Wenn eine Niederlage ein Sieg ist: Worum es dem Westen beim IOC-Urteil wirklich geht

Wenn eine Niederlage ein Sieg ist: Worum es dem Westen beim IOC-Urteil wirklich geht
"Haben Sie mit Putin telefoniert?" war eine der Fragen an IOC-Chef Thomas Bach während der Pressekonferenz am 5. Dezember. Das entspannte Verhältnis zwischen ihm und Wladimir Putin nährt laufend Spekulationen in Westmedien. Bild: Beide auf einem Eishockey-Spiel am 8. März 2014 in Sotschi.
Trotz des Ausschlusses des russischen Olympia-Teams von den bevorstehenden Spielen im südkoreanischen Pyeongchang sind nicht alle im Westen zufrieden. Vielen ist das IOC-Urteil nicht hart genug. Die Reaktionen zeigten: Die Medien verfolgen ihre eigene Agenda.

Der Leiter der IOC-Sonderkommission, Samuel Schmid, und der Chef des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, verkündeten am 5. Dezember ihre Entscheidung zum Russischen Olympia-Team. Anschließend gaben die beiden Sportfunktionäre eine Pressekonferenz.

Während sich die russischen Medien vor allem für die tatsächliche Beweisbarkeit der Doping-Vorwürfe und das Schicksal konkreter Teams bei den künftigen Spielen nach der Suspendierung des russischen Olympia-Kommitees interessierten, gingen viele Westmedien wie die Agentur AP oder USA Today weit über diese konkreten Punkte hinaus. Präsident Putin, Vize-Premier Mutko, die FIFA und die WM 2018 in Russland als Staat standen im Vordergrund ihrer Fragen.

Dies offenbart einmal mehr, worum es ihnen bei dieser Veranstaltung wirklich ging: dieses Ereignis als Anlass zu nehmen für eine weitere Diskreditierung des russischen Staates. "Systemische Manipulation" vonseiten Russlands hat der in seiner Wortwahl sorgfältige Schweizer Schmid in einer nichtjuristischen Instanz festgestellt. Ein klarer Fall von "Staatsdoping" kam in den deutschen Medien an.

Schmid: Keine Anhaltspunkte für staatliche Verwicklung

Man kann der Schmid-Kommission glauben oder nicht. Der Schweizer Präsident a. D. rief auf der Konferenz die Zweifler vom russischen TV-Sender Zbezda dazu auf, ihm zu glauben. Aber auch die Vorstellungskraft eines Le-Monde-Journalisten musste der Schweizer in die Schranken seines Berichts weisen, als dieser fragte, ob Schmid das Gefühl habe, Präsident Putin hätte von den Manipulationen gewusst.  

Ich habe nicht meine Gefühle zu beurteilen, ich habe mein Wissen im Bericht niederzulegen und zu dieser Frage muss ich sagen, dass ich keine Anhaltspunkte für ein Mitwirken habe. Die Gefühle überlasse ich Ihnen", sagte Schmid und schloss damit die Konferenz ab.

Am nächsten Tag ließ die deutsche Presse ihren Gefühlen freien Lauf. Vor allem ihrer Enttäuschung. Wieder ein "kleiner russischer Sieg", schreibt Die Zeit, was natürlich gar nicht geht und entsprechend hat wieder "der Sport verloren", wie in gewohntem künstlichem Pathos beim Tagesspiegel zu lesen ist. Und auch die schweizerische NZZ bringt es auf den Punkt: "Ein ungutes Gefühl" bleibe nach dem IOC-Beschluss. Warum? Der Spiegel erklärt: Die Entscheidung lasse

die Hintertür zum Putin-Regime offen. Wirkliche Konsequenz sieht anders aus. Wirkliche Konsequenz - das wäre ein Komplettausschluss Russlands von diesen Spielen gewesen.

Der damalige Chef des russischen Anti-Doping-Zentrums, Grigori Rodtschenkow, in seinem Büro im Jahr 2009.

Was zu beweisen war: Es geht den Medien allen voran um Putin und sein "Regime". Das ist ehrlich und die Russen wissen es. Deswegen zweifelt in Russland auch kaum jemand daran, dass die ganze Geschichte politisch motiviert ist, umso mehr hingegen daran, dass die Beweise, die zunächst Rodtschenkow, danach McLaren und jetzt Schmid vorlegen, tatsächlich stichhaltig sind. So hieß es noch in der Stellungnahme des russischen Ermittlungskommitees, dieses hätte das Kontrolllabor in Sotschi genau untersucht - im Unterschied zu McLaren. Es gebe dort das ominöse Loch in der Wand nicht, durch das Rodtschenkows Angaben zufolge die Übeltäter die Proben vertauscht hätten. Auch das Öffnen und Austauschen der Sicherheitsverschlüsse von Dopingproben-Fläschchen sei tatsächlich nicht möglich - anders als vom WADA-Ermittler unterstellt.

Russischer Boykott wird erwogen

Aber die Schmid-Kommission ist zu einem anderen Schluss gekommen. Jetzt ist Russland vor allem mit dem Dilemma konfrontiert, ob es die Athleten doch zu den Spielen schicken soll oder nicht, denn unter neutraler Fahne auftreten zu müssen erscheint sehr vielen im Land als eine Demütigung. Zu Spielen zu fahren, die russische Nationalsymbolik verbieten, komme einem Verrat gleich, schließlich habe der Staat mit seiner teuren Infrastruktur erst die Möglichkeit geschaffen, Sportler zu werden und zu trainieren, so das Hauptargument der Boykott-Befürworter.

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Die anderen verweisen auf die Einzelschicksale der betroffenen Sportler, für die die Teilnahme an Olympia-Spielen im Lebensmittelpunkt steht und die der Höhepunkt ihrer Karriere wäre. 

Aber selbst in dieser Atmosphäre ist in Russland eine gewisse Erleichterung zu spüren. Es sei eine harte, aber nicht die härteste Entscheidung gewesen, schreibt die Zeitung Kommersant. Thomas Bach bot schließlich selbst als versöhnliche Geste den unbelasteten Russen an, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Vor einem Boykott hat er Russland gewarnt. Der Chef des russischen Olympia-Kommitees Alexander Schukow hat bei seiner Pressekonferenz darauf hingewiesen, dass bereits bei der Abschlussfeier in Pyeongchang die Fahne und die Nationalsymbolik wieder erlaubt sein werden.

Wie Russland sich entscheidet, wird am 12. Dezember bekannt gegeben. Diese Entscheidung wird das russische olympische Team eigenständig treffen.

Nicht wir Politiker werden das entscheiden, dies ist eine persönliche Entscheidung", sagte der Vorsitzende des Duma-Kommitees für Sport und Turnen, Michail Degtjarjow.