Ein Igel in der Hose: Die Lehren aus der Kubakrise

Ein Igel in der Hose: Die Lehren aus der Kubakrise
Ein ausrangiertes Modell einer atomwaffenfähigen sowjetischen Mittelstreckenrakete vom Typ SS-4 ziert eine Ausstellung auf dem Gelände der Festung La Cabaña in Havanna.
Am vergangenen Wochenende jährte sich zum 55. Mal das Ende der Kubakrise, die die Welt an den Rand eines Atomkriegs brachte. Welche Lehren lassen sich heute aus den Ereignissen vom Oktober 1962 ziehen? Sollte Moskau etwa erneut Raketen auf Kuba stationieren?

Zur so genannten Kubakrise im Oktober 1962 kam es, nachdem die Sowjetunion in Reaktion auf US-Maßnahmen beschlossen hatte, Mittelstreckenraketen auf der Karibikinsel zu stationieren. Die USA verhängten daraufhin eine Seeblockade. Washington drohte mit dem Einsatz von Atomwaffen, um die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba zu verhindern. Mit der Kubakrise erreichte der Kalte Krieg eine neue Dimension – wohl zu keiner Zeit stand die Welt so kurz vor einem Atomkrieg. Die Krise begann am 6. Oktober 1962 und dauerte 13 Tage an.

von Neil Clark

Es war der große Filmemacher Charles Chaplin, der sagte, das Leben sei von nah betrachtet eine Tragödie, jedoch eine Komödie bei einem Blick aus der Distanz. Wenn wir die Kubakrise aus nächster Nähe betrachten, übersehen wir die damit zusammenhängenden umfassenderen Fragen. Wir werden wahrscheinlich dem vorherrschenden Narrativ anheimfallen, in dem die Sowjetunion als Aggressor erscheint und die USA als die Seite, die sich lediglich verteidigt. Tatsächlich war es genau umgekehrt.

Wir sprechen von einer "Kubakrise", oder auch von einer "kubanischen Raketenkrise", aber in Wahrheit ging es nur zum Teil um Kuba. Genauso sehr ging es um die Türkei und insbesondere um die fünfzehn mit nuklearen Sprengköpfen bestückten Mittelstreckenraketen namens "Jupiter", die zuvor im Jahr 1961 dort von den USA stationiert worden waren. Die Sowjetunion fühlte sich von diesen Raketen zurecht bedroht. Wären sie bei einem präventiven "Erstschlag" zum Einsatz gekommen, hätten sie ganze Städte im Westen der UdSSR – Minsk, Kiew oder Moskau – innerhalb von Minuten auslöschen können.

Der verstorbene kubanische Staatschef Fidel Castro

Außerdem existierte tatsächlich die so genannte Raketenlücke, die John F. Kennedy im Präsidentschaftswahlkampf 1960 gegen seinen Widersacher Richard Nixon instrumentalisierte - zu Gunsten der USA. Die Vereinigten Staaten hatten etwa neunmal so viele nukleare Sprengköpfe wie die Sowjetunion.

Im Jahr 1962 war eine Million US-Soldaten auf 200 ausländischen Stützpunkten stationiert, die alle die Sowjetunion bedrohten - von Grönland bis in die Türkei, von Portugal bis zu den Philippinen", schreiben Jeremy Isaacs und Taylor Downing in ihrem Buch "Der Kalte Krieg". "Um die Grenzen der Sowjetunion herum wurden 3,5 Millionen Soldaten der amerikanischen Verbündeten stationiert. Es gab US-Atomsprengköpfe in Italien, Großbritannien und der Türkei."

Chruschtschow macht Nägel mit Köpfen

Nikita Chruschtschow, zu jener Zeit Regierungschef der Sowjetunion, musste schnell handeln, um an dieser Lage etwas zu ändern, wollte er sein Land nicht weiter der Gefahr der nuklearen Vernichtung preisgeben. Dabei darf nicht vergessen werden, dass US-Präsident Kennedy bereits ernsthaft über die Option des "Erstschlags" nachgedacht hatte. Fred Kaplan, Autor von "The Wizards of Armageddon", berichtet über eine von Kennedy anberaumte Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates am 13. Juli 1961. Auf der Tagesordnung der Sitzung stand auch folgender Punkt: "Schritte zur Vorbereitung von Kriegsplänen, die den selektiven Einsatz von Atomwaffen in Mitteleuropa und [...] gegen die UdSSR erlauben würden".

Die aggressive Politik der USA gegenüber Kuba eröffnete Chruschtschow jedoch die Möglichkeit, die Sicherheitslage der Sowjetunion zu verbessern. Als Fidel Castro im Jahr 1959 nach einem Volksaufstand an die Macht kam, bei dem der US-gestützte Diktator Fulgencio Batista gestürzt wurde, hatte er seine Revolution noch nicht als marxistisch bezeichnet. Aber sein Programm, das Verstaatlichungen einschloss und die Geschäftsaktivitäten von Mafiabossen wie Meyer Lansky unterband, brachte ihn unweigerlich auf einen Kollisionskurs mit Washington.

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Bereits im Dezember 1960 hatte die Regierung unter US-Präsident Dwight Eisenhower einen Plan zur Invasion Kubas ausgearbeitet und verabschiedet, um Castro zu stürzen. John F. Kennedy, der im Januar 1961 Präsident wurde, erbte diesen "listigen Plan" und nahm ihn in Angriff. Das Ergebnis war das Fiasko in der Schweinebucht

Verständlicherweise wandte sich Castro nun an Moskau um Hilfe und erklärte die Revolution auf Kuba zu einer sozialistischen. Chruschtschow sah dementsprechend eine günstige Gelegenheit, um "einen Igel in Onkel Sams Hosen zu werfen", wie er gegenüber dem sowjetischen Verteidigungsminister Rodion Malinowski sagte.

Mit Fidel Castro und seinem Bruder Raúl, dem damaligen kubanischen Vize-Premierminister, wurde eine Vereinbarung getroffen, wonach Kuba als Standort für sowjetische Raketen dienen sollte. Diese würden nicht nur helfen, die Insel gegen eine mögliche US-Invasion zu verteidigen, sondern auch in Chruschtschows eigenen Worten dazu beitragen, das Machtgefälle zu den USA "auszugleichen".

Schlecht informierter Kennedy verhängt Blockade

Selbstverständlich war die Empörung innerhalb der politischen Elite der USA groß, als diese davon Kenntnis nahm. Das zweitbeste Zitat aus der Kubakrise – nach Chruschtschows Igel-Spruch – stammt von Kennedy, als ihm von den im Bau befindlichen Raketenstandorten berichtet wurde. "Das ist so, als würden wir plötzlich eine große Anzahl von Mittelstreckenraketen in der Türkei stationieren! Das wäre verdammt gefährlich, meiner Ansicht nach." Daraufhin antwortete der Nationale Sicherheitsberater George Bundy: "Aber das haben wir doch bereits, Herr Präsident."

Kennedy zog alle sich bietenden Optionen in Erwägung und entschied, dass eine Blockade, die die sowjetischen Schiffe daran hinderte, die Raketen nach Kuba zu bringen, die beste Option war. Dabei sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass das Vorhaben der Sowjets, Raketen an einen Verbündeten zu liefern, im Gegensatz zu der erwogenen Blockade legal war.

Eines der berühmtesten Motive des 20. Jahrhunderts schoss der Fotograf Alberto Korda im März 1960 in Havanna.

Doch für Washington stellte sich weiterhin eine entscheidende Frage: Wie soll man mit den Raketen umgehen, die bereits in Kuba angekommen waren? Dem US-Präsidenten wurden Pläne seiner Generäle für Luftangriffe und eine vollständige Invasion Kubas vorgelegt. "Aber es wurde angenommen, dass bei zehntägigen Kämpfen im Rahmen einer Invasion die USA Verluste in Höhe von 18.500 Mann hinnehmen müssten. Kennedy müsste daher einen Deal machen", so Isaacs und Downing.

Tatsächlich wurde eine Vereinbarung getroffen, die die US-Regierung jedoch nicht öffentlich eingestehen konnte. Als Gegenleistung für den Rückzug sowjetischer Raketen aus Kuba hatte sich Washington bereit erklärt, von einer Invasion der Karibikinsel abzusehen und die in der Türkei stationierten "Jupiter"-Raketen abzuziehen, was etwa sechs Monate später dann auch geschah.

Westliche Medien sprachen von einem großen Sieg der USA und ließen dabei außer Acht, zu welchen Zugeständnissen die Sowjetunion Washington gezwungen hatte. Hätte Chruschtschow im Jahr 1961 nicht eine solche Linie gefahren, wäre die Sowjetunion wahrscheinlich irgendwann in den 1960er Jahren mit einem Präventivschlag konfrontiert worden, wahrscheinlich durch Raketen aus der Türkei. Die Einwohner von Moskau, Minsk und Kiew haben ihm viel zu verdanken.

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Nach 1962 wussten die USA, dass sie künftig vorsichtiger agieren mussten. Auch wenn die CIA weiterhin versuchte, die kubanische Regierung zu stürzen, so übte sich die US-Regierung in den folgenden 17 Jahren in Zurückhaltung, wenn es darum ging, den Kreml direkt zu provozieren.

Neokonservative übernehmen das Ruder 

Erst in den späten 1970er Jahren begann sich die Lage wieder zu ändern. Mit der Phase der Entspannung war es vorbei, als US-Präsident Jimmy Carter den russophoben Zbigniew Brzezinski zum Nationalen Sicherheitsberater berief. Neokonservative, die die Entspannung gegenüber Moskau verabscheuungswürdig fanden, bekamen daraufhin Oberwasser. Wieder gab es Aufrufe zu einem Präventivschlag gegen die Sowjetunion.

Nach deren Zerfall gaben einige kluge Köpfe zu bedenken, dass wir ohne ein Gegengewicht zur Macht der USA auf gefährliche Zeiten zusteuern. Ich muss stets an einen Artikel des konservativen Kommentators Peregrine Worsthorne aus dieser Zeit denken. Der entschiedene Antikommunist prognostizierte im Sunday Telegraph, dass die Menschen eines Tages mit einer gewissen Nostalgie und Wehmut auf den Kalten Krieg als eine Zeit des relativen Friedens und der Stabilität zurückblicken könnten. Er hatte absolut Recht.

Da es keine Sowjetunion mehr gab, die die USA in Schach halten konnte, nahm das neokonservative "Project for a New American Century" ("Projekt für eine Neues Amerikanisches Jahrhundert") Fahrt auf. Das Ergebnis waren zwei Jahrzehnte der Kriege und "liberaler Interventionen", bei denen Millionen von Menschen getötet wurden, was den Terrorismus massiv befördert hat und eine Flüchtlingskrise biblischen Ausmaßes ausgelöst hat. Es ist offensichtlich, dass dies alles nicht geschehen wäre, hätte die UdSSR noch immer existiert.

Die Dinge haben sich erst in den letzten Jahren geändert, als Russland unter der Führung seines Präsidenten Wladimir Putin wieder eine Rolle als globaler Akteur einnahm und ein Gegengewicht zum US-Imperialismus bildete. Syrien ist der erste Ort seit dem Ende des (alten) Kalten Krieges, wo die Pläne der US-Neokonservativen vereitelt wurden. Aleppo wird sich hoffentlich als ihr Stalingrad erweisen.

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Wer zu nett ist, den bestraft das Leben

Wenn wir auf die Ereignisse vom Oktober 1962 zurückblicken, dann wird klar, dass die USA nur dann nachgeben, wenn sie davor fürchten müssen, was ihnen die andere Seite antun könnte. Um Onkel Sam davon abzuhalten, sich wie ein widerwärtiger Rüpel zu verhalten, muss man ihm einen Igel in die Hose werfen oder zumindest damit drohen, um Chruschtschows denkwürdigen Ausspruch zu benutzen. Wer, wie Gorbatschow, zu nett ist, wird nur mit Füßen getreten.

Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi gab ebenso wie der irakische Herrscher Saddam Hussein sein Waffenprogramm auf - und erhielt zur Belohnung ein Bajonett in seinen Anus, quittiert vom gackernden Lachen der US-Außenministerin Hillary Clinton. Der jugoslawische Präsident Slobodan Milošević bewirtete großzügig den Balkan-Beauftragten der USA, Richard Holbrooke, und bot diesem seinen besten Sliwowitz an. Zum Dank wurde ihm während seines von den USA angeregten Schauprozesses in Den Haag die angemessene medizinische Behandlung verweigert.  

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un hingegen testet mit sichtlichem Vergnügen Raketen und zeigt Washington damit den Finger – und sein Land wurde nicht bombardiert. Er hat offenbar genau studiert, was vor 45 Jahren geschah und seit 1990 passiert ist.

Raketen in Kuba: Eine Alternative für heute?

Chruschtschows Entscheidung, Raketen nach Kuba zu entsenden, ein Land, das von einer US-Invasion bedroht war, war nicht nur legal, sondern auch weise. Weit davon entfernt, den Frieden zu gefährden, wurde der Krieg dadurch weniger wahrscheinlich. Das nukleare Armageddon blieb aus, weil die USA die sowjetische Antwort fürchteten. Im Nachhinein ist es höchstens bedauernswert, dass damals nicht noch mehr sowjetische Raketen nach Kuba gelangt sind. Dann hätte Moskau noch mehr Zugeständnisse herausholen können.

Was uns zur heutigen Lage zurückbringt. Könnte eine erneute Stationierung russischer Raketen auf Kuba - wie sie die Kommunistische Partei Russlands im vergangenen Jahr als Reaktion auf den Plan des Pentagon gefordert hatte, das Raketenwerfersystem HIMARS in der Türkei einzusetzen - ein geeignetes Mittel sein, um eine Entfernung der NATO von den Grenzen Russlands zu erwirken und die Kriegsfalken in den USA dazu zu bringen, leisere Töne anzuschlagen?

Oder anders ausgedrückt: Wenn es schon russische Raketen gäbe, die nur 150 Kilometer vor der Küste Floridas stationiert wären, würden die USA ihre Außenpolitik dann auch so aggressiv verfolgen? Die Frage zu stellen, heißt bereits, sie zu beantworten.

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