"Putin verwendet es immer noch": US-Portal präsentiert vermeintliches Geheimdokument des KGB

"Putin verwendet es immer noch": US-Portal präsentiert vermeintliches Geheimdokument des KGB
Symbolbild
Glaubt man dem US-Portal The Daily Beast, stellt ein vermeintliches KGB-Handbuch aus dem Jahr 1989 die Anleitung für die angebliche "russische Einmischung" in westlichen Ländern dar. Tatsächlich erinnert es jedoch eher an Räuberpistolen aus dem Kalten Krieg.

von Reinhard Werner

"Nur, weil ich paranoid bin, heißt das nicht, sie wären nicht hinter mir her" - dieser beliebte Meme-Spruch ist zwar erst in den letzten Jahren zu dem geworden, was er ist, tatsächlich aber illustriert er auf treffende Weise die Stoßrichtung westlicher Propaganda in der Zeit des Kalten Krieges.

Von der McCarthy-Ära bis noch weit in die Regierungszeit Gorbatschow kultivierte hauptsächlich das politisch konservative Lager das Bild von der allgegenwärtigen kommunistischen Gefahr. "Der Russe" war demnach - nicht zuletzt auf Grund seines mächtigen KGB - gleichsam allmächtig und allgegenwärtig. Die rote Gefahr konnte überall lauern und war hinter allen Bürgern her wie der Teufel hinter der Armen Seele. Nicht einmal der Familienurlaub war demnach davor sicher, von sowjetischen Agenten gecrashed zu werden - so etwa stellten es die Autoren der ZDF-Weihnachtsserie des Jahres 1984, "Patrik Pacard", dar.  

Vor allem das politische Lager rechts der Mitte, das sich damals noch von CDU/CSU, der Springerpresse und notorischen Einpeitschern wie Joachim Siegerist oder Gerhard Löwenthal bestmöglich repräsentiert fühlte, wähnte "die Kommunisten" und "Moskau" hinter allen erdenklichen Erscheinungen der westlichen Gesellschaft - von den Hippies über die "sexuelle Revolution" oder die Anti-Atom-Bewegung bis hin zu antiautoritären Kindergärten. Ein Hamburger Musikjournalist schilderte dem Autor dieser Zeilen vor einigen Jahren, wie sein Vater, Hochschulprofessor, CDU-Mitglied und aktiver Unterstützer der Kanzlerkandidatur von Franz-Josef Strauß, sogar im Schlagerbarden Bernhard Brink einen von den Sowjets gesteuerten Agenten der kommunistischen Weltrevolution zu erkennen glaubte.

Prosaisches Erwachen nach dem Ende des Sowjetblocks

Ganz im Sinne der These Theodor W. Adornos von der Kulturindustrie als Ausdruck eines Verblendungszusammenhangs, der die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse naturalisiert, war die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit in der politischen und gesellschaftlichen Sphäre im Westen der Zeit des Kalten Krieges fließend. So verkaufte sich Anfang der 1970er Jahre der angeblich ranghohe KGB-Überläufer Juri Besmenow in den USA als vermeintlicher Kronzeuge, der in Interviews und Artikeln abenteuerliche Geschichten erzählte über einen angeblichen groß angelegten Plan der Sowjets zur Unterminierung von Politik und Gesellschaft im Westen.  

Der Zusammenbruch der Sowjetunion und des sozialistischen Machtbereiches in Osteuropa sollte binnen weniger Jahre die Märchen und Legenden vom sowjetisch gesteuerten Verfall der westlichen Gesellschaften wertlos machen. Der kommunistische Machtblock war verschwunden - die Entwicklungen, die vor allem die Konservativen beklagt und für die sie russische Unterwanderung verantwortlich gemacht hatten, dauerten jedoch an und beschleunigten sich sogar.

Seit der Ukrainekrise haben jedoch vor allem - ehemals selbst der Instrumentalisierung durch die Sowjets beschuldigte - Liberale und elitäre Neokonservative im Westen die einst als Verschwörungstheorien verlachten Thesen von den russischen Unterwanderern, die an jeder Straßenecke lauern, für sich entdeckt.

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So geriet beispielsweise Wladimir Putin höchstpersönlich für die Schweriner Volkszeitung zum Mastermind hinter den organisierten Übergriffe auf Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015/16, anschließend war es gar eine Geheimarmee unter dem Dach einer Kampfsportschule in der altehrwürdigen Fuggerstadt Augsburg, die er aufbauen soll - und seit dem Überraschungswahlsieg Donald Trumps bei den US-Präsidentschaftswahlen ist die Theorie von der "russischen Beeinflussung" potenziell aller Wahlen auf dem Globus sogar eine amtlich abgesegnete Verschwörungssaga.

Zum Jahreswechsel hat nun die US-amerikanische Nachrichtenplattform The Daily Beast ein weiteres Meisterwerk des Polit-Entertainments für vertrauensselige Gemüter geschaffen. Der frühere Redakteur des konservativen Konglomerats PJ Media, Michael Weiss, will in den Besitz eines geheimen Dokuments gekommen, das ein Schlüssel zu allen vermeintlichen russischen Einflussversuchen sein soll, denen sich der stets dem Frieden, der Wahrhaftigkeit und den Menschenrechten verpflichtete Westen ausgesetzt sieht.

Das Geheimpapier aus dem Andropow-Institut

Zwar konnte er diesmal keinen Überläufer als Kronzeugen anbieten - was vielleicht damit zu tun hat, dass "russische Geheimdienstarbeit heute feiner und besser funktioniert als während des Kalten Krieges". Aber immerhin sei es, was angesichts deren zuletzt durchwachsenen Erfolgsbilanz auch einen Motivationsschub verleihen könnte, ein europäischer Geheimdienst gewesen, der Weiss in den Besitz des Dokuments gebracht habe.

Das 108-seitige Dokument mit dem Namen "Politische Geheimdienstinformationen aus dem Territorium der UdSSR" soll zwar aus dem Jahr 1989 stammen, kurz vor dem Zusammenbruch des Ostblocks, aber in Russland immer noch als "geheim" gelten und - zumal Putin selbst damals noch im KGB war - nach wie vor von dessen Nachfolgeorganisationen FSB und SVR verwendet werden. Die Taktiken und Strategien, die in dem Werk geschildert werden, sollen demnach ungebrochen verbindlich sein für das Gebaren der Aufklärungs- und Einflussagenten der heutigen Russischen Föderation.

Das Erste Leitungsdirektorat des KGB soll das Dokument damals für Schüler des aus Sicht von US-Analysten sagenumwobenen "Andropow-Instituts der Roten Fahne" konzipiert haben und es soll sich an Teilnehmer von Spezialkursen und Agenten der Auslandsaufklärung gerichtet haben.

Dieses angebliche Schlüsseldokument soll unter anderem Anweisungen dahingehend geben, wie man ausländische Agenten rekrutuiert und führt, die in die Sowjetunion bzw. später in die Russische Föderation eingereist sind - und das mithilfe vermeintlich unscheinbarer Einrichtungen, die auf den ersten Blick überhaupt nichts mit Spionage zu tun hätten, vom Außenministerium, Wirtschaftsministerium, dem Staatlichen Bildungskomitee bis hin zu Theatern, Kinos und Tourismusverbänden. So heißt es demnach:

Kontaktmöglichkeiten mit Ausländern ergeben sich, wenn diese Probleme zu lösen oder eine Konfliktsituation zu überwunden haben, etwa die Verletzung von Handelsbräuchen, Autounfälle oder anderen Übertretungen sowjetischer Gesetze. Agenten lassen sich zu diesem Zweck in Zügen, Flugzeugen und Hotels platzieren.

Ist die zänkische Schwiegermutter am Ende eine russische Einflussagentin?

Als würde es nicht ausreichen, dass der Fahrer des ADAC-Partnerdienstes, den man als argloser Russlandbesucher an einen Pannenort ruft, ein professionell ausgebildeter FSB-Agent sein kann, erkläre das Dokument sogar, dass Konflikte dort, wo sie nicht von allein auftreten, auch erzeugt werden könnten. Immerhin: Wer darüber im Bilde ist, weiß möglicherweise das Verhalten der Schwiegermutter an der weihnachtlichen Familien-Kaffeetafel künftig besser zu deuten.

Als bevorzugte Einflussziele gelten, so lässt uns The Daily Beast wissen, Studenten und Journalisten, aber auch Geschäftsleute aller Branchen und andere Ausländer, die irgendeinen Grund haben, Russland zu besuchen. Andererseits instruiert das Handbuch aber auch die angehenden Agenten darin, wie sie vorzugehen haben, wenn sie selbst im Ausland weilen und dort nach potenziellen Partnern suchen, um die russischen Interessen zu schützen.

Oft genug wüssten die Rekrutierungsziele natürlich gar nicht, dass sie solche darstellen, und bisweilen würden sie lediglich dazu instrumentalisiert, um Kontakte zu tatsächlichen Einflussagenten herzustellen - etwa im Fall des arglosen Akademikers, der ohne sein Wissen eine Veranstaltung organisiert, die dazu dienen soll, eine für den FSB tätige Anwältin auf Tuchfühlung mit einem aufstrebenden ausländischen Politiker zu bringen.

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Wie bereits aus den Dokumenten eines weiteren früheren Überläufers, dem Ex-KGB-Oberst Wassili Nikititsch Mitrochin, hervorgegangen sei, habe der KGB nicht weniger als 2.000 Diplomaten, 100.000 ausländische Studenten an über 800 Universitäten, 10.000 Militärangehörige aus 30 Ländern, Personen mit Angehörigen in der UdSSR sowie 1,5 Millionen russische, zwei Millionen ukrainische, 1,5 Millionen armenische und 800.000 baltische Auswanderer in irgendeiner Weise behelligt.

Edelprostituierte für Charles de Gaulle

Allein auf den französischen Ex-Präsidenten Charles de Gaulle habe man während seines Besuches in Moskau mindestens 100 Personen angesetzt, darunter auch eine Reihe von Edelprostituierten. Und da Jelzin es aus Angst vor dieser mächtigen Institution nicht gewagt hätte, diese Strukturen zu zerschlagen, leben diese, wenn sie nicht gestorben sind, demnach noch heute.

Überhaupt sei kein Ausländer, der nach Russland einreise und bestimmte Qualifikationen aufweise, noch sicher vor der Beobachtung, Registrierung und Analyse durch Geheimdienstorgane. Selbst Ärzte oder Psychiater könnten, so Michael Weiss, in die Informationsgewinnung für den FSB involviert sein. Natürlich könnten auch in Russland akkreditierte Diplomaten und Journalisten keine Karriere machen, ohne Kontakt zu Entscheidungsträgern und Einflussfaktoren in Politik und Zivilgesellschaft.

Aber nicht nur der arglose Reisende oder Kongressteilnehmer, der vom Moment seines Eintreffens in Moskau an auf Schritt und Tritt überwacht wird, mit dem Ziel, ihn bewusst oder unbewusst für Aufträge im Dienste der Subversion des Westens zu benutzen, muss sich Sorgen machen.

Russisches Projekt Postmoderne?

Das angebliche Handbuch soll nämlich auch bereits die Verbreitung von Fake-News zur Verwirrung des Klassenfeindes angesprochen haben - und heute machten diese in Form des "Falls Lisa", der Homosexualitätsgerüchte über Emmanuel Macron, den Seth-Rich-Mordmeldungen, Behauptungen wie jene, Neonazis hätten Anteil am Euromaidan gehabt, die DNC-Hacks hätten gar keinen russischen Ursprung oder Russland ziehe seine Truppen aus Syrien ab, weil der IS zerstört sei, die Runde.

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Das Ziel dieser "Desinformation" sei es nicht, jemanden dazu zu bewegen, etwas zu glauben, was nicht wahr sei, sondern in den Menschen den Zweifel an der Existenz von "Wahrheit" als solcher zu nähren. Ausländer sollen dazu gebracht werden, einander, ihren Medien und ihren Regierungen zu misstrauen, was Letztere schwäche. Die Frage, ob Medien wie Daily Beast oder andere Vertreter des politischen oder medialen westlichen Mainstreams diesen zutiefst postmodernen Effekt nicht gänzlich ohne russische Mitwirkung von selbst am allerbesten erzielen, wirft Weiss wohlweislich gar nicht erst auf.   

In einem Fazit hat Weiss zweifellos Recht: Bei dem Handbuch handelt es sich tatsächlich um eine faszinierende Lektüre - sofern man es zum Zwecke der Unterhaltung liest. So wie auch "Patrik Pacard" einst ein willkommener Zeitvertreib zwischen den Jahren war.

Aber man sollte die darum kreisenden Mythen nicht, wie The Daily Beast, tatsächliche für bare Münze nehmen und Dichtung und Wahrheit vermischen, sodass man zu dem Schluss gelangt:

Es [das Handbuch] erinnert uns daran, dass, während Russland und der Westen jetzt in der Lage sein mögen, in einigen Bereichen zusammenzuarbeiten, wir zuerst und vor allem bittere Rivalen, wenn nicht gar offenkundige Feinde waren - und immer noch sind.