Westen auf der Suche nach Russland-Experten: Vorkenntnisse unerwünscht

Westen auf der Suche nach Russland-Experten: Vorkenntnisse unerwünscht
Der „Russland-Experte“ Morgan Freeman freut sich über den ihm verliehenen Cecil B. DeMille-Preis (Januar 2012)
Während der Teilnahme von Hollywoodschauspielern an institutionalisierter Russophobie, scheinen die Anforderungen für eine tiefgründige Russland-Analyse im Westen weiter zu sinken. Laut dem russischen Journalisten Leonid Bershidsky wird aber auch die Nachfrage dafür gezielt unterdrückt.

In einem Artikel bei Bloomberg äußerte sich kürzlich der politische Analytiker Leonid Bershidsky zur gegenwärtig dominierenden Russland-Expertise in den amerikanischen Medien. Selbst der Russland-kritische Bershidsky hat auf die Oberflächlichkeit der Berichterstattung hingewiesen, sie sogar angemahnt. Chauvinismus hätte in diesem Themenfeld Gelehrsamkeit und den Geist echter Erforschung abgelöst, so Bershidsky. Der in den Vereinigten Staaten lebende Journalist führte die Arbeit des Committee to Investigate Russia an und zitierte deren Motto:

[Unser Ziel] ist es, Amerikanern zu helfen, die Ernsthaftigkeit der russischen Attacken auf unsere Demokratie zu erkennen.

Oleg Borissowitsch Nemenski, geboren 1979, ist Politologe und Historiker.

Bershidsky unterstreicht den Fakt, dass keiner in diesem Komitee ein Russland-Experte ist, was ein „Zeichen der Zeit“ sei. Zwar habe der ehemalige Chef der National Security Agency (NSA), James Clapper, im Zuge seines Dienstes sicherlich Kontakt zu Russland-Experten gehabt, er selber sei aber keiner. Nicht nur dieser ist Mitglied vom Beirat des Komitees, auch Rob Reiner ist aktiver Teilnehmer. Als langjähriger Filmregisseur und Schauspieler kam Reiner nie in Kontakt mit Russland und bestätigt den Vorwurf, den Bershidsky so überzeugend präsentiert:

Sie alle sind natürlich keine wirklichen „Ermittler“ - ihnen fehlt der Hintergrund dafür - aber diese Organisation wurde ins Leben gerufen, um die öffentlichen Beweise zu sammeln und, so scheint es, ein vorgefasstes Narrativ zu verkaufen, statt eine unparteiische Bewertung dessen darzustellen.

Bershidsky setzt seine Analyse fort, indem er weitere Kollegen zitiert, die zwar Experten sind, aber nicht die Medienwirksamkeit erreichen, die für ein nuanciertes Bild von Nöten wäre. Mark Galeotti, der am Institut für Internationale Beziehungen in Prag arbeitet, hat vor Kurzem zum Thema der Russland-Berichterstattung getweetet:

Es ist klar, jeder Versuch Nuancen einzuführen, ist gleichbedeutend mit Verrat.

Außerdem stellt der russische Journalist die These auf, dass das hochkarätige Committee to Investigate Russia hochqualifizierte Berater hätte verpflichten können, wären sie als Organisation wirklich an der Materie interessiert gewesen. Hierzu zitiert er in seinem Artikel einen kürzlichen Blog-Eintrag vom Direktor des Russia Institute vom King's College in London, Dr. Samuel Greene:

Es gibt zu viele russische Freunde und Kollegen, die in Amerika leben - Immigranten und amerikanische Staatsbürger, Fachleute, Journalisten, Akademiker und alle heftige Kritiker Putins -, die in der Öffentlichkeit ihre Köpfe gesenkt und ihre Stimmen stumm halten. Zu viele amerikanische Analysten fühlen sich gezwungen, ihre widersprechenden Meinungen für sich zu behalten. Ich habe eineinhalb Dekaden damit verbracht, russischen Politikern, Journalisten und gewöhnlichen Bürgern zu erklären, dass es die reflexhafte, amerikanische Russophobie des Kalten Krieges nicht mehr gibt, nur um sie wieder ins Leben gerufen zu sehen.

Desweiteren kritisiert Bershidsky die am meisten herangezogene Expertin im Committee to Investigate Russia, die ehemalige Beraterin des georgischen Ex-Präsidenten Micheil Saakaschwili, Molly McKew. Laut dieser Expertin führt Russland einen Informationskrieg gegen die USA. McKew behauptet, dass die amerikanische strategische Auslegung für diese Art der Herangehensweise sei, durch nachrichtendienstliche Operationen militärische Operationen zu verstärken. Ihrer Meinung nach lege die russische Doktrin genau andersherum: Militärische Operationen bedingen nachrichtendienstliche Operationen. Bershidsky plädiert darauf, dass McKew vereinfacht und fehlgeleitet argumentiere. Gleichzeitig gebe es keinen Markt für eine kräftige Widerlegung, so der russische Analytiker.   

Bershidsky gibt eine Zusammenfassung der Sachlage wider:

Seit den ersten Berichten über russische Einmischung in die US-Wahlen letztes Jahr sind im amerikanischen Polit-Bewusstsein die Begriffe „Propaganda“ und „Hacking“ in das Wort „Krieg“ umgewandelt worden. Die USA wissen, wie man Krieg führt; Krieg schließt Feinheiten und Mehrdeutigkeit aus. Krieg braucht Morgan Freemans gut geprobte Ernsthaftigkeit.

Andernorts mehr vom Gleichen  - The Atlantic Council

Der irische Journalist Bryan MacDonald hat in seinem Bericht für RT International eine akribische Beobachtung der letzten Sitzung vom Atlantic Council verfasst. Die in Washington D.C. ansässige, atlantische Denkfabrik ist bekannt für ein fehlendes Wohlwollen gegenüber einer multipolaren Weltordnung. MacDonald war einer der wenigen YouTube Live-Zuschauer, die diese Veranstaltung mitverfolgten. Er zeigte die bei einem Versuch eines Russland-Diskurses praktizierte Hohlheit der geladenen Diskussionsteilnehmer sowie des Publikums auf.

MacDonald merkt an, wie wahnsinnig die Fragen des Publikums für ihn sind: Ein Mann aus Litauen hatte gefragt, wie man Russland davon abbringen könnte „Geld zu bekommen“. Worauf der Generaldirektor des Swedish Civil Contingencies Agency, Nils Svartz, antwortete, dass die Russen sehr offen seien mit dem, was sie tun, denn es sei ja "im Internet". Sofort ergänzte der Moderator Jim Sciutto (Chief National Security Correspondent, für CNN): „Wie, zum Beispiel, die GER-A-SSIM-OW Doktrin.“

Was aber ist diese Gerassimow-Doktrin? Laut den westlichen Massenmedien ist es Russlands „neue Chaos-Theorie“ für politische Kriegsführung. Zurückführbar sei diese Doktrin auf den Generalstabschef der russischen Streitkräfte, Waleri Gerassimow, und seine Rede aus dem Jahr 2013. In dieser betonte er, dass Russland ein genaues Augenmerk auf die Weise legen müsse, wie die USA militärische Aktivität, Informationskampagnen, Diplomatie und Wirtschaftssanktionen miteinander kombinieren.

Auch Bershidsky hatte in seinem Bloomberg-Artikel erwähnt, dass der Experte für russische Militär- und Sicherheitsangelegenheiten, Roger N. McDermott, in seiner umfangreichen Studie aus dem Jahr 2016, die westlichen Behauptungen einer aktiv existierenden „Gerassimov-Doktrin“ widerlegt. Zu dem geschilderten Gesprächswechsel auf dieser homogenen Podiumsdiskussion, die MacDonald protokollieren durfte, äußerte er sich folgendermaßen:

Das ist das Level auf dem wir uns nun befinden. Zwei falsch informierte Menschen -jenseits ihres Fachgebietes-, die Dinge bestätigen, die nicht einmal wahr sind.