Afghanistan-Krieg: Mehr Befugnisse für CIA-Geheimoperationen sollen Wende erzwingen

Afghanistan-Krieg: Mehr Befugnisse für CIA-Geheimoperationen sollen Wende erzwingen
Mike Pompeo (l.) bei seiner Vereidigung als CIA-Direktor durch den US-Vizepräsidenten Mike Pence.
Der New York Times zufolge wollen sich die USA in Afghanistan verstärkt verdeckter CIA-Operationen bedienen. Dies ist ein weiteres Indiz für eine wachsende Rolle des Nachrichtendienstes in Trumps "Antiterror-Strategie". Die Erfolgsaussichten sind ungewiss.

Die US-Agenten und vor Ort eingesetzten "Dienstleister" sollen nach Angaben zweier nicht näher benannter Regierungsmitglieder im gesamten afghanischen Staatsgebiet die Jagd nach Taliban-Kämpfern aufnehmen und diese zur Strecke bringen. Nach Ansicht der New York Times handelt es sich dabei um einen Paradigmenwechsel im Einsatz der Central Intelligence Agency (CIA) in Afghanistan.

Über 3.000 zusätzliche US-Soldaten nach Afghanistan entsandt

So sei es bisher das Ziel der CIA-Einsätze gewesen, Al-Kaida das Handwerk zu legen und beim Aufbau einer eigenen afghanischen nachrichtendienstlichen Infrastruktur "behilflich" zu sein. Wie die US-Zeitung berichtet, schreckte die US-Agentur bisher davor zurück, in eine möglicherweise endlose Kampagne gegen die Taliban hineingezogen zu werden. Die Begründung: Ein solcher Einsatz sei eine reine Zeit- und Geldverschwendung und würde CIA-Angehörige zudem unkalkulierbaren Risiken aussetzen. Die lange Zeit vom US-Nachrichtendienst vorgebrachten Einwände scheinen US-Präsident Donald Trump jedoch offensichtlich nicht länger restlos zu überzeugen.

CIA begrüßt neue Agenda als Herausforderung

Die paramilitärischen Einheiten der CIA zählen lediglich einige hundert Kämpfer, die überall auf der Welt zum Einsatz kommen, um US-Interessen zu wahren oder durchzusetzen. Der zusätzliche Einsatz in Afghanistan droht daher, die Kapazitäten der US-Behörde zu überdehnen. Dennoch sei die Expansion des CIA-Mandats auch ein Indiz für das zunehmende Selbstbewusstsein des wohl bekanntesten US-Geheimdienstes. So sei die CIA ebenfalls dazu bereit, das Programm verdeckter Drohnen-Einsätze im zerrissenen Land am Hindukusch auszuweiten. Bisher konzentrierten sich die Einsätze vor allem auf pakistanische Stammesgebiete und gezielte Tötungen in Syrien und Jemen.

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Mike Pompeo, neuer CIA-Direktor unter Donald Trump, ließ sich auf einer Sicherheitskonferenz an der University of Texas mit folgenden Worten zitieren:

Wir können unsere Mission nicht erfüllen, wenn wir nicht aggressiv sind. […] In jeder Minute müssen wir bereit sein, unsere Feinde zu zerschmettern", gab Pompeo den CIA-Geist wieder.

Die CIA verweigerte bislang jeden Kommentar zur Ausweitung ihrer Rolle in Afghanistan. Das Vorgehen habe jedoch zum Ziel, die Taliban durch die permanente Jagd ihrer Kämpfer an den Verhandlungstisch zu zwingen:

Die Mission [der CIA] ist das stillschweigende Eingeständnis, dass ein aggressiver Kampf gegen die Aufständischen eine Schlüsselkomponente ist, um die Taliban an den Verhandlungstisch zu bringen", zeigen sich die New York Times überzeugt.

"Kein Platz für amerikanische Waffen unerreichbar"

Die Taliban hatten zuletzt erklärt, solange weiterkämpfen zu wollen, bis auch der letzte US-Soldat das Land verlassen habe. Ihre Forderungen hatten sie auch in einem offenen Brief an den US-Präsidenten recht unverblümt zusammengefasst. Ob sie sich nun von den Worten Trumps einschüchtern lassen, gilt daher als ungewiss. Vor wenigen Tagen hatten die Taliban den USA aufgrund der verschärften militärischen Aktivitäten einen Rachefeldzug angekündigt. Die US-Regierung hatte ihrerseits wiederum in Aussicht gestellt, ihre Truppen in Afghanistan um mehrere tausend Soldaten aufzustocken. Nun erklärte der US-Präsident martialisch:

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Die Killer müssen wissen, dass sie sich nirgendwo verstecken können, dass kein Platz für die amerikanische Macht und amerikanische Waffen unerreichbar ist. Die Strafe wird schnell und kraftvoll sein.

Nach NYT-Informationen sollen die verdeckten CIA-Operationen auch helfen, die militärischen US-Kampagnen in Afghanistan zu stärken:

Das bedeutet, dass mehr US-Kampfeinsätze der Öffentlichkeit verborgen bleiben werden", resümiert die US-Zeitung.

Die entsprechenden CIA-Einheiten werden demnach aus kleinen Kampfverbänden bestehen, die von Offizieren der paramilitärischen CIA Special Operations Division geleitet werden. Hinzu kommen Spione des National Directorate of Security, der im Aufbau befindliche afghanische Nachrichtendienst sowie US-Eliteeinheiten des Joint Special Operations Command. Die Mehrheit der Einheiten werden demnach jedoch Mitglieder afghanischer Milizen stellen.  

Oktober brachte eine deutliche Zunahme an Todesopfern

Über Jahre beschränkte sich die Aufgabe der paramilitärischen CIA-Einheiten im Land darauf, die afghanischen Milizen zu trainieren. Ebenso nutzte die CIA die indigenen afghanischen Einheiten, um Informanten-Netzwerke zu bilden und Informationen zu sammeln. Zu den Hintergründen der nun expandierenden CIA-Operationen erklärte Ken Stiles, ein ehemaliger Offizier im so genannten Anti-Terror-Krieg:

Die amerikanischen Bürger interessiert es nicht, wenn sich CIA-Teams dort [in Afghanistan] auf einen verdeckten Krieg einlassen. Was sie kümmert, ist, wenn 50.000 US-Soldaten vor Ort sind.

In der Tat intensivieren sich im mittlerweile 17. Jahr der sogenannten Operation Enduring Freedom die Kämpfe zwischen den radikalislamischen Taliban und den Soldaten der vor Ort aktiven westlichen Staaten. Innerhalb weniger Tage kamen Mitte Oktober 250 Zivilisten und Sicherheitskräfte ums Leben. Während ihrer Guerilla-Operation griffen die Taliban Bezirkszentren und Sicherheitsposten an. Bei einem Selbstmordanschlag riss ein Attentäter in der Hauptstadt Kabul 15 Armee-Kadetten mit in den Tod.

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Das US-Magazin Foreign Policy macht eine weitere Gefahr, auch für die US-Truppen in Afghanistan, aus und führt diese auf den Einsatz so genannter Improvised Explosive Devices (IED) zurück:

Zwischen Anfang April und Ende Juni 2017 wurden in Afghanistan um die 3.043 Menschen durch den Einsatz von IEDs getötet. Dies geht aus Informationen des Verteidigungsministeriums hervor", erläutert Foreign Policy.

Dies kommt, im Vergleich zu den vorangegangenen 90 Tagen, einem Anstieg um acht Prozent bezüglich der Vorfälle und einem Anstieg um 39 Prozent hinsichtlich der Anzahl der Todesopfer gleich. Dies gehe auf einen offiziellen Bericht der Joint Improvised-Threat Defeat Organization (JIDO) zurück. Aus den Informationen geht ebenso hervor, dass Afghanistan somit das einzige Land darstellt, in dem der US-Central Command aktiv ist und in dem die Anzahl der durch IEDs verursachten Vorfälle und provozierten Todesopfer in den vergangenen 90 Tagen angestiegen ist.

Im Vergleich dazu sank etwa im Irak im gleichen Zeitraum sowohl die Anzahl der Vorfälle (15 Prozent) als auch die Anzahl von Todesopfern (30 Prozent). Dazu erklärte ein Experte des Center for Strategic and International Studies:

Statistik: USA führen Rekordzahl an Luftschlägen über Afghanistan durch (Symbolbild)

In Afghanistan begünstigt die Pattsituation die Aufständischen.

Demnach garantierten die selbstgebauten Sprengsätze deren "Sichtbarkeit, Macht und Einfluss".

Status quo ante 2001: Taliban erobern Tora Bora zurück

Von einem Patt kann aufgrund der aktuellen militärischen Entwicklungen in Afghanistan allerdings keine Rede sein. Den militärischen Rückenwind verspüren aktuell die Taliban. Durch mehrere Offensiven ist es ihnen demnach seit Anfang des Jahres gelungen, etwa die Hälfte des afghanischen Staatsgebiets wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Selbst die Tora-Bora-Höhlensysteme, in denen sich der Al-Kaida-Chef Osama bin Laden einst versteckt gehalten haben soll, sind wieder an die Taliban gefallen. Wohl auch daher scheint nun der Rückgriff auf verdeckte CIA-Operationen erforderlich geworden zu sein.

Dazu erklärte CIA-Chef Pompeo, dass US-Präsident Trump den Nachrichtendienst dazu authorisiert habe, im Kampf gegen die aufständischen Afghanen "Risiken einzugehen, solange diese einen Sinn ergeben". Das ausgegebene Ziel des US-Präsidenten lautet dabei, die CIA wieder "schneller und aggressiver" zu machen. Ob sich damit das Wahlversprechen Trumps, Amerika "wieder groß [zu] machen", erfüllen lässt, ist jedoch mehr als fraglich.