Der Russe ist immer und überall: Mexikos Presse sieht Moskau die Präsidentenwahl 2018 manipulieren

Der Russe ist immer und überall: Mexikos Presse sieht Moskau die Präsidentenwahl 2018 manipulieren
Nachdem man Russland immer wieder vorgeworfen hat, rechte Kandidaten zu "unterstützen", soll es nun mit Andres Manuel Lopez Obrador ein Linker sein. Beweise? Wie immer Fehlanzeige.
Der Höhenflug des Linkskandidaten Andrés Manuel López Obrador in Umfragen vor den Präsidentenwahlen 2018 in Mexiko stößt regierungsnahen Medien sauer auf. Nun sollen Wladimir Putin und die "Propagandamaschine" RT als Sündenbock dafür herhalten.

Der mediale Mainstream in Mexiko hat bereits vor Monaten, wenn nicht vor Jahren dem linksorientierten Präsidentschaftskandidaten Andrés Manuel López Obrador (AMLO) den Krieg erklärt. Dabei war Obrador selbst lange Zeit Politiker der über Jahrzehnte hinweg dominanten Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), ehe er sich 1989 dazu entschloss, die Partei der Demokratischen Revolution (PRD) als deren Linksabspaltung ins Leben zu rufen. Diese bildete den Kern der späteren Bewegung der Nationalen Erneuerung (MORENA), der AMLO heute vorsteht.

Schon in der Vergangenheit galt es als en vogue, den nun zum dritten Mal zur Präsidentenwahl kandidierenden Politiker mittels Behauptungen einer angeblichen Vernetzung mit dem verstorbenen Hugo Chávez, heute mit dessen amtierendem Nachfolger Nicolás Maduro, zu diffamieren.

Erst die USA, jetzt das Nachbarland

In der offenbaren Angst, diese Keule könne sich langsam, aber sicher abnutzen, legt das politische und mediale Establishment nunmehr nach. Und greift dabei auf exakt die Legende zurück, die bereits in den USA, in Frankreich oder in Deutschland erfolgreich zum herrschenden Narrativ erhoben werden konnte: Es wäre niemand Geringeres als Russland, das sich zum Ziel gesetzt hätte, die 2018 bevorstehenden Präsidentschaftswahlen zu beeinflussen.

Die Argumentationslinie bleibt geläufig: So wie in den USA im Vorjahr nicht etwa Popularitätsdefizite aufseiten der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton oder der breite Unmut der Wähler Donald Trump zum Sieg verholfen hätten, sondern die "russische Einmischung", so werde Moskau auch alle Register ziehen, um im nächsten Jahr AMLO ans Ruder zu bringen.

Was erschwerend dazukommt: Der linke Kandidat gilt trotz der Niederlagen in den Jahren 2006 und 2012 in den Meinungsumfragen mittlerweile sogar als Favorit. Höchste Zeit also, die Russland-Karte zu spielen. Mehrere mexikanische Journalisten haben sich mittlerweile entsprechend dieses Klassenauftrages angenommen. Der Pionier dabei war Pablo Hiriart. Dieser hat bereits im April in einem Kommentar für El Financiero geschrieben, dass die "russische Propagandamaschine nach Amerika [den gesamten Kontinent] ausgerichtet" ist, und vielleicht  Mexiko keine Ausnahme sei in den nächsten Präsidentenwahlen:

Was ist Rusia [sic!] Today? Es ist die wichtigste Propagandamaschine der Regierung Wladimir Putins im Ausland.

Cyber-Attacken und Facebook-Trolle dürfen nicht fehlen

Ungeachtet der Tatsache, dass die angebliche russische Einmischung in die US-Wahlen im Kern immer noch dem Reich der Gerüchte zuzuordnen ist, versuchen sich einige Kommentatoren mittlerweile bereits in der Kunst der Hellseherei. Der Journalist Francisco Martín Moreno vom "Universal" meint zu wissen, dass "López Obrador, ein ähnliches Übel wie Hugo Chávez, der auserwählte Mann  von Putin [ist], um ihn an der Hand nach Los Pinos [mexikanische Präsidentenresidenz] zu führen".

Die Russen werden demnach

gegen Mexiko Cyber-Attacken durchführen und durch die soziale Medien die mexikanische Wähler falsch informieren und verwirren.

Moreno ist nicht der Einzige, der diesbezügliche Visionen zu Papier bringt, unterm Strich bewegen sich die meisten Analysten und Journalisten der führenden Publikationen im Rahmen der spekulativen Zukunftsschau.

Unterdessen kommt Bewegung in die politische Landschaft Mexikos. In der Zwischenzeit ist im politischen Zentrum eine Bürgerfront entstanden, die sich einerseits der langjährigen Quasi-Einheitspartei verweigern, andererseits aber auch die Politik der MORENA kategorisch ablehnen. Kern des Bündnisses sind die Mitte-Rechts-Partei PAN sowie Teile der linkszentristischen PRD, wobei diese noch keinen Kandidaten zur Präsidentenwahl bestimmt hat, der es mit AMLO und dem PRI-Kandidaten aufnehmen soll.

Armut und Gewalt bewegen die Bürger

Auch der mexikanische Journalist John Ackerman ist wegen seiner Mitarbeit bei RT ins Visier heftiger Angriffe von Kollegen geraten. Seine vermeintliche Rolle als "Teil der Propagandamaschine" und die Tatsache, dass er teils Positionen von AMLO vertritt und bei MORENA als Berater von López Obrador gearbeitet hat, versuchen Medien wie El Financiero oder El Universal nun gegen den Präsidentschaftskandidaten selbst auszuschlachten.

Besonnenere Kreise wissen hingegen, dass es nicht irgendeine "russische Einmischung", Putin oder die vielbemühten Hacker sind, die den Kandidaten der MORENA an die Spitze der Meinungsumfragen gebracht haben. Vielmehr sind es innere Umständen wie Armut oder eine wachsende Gewaltspirale, die in vielen Mexikanern den Wunsch nach einem Wechsel reifen lassen. Doch wer diesen herbeiführen soll, dass entscheiden die Mexikaner selbst.