Treffen Putin-Erdogan: Türkei und Russland bauen Kooperation zur Stabilisierung Syriens aus

Treffen Putin-Erdogan: Türkei und Russland bauen Kooperation zur Stabilisierung Syriens aus
Die gemeinsamen Bemühungen Russlands, der Türkei und des Irans um eine Lösung des syrischen Konflikts zahlen sich aus, so Wladimir Putin nach einem Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Sotschi. RT sprach mit türkischen und russischen Experten.

von Ali Özkök

Das Treffen zwischen den zwei Präsidenten Putin und Erdoğan dauerte vier Stunden. Neben Syrien wurden andere bilaterale Fragen erörtert, die von gemeinsamen Anstrengungen zur Terrorismusbekämpfung bis hin zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Handel und Energiesektor reichen.

„Wir haben vereinbart, unsere Beziehungen zu vertiefen. Beide Seiten sind sich einig, dass unsere Länder und Bürger enger zusammenwachsen und in allen Bereichen enger zusammenarbeiten sollten“, zitieren türkische Medien den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Sotschi. Er bekräftigte den Wunsch der Türkei, den bilateralen Handel mit der Russischen Föderation auf 100 Milliarden US-Dollar zu erhöhen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen „alle Beschränkungen gegen die Türkei, einschließlich des Visumverbots für Geschäftsleute“ aufgehoben werden.

Beide Seiten diskutierten „im Detail“ die Aufhebung der verbleibenden Restriktionen Russlands, informierte Putin. Außerdem sagte Erdogan, dass er gemeinsamen Kooperationsanstrengungen in der Verteidigungsindustrie mit Russland „hohe Bedeutung“ zurechnet.

Der Direktor des Zentrums für Orientalistik, Internationale Beziehungen und Public Diplomacy Wladimir Awatkow sagte auf Anfrage von RT Deutsch über die angespannten türkischen Beziehungen zum Westen und die daraus entstehenden Chancen für Russland:

Man sollte die Türkei nun in den Einflussbereich Russlands hineinziehen. Die notwendige Situation und die benötigten Ressourcen sind dafür vorhanden. Nun ist es notwendig, eine entsprechende Strategie dazu zu entwickeln. Die Zusammenarbeit zwischen Russland und der Türkei in der Arabischen Republik Syrien trägt ebenfalls dazu bei. Sie kann, einschließlich der Zusammenarbeit mit dem Iran, zu einem Strukturmodell für die Schaffung und Konfiguration der Sicherheit für die Region und die Welt werden.

Putin sagte, Russland und die Türkei hätten das "Vorkrisenniveau" erreicht, als die türkische Luftwaffe im November 2015 einen russischen Bomber im türkisch-syrischen Grenzgebiet abschoss. Der russische Staatschef kommentierte weiter:

Die Zunahme des Handelsvolumens zwischen unseren Ländern zeigt dies auch.

Putin betonte zudem, dass das Handelsvolumen in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 36 Prozent angestiegen sei. „Wir glauben, dass wir den Rückgang im vergangenen Jahr bis Ende dieses Jahres vollständig kompensieren können“, fügte er hinzu.

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Der türkische Geopolitik-Experte Doktor Volkan Özdemir am Staatlichen Moskauer Institut für Internationale Beziehungen lobte die wachsenden Beziehungen zwischen beiden Staaten. Zu RT Deutsch sagte der Politikwissenschaftler:

Zum ersten Mal im Verlauf des letzten Jahres sind die Gespräche zwischen der Türkei und Russland über Wirtschaftsgespräche hinausgegangen. Die Gespräche wurden von Sicherheitsfragen dominiert. Ich denke, das alleine ist für sich eine wichtige Entwicklung.

 „Ich möchte mit Genugtuung feststellen, dass unsere gemeinsame Arbeit mit der Türkei und dem Iran als Garanten des 'Astana-Prozesses' weiterhin zu konkreten Ergebnissen führt. Die Gewalt wurde zweifellos verringert und vorteilhafte Bedingungen werden für die Förderung des zwischensyrischen Dialogs unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen geschaffen“, sagte der russische Präsident den Reportern.

Putin und Erdogan einigten sich außerdem darauf, „die Bemühungen zur Sicherstellung einer langfristigen Normalisierung Syriens zu verstärken. Dieses Ziel dient vor allem dazu, den Prozess der politischen Lösung voranzutreiben und die Syrer beim Wiederaufbau nach dem Konflikt zu unterstützen“.

Der türkische Staatschef schloss sich Putin an. Er sagte, dass die Treffen von Astana „einen Beitrag zur Verringerung der Gewalt in dieser Region geleistet haben“. Erdoğan fügte hinzu:

Wir kamen zu einer Übereinkunft, dass es in diesem Moment einen gemeinsamen Boden gibt, der es uns erlaubt, uns auf die politische Lösung der syrischen Krise zu konzentrieren.

Der Türkei-Experte Volkan Özdemir bemerkte, dass es noch ein paar Hürden gibt, die das Verhältnis durchaus herausfordern. Gegenüber RT Deutsch sagte er:

Neben der starken Erholung der türkisch-russischen Beziehungen gibt es noch einige Fragen. Am wichtigsten ist, dass die Türkei noch immer darauf beharrt, dass der syrische Präsident Baschar al-Assad sein Amt niederlegen soll. Und auf der anderen Seite unterstützt Russland noch immer die kurdische PYD. Aus diesem Grund gibt es in der Deeskalationszone Idlib und im Raum Afrin, wo sich die PKK aufhält, noch Probleme.

Dennoch zeigte sich der Politikwissenschaftler grundsätzlich über die Zusammenarbeit beider Staaten in Syrien optimistisch. Er bemerkte weiter:

Ich denke, es wird notwendig sein, auf die russischen Präsidentschaftswahlen im März 2018 zu warten, um diese Probleme zu lösen. Nach der Wahl wird Russland auch solche Fragen regeln und eine Wahl treffen.

Links Saudi-Minister Thamer al-Sabhan und in der Mitte Brett McGurk. (Bildquelle: Twitter

„Ankara geht davon aus, dass Russland in Bezug auf die Kurdenfrage eine eher gemäßigte Position einnimmt, oder sich wenigstens nicht in diese Angelegenheit einmischt. In der Frage, ob man die Kurden an den Verhandlungstisch holen sollte oder nicht, unterscheidet sich unsere russische Position sehr stark von der türkischen. Hier könnte und sollte aber ein Kompromiss gefunden werden“, sagte Wladimir Awatkow in Hinblick auf Russlands Herangehensweise, wenn es um die kurdische YPG-Miliz in Nordsyrien geht.

Im Anschluss an das Putin-Erdoğan-Treffen wurde der Pressesekretär des russischen Präsidenten Dmitrij Peskow gefragt, ob Erdogans Forderungen nach einem Truppenabzug der USA und Russlands aus Syrien auf der Tagesordnung stünden. Peskov antwortete, dass bei der Unterredung zwischen den beiden Staatschefs Fragen diskutiert wurden, die „viel komplizierter sind und nicht offengelegt werden sollten“.

Vor seiner Abreise nach Sotschi kommentierte Erdoğan die Stellungnahme der USA unter Berufung auf die russische Seite, dass es keine militärische Lösung für die syrische Krise gibt. Die USA unterstützen die kurdische YPG-Miliz in Syrien, die von der Türkei als Ableger der PKK betrachtet wird, die seit Jahrzehnten einen bewaffneten Kampf gegen den türkischen Staat durchführt. Erdoğan sagte weiter, in diesem Fall sollten „sie ihre Truppen abziehen“. Laut der türkischen Tageszeitung Hürriyet versprach Erdoğan, „auch mit Putin darüber zu sprechen“.

Russland, die Türkei und der Iran bilden die Garantiemächte für die vier Deeskalationszonen in Syrien, die im Mai in der kasachischen Hauptstadt Astana vereinbart wurden und zu einem Rückgang der Gewalt im vom Krieg zerrütteten Land führten. Das von der syrischen Regierung gebilligte Abkommen zielt darauf ab, extremistische Gruppen wie den „Islamischen Staat“ und die ehemalige al-Nusra-Front, al-Kaida-Ableger, von gemäßigten Oppositionsformationen zu trennen. Die russischen, iranischen und türkischen Streitkräfte beobachten die Lage in den ausgewiesenen Zonen, um Zusammenstöße zwischen den Konfliktparteien zu vermeiden.