellen Info-Krieg. Erstaunlich sind aber doch die besonders tiefschwarzen Farben, in denen der Economist seine trostlose Zukunft zeichnet. Besonders auffällig ist, dass in dieser Ausgabe auf die in jüngerer Vergangenheit exzessiv genutzte "positive" Soft-Power verzichtet wird. Statt Demokratie und Menschenrechten wird unverblümt ein radikaler, mit irrationalen Ängsten begründeter Militarismus gepredigt und die brutale Einschüchterung von abtrünnigen Vasallen gefordert. Das ist in dieser ungefilterten Form neu.

Kim Jong-un freut sich über den geglückten Start einer Rakete; Nordkorea, 23. Juni 2016.

Dieser "ehrliche" Ton kann bedeuten, dass sich die Freiheitsphrasen in der westlichen Propaganda so weit abgenutzt haben, dass sie nun als wirkungslos erachtet werden. Immerhin, die mediale Heuchelei, um mit Bomben und Dschihadisten verteidigten "Werte", könnte nun also ihr langsames Ende finden. In dieses Vakuum pumpt der Economist sein neues Mittel gegen die Fliehkräfte, die einige US-Verbündete erfasst haben: unverhohlene Drohungen - frei nach Machiavelli:

Es (ist) viel sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden, wenn man schon den Mangel an einem von beiden in Kauf nehmen muss."

In einem Punkt könnte man den Redakteuren Recht geben: Die Zeiten sind sicherer, wenn gar keine Veränderung eintritt. Doch der Geist ist aus der Flasche - die globalen Machtverhältnisse sind bereits in so starker Bewegung, dass die Forderungen des Economist, die Welt möge sich des lieben Frieden willens weiterhin den USA unterordnen, ein bisschen wie das Bellen zum Mond erscheint: verunsichert. So positioniert sich eigentlich kein Hegemon, der sich seiner Attraktivität noch vollkommen sicher ist. Auch dieser Aspekt macht die Ausgabe der Zeitung besonders.

Man kann die aktuelle gefährliche Zeit des Übergangs in eine multipolare Welt mit Zurückhaltung, Rationalität und vielleicht sogar vorsichtigem Optimismus begleiten. Der Economist hat sich stattdessen entschieden, sie zusätzlich mit diffusen Ängsten aufzuladen.

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