Westlicher Militärexperte in polnischen Medien: "Wir sind schon im Krieg mit Russland"

Westlicher Militärexperte in polnischen Medien: "Wir sind schon im Krieg mit Russland"
Ein hochrangiger Experte mahnt in polnischen Medien an, bisherige Verteidigungspläne Polens auf den aktuellen Stand zu bringen. Er stellt fest, dass der Westen sich bereits im Krieg mit Russland befindet, und erwähnt auch Schwachstellen im NATO-Bündnis.

Das polnische Online-Nachrichtenportal onet.pl hat ein Interview mit dem Militärexperten Reuben F. Johnson veröffentlicht. Johnson arbeitet als Analytiker, Berater und Autor für das britische, militärisch-kommerzielle Branchenmagazin "Jane's Defence Weekly" und schrieb auch für das US-amerikanische Neocon-Kampfblatt "Weekly Standard".

Das Interview besteht aus vielen Verbesserungsvorschlägen, wie Polen seine militärische Effektivität zum Besseren entwickeln sollte. Es gebe dringenden Nachholbedarf, so Johnson. Außerdem stellte er Russland als eine reale Bedrohung für Polen dar und erklärte die Art der vermeintlichen Kriegsführung, die Russland praktiziere.

Polnische Soldaten bei der Einweihungszeremonie der bilateralen Militärinitiative

Polen ist zu zögerlich

In einer kürzlich veröffentlichten Analyse sowie im jüngst veröffentlichten Gespräch tadelt Johnson den mangelnden Handlungswillen der polnischen Entscheidungsträger:

Polen verliert nicht nur Zeit, Polen weigert sich, sie zu erwerben. Die polnische Armee und das Verteidigungsministerium entwarfen eine Prioritätsliste zur sofortigen Modernisierung der Streitkräfte. […] Das Problem liegt darin, dass es in dieser Sache keine ernsthaften Fortschritte gibt. Selbst wenn Verträge unterschrieben werden, können Jahre vergehen, bevor die jeweilige Ausrüstung dienstbereit für den Einsatz im Kriegsgebiet ist, und voll integriert mit den bisherigen Komponenten der Streitkräfte.

Reuben F. Johnson konkretisiert seine Kritik an Polen:

Es gibt Fragen, die eine unmittelbare Reaktion verlangen. Leider werden keine Entscheidungen diesbezüglich getroffen. Im Laufe der erst kürzlich veranstalteten Militärübungen in Polen [DRAGON 2017] haben eure Experten bemerkt, dass man "Apache"-Helikopter und Hubschrauber, die Panzer transportieren können, gut gebrauchen könnte. Es kam die Frage auf: 'Vielleicht sollten wir welche kaufen?' Woraufhin nichts passierte. Nichts folgt danach. Niemand nimmt die Verantwortung für Entscheidungen auf sich. Das ist ein Problem - alles endet bei euch mit Diskussionen.

Gründe und Ursachen

Das polnische Vorhaben, die alten, schweren Kampf-Hubschrauber des Typs Mi-24 zu modernisieren, sei auch höchstwahrscheinlich eine komplette Geldverschwendung, so Johnson. Der Experte zeigt einerseits ein in Rüstungsfragen geschwächtes Organisationsvermögen der polnischen Verwaltungs- und Regierungsgremien auf, spricht hierbei aber andererseits auch gleich ein Grundsatz-Problem an:

Nicht nur um Polen, sondern um ganz Mittel- und Osteuropa ist es schlecht bestellt. Man muss nur auf die Planung dieser Länder in der Sphäre der Verteidigung schauen. Wir haben es mit einer überbordenden Bürokratie zu tun.

Auf die Frage, ob sich der Westen beziehungsweise Polen mit Russland im Krieg befindet, antwortete der Militärspezialist:

Ja. Ein Teil der Experten spricht von einem hybriden Krieg, ich hingegen würde es eher einen Krieg der nächsten Generation nennen. In seine Reichweite kommen alle Aspekte, die uns schon aus Zeiten des Kalten Krieges bekannt sind, aber die Skala der Desinformation überschreitet zurzeit alle uns bisher bekannten Grenzen.

Reuben F. Johnson erklärt, dass diese "Skala" allein von Russland abhängt:

Was die Russen in Fragen der Verteidigungspolitik an Unsicherheit empfinden, kompensieren sie durch das Ausweiten von Desinfomationskampagnen. Sie versuchen auch, die Schwächen des Westens auszunutzen.

Zu den Schwächen des Nordatlantischen Bündnisses äußerte Johnson:

Heute kann der Befehlshaber der NATO lediglich die Armee in Dienstbereitschaft stellen, den Befehl zum Angriff kann er nicht ausgeben. Der Befehlshaber hat auch nicht die Möglichkeit, das Heer innerhalb des Bündnisses zu verlegen. All diese Dinge liegen in der Verantwortung des Rates des Nordatlantischen Bündnisses.

Weitere Konsolidierung der westlichen Institutionen als Lösung

Der Befehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa, General Ben Hodges, hätte vor kurzem daran erinnert, dass die NATO etwas in der Art einer Schengen-Zone bräuchte. Diesen Ansatz teilt Reuben F. Johnson. Der Vorteil wäre die nötige Mobilität der Armee-Abteilungen, die sich frei zwischen verschiedenen Ländern bewegen könnten, erläutert Johnson. Zudem erinnerte er:

Alle denken, dass die NATO einem Monolithen gleicht, der lediglich eines Knopfdrucks bedarf, damit alles läuft. Die Realität ist eine ganz andere. 

Das südbayerische Schloss Neuschwanstein, erleuchtet in den Farben der amerikanischen US-Flagge (G-7-Gipfel, Juni 2015, Quelle: Reuters)

Fazit des Experten - "Polen muss wachsam sein"

Polen muss wachsam sein, da niemand im Stande sein wird, einen eventuellen Angriff [von Russland] sofort abzuwehren. Ich stelle das Ausmaß der Bedrohung durch Russland nicht in Frage, da sie sehr real ist.

In Zeiten des Kalten Krieges wäre ein Angriff der UdSSR mit einer Reaktion der NATO beantwortet worden, so Johnson. Laut dem Militärexperten hätte daraufhin damals eine Art von Waffenstillstand begonnen. Sich der fehlenden Beweisbarkeit seiner Hypothese sicher bewusst, fasste der Militärexperte am Ende des Interviews zusammen:

Nun ist es so, dass Russland angreift und sich irgendein Territorium einfach nimmt und sagt: 'OK, das ist jetzt unser Gebiet - entweder wir behalten es, oder es gibt Krieg.' Das sehen wir hervorragend am Beispiel der Ukraine.

Zwar könnte man den Experten einer allzu vereinfachten und konventionellen Sichtweise bezichtigen, aber seine Position ist nicht überraschend: Er ignoriert die wichtigen Hintergründe des vorangegangenen, verfassungswidrigen Regierungsumsturzes in Kiew und die darauffolgende Volksabstimmung der Krim und deren Anschluss an die Russische Föderation, die beide im Jahr 2014 stattgefunden haben. Damit attestiert er Russland eine mittlerweile in den westlichen Diskurs imprägnierte und irrationale Gesamtschuld am Ukraine-Konflikt. Aber von der Fähigkeit zur kritischen Selbsthinterfragung, die den Westen nach eigenem Selbstbild gegenüber allen anderen Zivilisationen der Welt auszeichnet, hat dieser ja auch schon mit Blick auf die Geschichte vorangegangener Jahrhunderte nicht allzu gerne Gebrauch gemacht.

Das Einzige, was aus den Ausführungen Johnsons klar und unmissverständlich hervorgeht: Die massiven inneren Unzulänglichkeiten der Regierungsverantwortlichen in den Ländern der NATO-Ostflanke bei ihrer Verteidigungspolitik, einschließlich Polens, können selbst mit größter Anstrengung kaum Russland zugeschrieben werden. Diese von Johnson klar ausgearbeitete, institutionelle Organisationschwäche bei der Verteidigungsstrategie der östlichen Mitglieder der NATO korrespondiert in vollkommen unverhältnismäßiger Weise mit der panischen Berichterstattung über einen vermeintlich unmittelbar bevorstehenden "Angriff Russlands".