Silicon Valley und der Überwachungsstaat: Wo Big Data zu vermeintlicher Sicherheit verhilft

Silicon Valley und der Überwachungsstaat: Wo Big Data zu vermeintlicher Sicherheit verhilft
Ein großes Geschäft: Wie steht es um die Freiheit wenn künstliche Intelligenz die Aktivitäteten einfacher Bürger und potenzieller Verbrecher vorhersagen soll? (Symbolbild)
In den USA kooperieren Sicherheitsbehörden und Technologiefirmen, um menschliches Verhalten vorherzusagen. Das Ausmaß der Überwachung bleibt geheim. Doch Datenschützer sehen die reale Gefahr dystopischer Verhältnisse wie im Science-Fiction-Thriller.

Die Sammlung und Auswertung privater Nutzerdaten im Internet und in sozialen Netzwerken ist in den Vereinigten Staaten seit den Anschlägen vom 11. September 2001 Alltag. Im Namen der Sicherheit setzt die US-Regierung dabei seit Jahren auf Innovationen aus dem Silicon Valley. Diese sollen sie bei der Sammlung und Auswertung privater Nutzerdaten im Internet und in sozialen Netzwerken unterstützen.

Aktivisten sind alarmiert, da bürgerliche Freiheiten, eine der Grundlagen der US-amerikanischen Identität, auf diese Weise zunehmend erodiert werden, während die Aussichten im Bereich der Sicherheit fragwürdig sind. Große Unternehmen, die auf künstliche Intelligenz zur Auswertung von Daten, sogenannte Threat Intelligence, setzen, profitieren hingegen signifikant von dem Trend, der in der nahen Zukunft wie ein Science-Fiction-Thriller anmuten könnte.

Threat Intelligence kommt für unterschiedlichen Funktionen zum Einsatz. Nach Angaben des britischen Zentrums zum Schutz der nationalen Infrastruktur (CPNI) lassen sich Threat-Intelligence-Informationen taktisch einsetzen, um Methoden, Werkzeuge und Taktiken von potenziellen Angreifern zu identifizieren, die etwa versuchen, eine bestimmte Organisation zu infiltrieren. Technische Threat Intelligence soll spezifische Malware ausfindig machen, während Operative Threat Intelligence dazu dienen soll, Details zu spezifischen eingehenden Angriffen zu liefern und die Fähigkeit einer Organisation zu beurteilen, zukünftige Cyber-Bedrohungen zu erkennen.

Es ist aber ebendiese Nutzung zu Vorhersagen von Bedrohungen, welche den Schützern bürgerlicher Freiheiten Sorge bereitet. Ein Riese in dem Geschäft ist das Unternehmen Palantir Technologies, ansässig im Silicon-Valley-Städtchen Palo Alto. Es fungiert als einer der wichtigsten Technologie-Zulieferer der US-Geheimdienste. Nach Einschätzung des Wirtschaftsmagazins Forbes gehörte sein Gründer Alexander Karp im Jahr 2016 zu den 30 globalen "Game Changern", der weltweiten Top-30 der mächtigsten Führungskräfte, basierend auf Unternehmenswachstum, Innovation und globaler Präsenz.

Auch wenn Palantir teils auf Open-Source-Informationen wie Nachrichten oder Twitter-Mitteilungen zugreift, ist es dem Unternehmen mithilfe der künstlichen Intelligenz möglich, weitaus mehr Informationen daraus herauszulesen, als andere Menschen oder auch Gruppen von Menschen in der gleichen Zeit bewerkstelligen könnten.

Dienstleitungen für FBI, Bank of America

Einige Insider schreiben Palantir zu, dass das Unternehmen der US-Regierung geholfen habe, das Versteck von Osama bin Laden im Jahr 2011 ausfindig zu machen. Bei der Auswertung der riesigen Datenmengen zur Jagd auf Bin Laden zum Einsatz gekommen, entwickelte das Unternehmen nach Recherchen des Journalisten Mark Bowden eine Technologie, welche ihrer Bezeichnung als Killer-App jede Ehre machte.

Im Jahr 2010 enthüllte das Hackerkollektiv Anonymous, dass Palantir im Auftrag der US-Regierung dem Umgang mit der Veröffentlichung diplomatischer Depeschen durch Wikileaks auf den Grund gegangen sei.

Das Unternehmen hält sich zwar generell bedeckt, wurde aber von Journalisten des US-Wirtschaftsmagazins Forbes mit der NSA, dem Federal Bureau of Investigation (FBI) und In-Q-Tel, dem Venture Fund der CIA, in Verbindung gebracht. Auch eine Vielzahl weniger bekannter US-Militär- und Terrorismusabwehragenturen soll zu den Kunden des im Jahr 2004 gegründeten Dienstleisters zählen. In-Q-Tel soll durch frühzeitige Investitionen in Höhe von zwei Millionen US-Dollar maßgeblich zum Aufbau von Palantir beigetragen haben.

Einer der vorrangigen Unterstützer des Unternehmens ist der Internet-Milliardär Peter Thiel, seines Zeichens PayPal-Co-Gründer, Facebook-Vorstandsmitglied und einer der größten Wagniskapitalgeber im Silicon Valley.

Thiel gibt sich überzeugt, mit der Technologie von Palantir die bürgerlichen Freiheiten der Amerikaner sogar zu schützen, denn

wenn wir dabei helfen könnten, den Sinn der Daten zu verstehen, könnte die wahllose Überwachung beendet werden".

Auch glaube Thiel, dass die Technologie von Palantir entscheidend sein kann, um künftige Terroranschläge zu verhindern.

Mehr lesen:  Zweifelhafte Dienstleistung: Amazon richtet Speicherdienst für US-Geheimdienste ein

Paul Scharre, ein Politikanalyst am Center for a New American Security, beharrt ebenfalls darauf, dass die Werkzeuge der künstlichen Intelligenz Befürchtungen vor allem deswegen auslösen, weil sie neu und unbekannt sind.

Es gibt keine Technologie, die von Natur aus gut oder schlecht ist", sagt Scharre. "Es geht darum, wie wir sie benutzen und zu welchem Zweck."

Ein Blick auf den Kundenstamm von Palantir lässt Aktivisten jedoch das genaue Gegenteil vermuten. Laut Forbes zählt dazu eine Melange aus Finanz- und Sicherheits- sowie Medienstrukturen, darunter die Polizeidepartements in New York und Los Angeles, die Bank of America, Rupert Murdochs News Corp und viele andere.

Science-Fiction für die Homeland-Security - Infrastruktur für Missbrauch vorprogrammiert?

Edward Hasbrouck vom gemeinnützigen Identity Project sieht es als wahrscheinlich an, dass die komplexe Technologie von Palantir sich bald für eine umfassende Überwachung auch unbedarfter Bürger einsetzen ließe.

Die im Namen der Sicherheit verwendete künstliche Intelligenz kann seiner Ansicht nach früher oder später in einer Weise zum Einsatz kommen, wie man es bisher aus Science-Fiction-Dystopien kennt. In dem Film "Minority Report" werden so genannte Precogs, Wesen der künstlichen Intelligenz, von Sicherheitsbehörden eingesetzt, um Kriminelle zu identifizieren und festzusetzen, noch bevor diese ihre Missetaten begehen können. Genau der Punkt der Vorhersage ist es, welcher große Bedenken auslöst.

Im Jahr 2012 veröffentlichte das Ministerium für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten, das unter dem Eindruck des 11. September 2001 gegründete Department of Homeland Security, einen Bericht, in dem es hieß, dass man mithilfe der Technologie von Palantir dazu in der Lage sei, zukünftige Aktivitäten vorauszusagen.

Die Problematik, laut Hasbrouck, liegt darin, künstlicher Intelligenz die Vorhersage aller unserer Aktivitäten sowie die Identifikation von potenziellen Verbrechern zu überlassen und eine solche Vorgehensweise nicht einmal weiter zu hinterfragen. Womöglich scheint der Einsatz der Technologien anfangs unbedenklich, doch könne sich bereits abzeichnen, was längerfristig zu enormen Einschränkungen im Alltag unbedarfter Bürger führen kann.

Filmszene aus

Er zieht den Verglich zum Bau der Berliner Mauer, welche auch nicht an einem Tag entstanden sei. So gab es zunächst Checkpoints, an deren Existenz sich die Menschen über die Zeit gewöhnt hatten, welche später jedoch Bürger hinderten, zu passieren. Indem man Checkpoints und Kontrollmechanismen aufbaue, schaffe man bereits die Infrastruktur für diejenigen, die diese in Zukunft missbrauchen werden, warnt Hasbrouck. 

Mehr lesen -  Käufliche Experten? Vorwürfe gegen Google nach Millionenspenden an Wissenschaftler

Den genauen Umfang seiner staatlichen Aufträge möchte Palantir nicht preisgeben, doch kommt die Technologie des Unternehmens bereits im Grenzschutz zum Einsatz und im Pentagon sitzen einige der ehemaligen Lobbyisten des Unternehmens fest im Sattel der Sicherheitspolitik der Vereinigten Staaten. Das Ausmaß der Technologie-Industrie gleicht laut Datenschützern mittlerweile jenem des Militärkomplexes und hat damit einen immensen Einfluss auf Entscheidungsträger in Washington.

Palantir zog im Jahr 2014 einen immensen Auftrag der US-Regierung im Wert von über 40 Millionen US-Dollar an Land. Im Auftrag der Polizei- und Zollbehörde des Ministeriums für Innere Sicherheit (Immigration and Customs Enforcement) sollte ein Profiling-Algorithmus aufgebaut werden. An die Öffentlichkeit dringen nur wenige Einzelheiten über das Unternehmen und auch das US-Innenministerium beruft sich darauf, dass die eingesetzten Mechanismen, wie bei Geheimdiensten üblich, per Definition zur Gewährleistung der Sicherheit geheim gehalten werden müssen.

Seit dem 11. September 2001 gehört ein Austausch sensibler Daten zwischen den Sicherheitsbehörden im In-und Ausland zur Routine. In welchem Umfang dabei auch unschuldige Bürger ins Visier geraten, ist aufgrund der Geheimhaltung unklar.