Wohin mit den IS-Terroristen? Die künftigen Operationsgebiete des Dschihad

Wohin mit den IS-Terroristen? Die künftigen Operationsgebiete des Dschihad
Die IS-Terroristen galten lange Zeit als Kämpfer, die bis zum bitteren Ende kämpfen und nicht aufgeben. Doch mittlerweile akzeptieren viele auch den geordneten Rückzug.
Das Kalifat des IS ist Geschichte, der radikale islamische Terrorismus, der in der wahhabitischen Ideologie wurzelt, besteht weiter. Die Kämpfer suchen sich neue Angriffsziele – und eine Reihe von Krisenregionen steht zum Einsickern bereit.

von Zlatko Percinic

Das selbsternannte Kalifat des Islamischen Staates (IS, ISIS, Daesh) auf dem Territorium der Iraks und Syriens existiert nicht mehr. Natürlich gibt es noch einige wenige Gebiete, die unter IS-Kontrolle stehen. Aber das hat nichts mehr mit jenem Gebilde gemein, das entstanden war, als die irakische Millionenstadt Mossul nahezu kampflos - und wie im Nachhinein bekannt wurde, auch absichtlich - im Juni 2014 in die Hände der wahhabitischen Terroristen des IS fiel. Als sich Abu Bakr al-Baghdadi, sein richtiger Name ist Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri, in der altehrwürdigen Al-Nuri Moschee in Mossul zum Kalifen ernennen ließ, schien der langersehnte Traum tausender Islamisten weltweit endlich in Erfüllung gegangen zu sein: die Wiederrichtung des islamischen Kalifats auf historischem Boden, wo dieses vor über 1.300 Jahren seinen Anfang nahm.

Obwohl unter der Flagge des IS auch viele ehemalige säkulare Offiziere und Generäle der von den Amerikanern aufgelösten irakischen Armee kämpften, die zwar Sunniten sind, aber sonst mit dem religiösen Fanatismus nichts am Hut hatten, ist die treibende Kraft hinter dem "Phänomen" Islamischer Staat die Ideologie des aus dem Wüstenreich der Arabischen Halbinsel stammenden Wahhabismus. Ohne zu verstehen, was hinter dieser Ideologie steckt, kann man auch nicht verstehen, was die Ziele des IS sind und weshalb, trotz all dem brutalen Blutvergießen, die Unterstützung dafür in Teilen der Bevölkerung verschiedener Länder ungebrochen ist.

Endziel: Kampf gegen Unglauben überall, wo Muslime leben

Die Ideologie des Wahhabismus geht davon aus, die einzig wahre monotheistische Lehre zu sein, auch innerhalb des Islam selbst. Alle anderen Religionen gelten als kufr (Unglaube) oder shirk (Polytheismus, Götzendienst), die es entweder auszumerzen oder dem wahren Glauben zuzuführen gilt. Und wie schon im 18., 19. und 20. Jahrhundert der Wahhabismus in der arabischen Provinz Nadschd Fuß fasste und sich unter dem Klan der Al-Saud ausbreitete, um die Ungläubigen zum tauhid (Monotheismus) nach dessen eigener Lesart zu bekehren, agiert heute der so genannte Islamische Staat.

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Es geht nicht so sehr um die Errichtung eines Staates, der nach dem Koran und der Scharia aufgebaut ist, sondern vielmehr darum, in einem ersten Schritt die vorwiegend muslimischen Länder aus ihrem Zustand des - aus der Sicht der Wahhabiten - kufr zu "befreien". Ist dieser Idealzustand des tauhid erst einmal erreicht, sollen auch die anderen Länder mit einer muslimischen Minderheit "befreit" werden. Dazu zählen insbesondere Länder wie Spanien - das ehemalige Al-Andalus -, Frankreich, Belgien, Deutschland, Großbritannien und die USA.

Abu Bakr Naji, der ehemalige Chefideologe von Al-Kaida, der geistigen Vorgängerorganisation des IS, schrieb in seinem Buch "Das Management der Barbarei", wie die Dschihadisten ihren Dschihad auffassen:

Unsere Schlacht ist eine Schlacht des Monotheismus gegen den Unglauben, Glaube gegen Polytheismus. Es ist keine wirtschaftliche, politische oder soziale Schlacht.

Nach diesem "Handbuch des Dschihadismus", wie das Buch auch genannt wird, handelt auch der IS. Was aber viel wichtiger ist: Es ist keine Neudefinition von Abu Bakr Naji gewesen, sondern stammt direkt aus den Ideen des Vaters des Wahhabismus, Mohammed Abd al-Wahhab. Es ist genau dieselbe Ideologie, die auch im modernen Saudi-Arabien als Staatsreligion verankert ist, und stellt deshalb eine unmittelbare Gefahr für das Herrscherhaus Al-Saud dar.

Die Frage stellt sich nun, wohin sollen die tausende Dschihadisten des IS gehen, nachdem sie ihr Gebiet in Syrien und im Irak so gut wie verloren haben? Ihre Herkunftsländer werden sie eher widerwillig als mit offenen Armen empfangen wollen, von der potenziellen Gefahr für diese Länder gar nicht erst zu sprechen. Die Gefahr geht jedoch nicht nur von den Rückkehrern aus, deren Zahl sich je nach Land zwischen einigen hundert bis wenigen tausend bewegt, sondern auch von einheimischen Islamisten, die in Kontakt mit dem Gedankengut der Dschihadisten gekommen sind und dieses befürworten.

Wohin also mit den IS-Terroristen?

Keine Frage, die USA und deren Verbündete haben lange Zeit den IS als nützliches Mittel im Kampf gegen die Regierung von Baschar al-Assad in Syrien und gegen den sich ausbreitenden Einfluss Irans benutzt. Immer wieder gab es Berichte, wie die USA "Hilfslieferungen" über IS-Gebiet "versehentlich" abgeworfen haben, oder wie US-Spezialkräfte Evakuierungen aus IS-Gebieten flogen.

Die IS-Terroristen galten lange Zeit als Kämpfer, die bis zum bitteren Ende kämpfen und nicht aufgeben. Wie aber nicht nur der jüngste Fall der IS-Niederlage im Libanon gezeigt hat, gibt es durchaus auch solche, die den geordneten Rückzug dem sicheren Tod vorziehen. Weshalb sollten sie sich aber dann an dem neuen Bestimmungsort, im Grenzgebiet zwischen Syrien und dem Irak, den Luftangriffen der Russen und/oder der USA aussetzen?

Viel eher dürften sie von hier aus die nächsten Schritte für einen anderen Kriegsschauplatz planen und organisieren.

Zentralasien

Es ist heute leider nun gar nicht so schwer, ein destabilisiertes Land in der sunnitischen Welt zu finden. In Afghanistan breitet sich die IS-Präsenz in Kooperation mit den Taliban aus, genauso wie es seinerzeit Al-Kaida getan hat. Mit der Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, erneut eine Truppenaufstockung vorzunehmen, eine Taktik, die bereits sein Vorgänger Barack Obama angewandt hatte und mit der dieser gescheitert ist, ist nur der Propaganda der Taliban und des IS gedient. Und genauso wie Obama gescheitert ist, wird auch Trump in Afghanistan mit einer Truppenaufstockung scheitern.

Dazu kommt, dass nicht die US Army, und damit sind alle offiziellen Teilstreitkräfte der USA gemeint, ihre Soldaten entsenden soll, sondern dass dieser "surge" an Söldner ausgelagert werden soll. So gibt es keine offiziellen Zahlen von Verlusten, keine staatliche Verantwortung, keine Einhaltung von internationalem Kriegsrecht: ein Rezept für ein äußerst blutiges Desaster. Dessen ungeachtet machte der Gründer der berüchtigten Söldnerfirma Blackwater und Bruder der US-Bildungsministerin Betsy DeVos, Eric Prince, bereits Werbung in eigener Sache in der New York Times.

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Sollte Präsident Trump also tatsächlich tausende Söldner nach Afghanistan beordern, um dort den Krieg zu beenden, was der "mächtigsten Armee der Welt" bislang in 16 Jahren nicht gelungen ist, dann wird das wie ein Expresszug mit One-Way-Tickets für die Dschihadisten in Syrien und im Irak wirken. Gleichzeitig wird es die ohnehin schon fragile Situation in Tadschikistan weiter erschüttern, mit Schockwellen bis ins Fergana-Tal in Kirgistan.

Kaukasus

Russland führt seit Jahren immer wieder Antiterroroperationen im Kaukasus durch, insbesondere in Dagestan und Inguschetien, wo sich wahhabitische Extremisten seit den Tschetschenienkriegen zurückgezogen und das "Islamische Emirat Kaukasus" gegründet haben. Im Jahr 2015 schworen die Anführer des Islamischen Emirats Kaukasus einen Treueeid auf den Islamischen Staat, was sie somit zum Teil der "befreiten" Welt machte. Angesichts der russischen Operationen und Überwachung ist es jedoch eher unwahrscheinlich, dass sich eine große Anzahl von IS-Terroristen auf die beschwerliche Reise in den Kaukasus machen wird.

Südostasien

Länder wie Indonesien, Malaysia und die Philippinen haben bereits während der Zeit der Fremdherrschaft durch die jeweiligen Kolonialisten einen Aufstand gegen die Besatzer geführt, der im religiösen, regelmäßig islamischen Gewand stattfand. Mit der Freilassung in die Unabhängigkeit änderte sich die Situation für die Menschen oft nicht grundlegend gegenüber der Fremdherrschaft. Das galt insbesondere für Länder wie die Philippinen, die über eine muslimische Minderheit verfügte, welche isoliert auf den entlegenen Eilanden des Inselstaates lebte. Mit der Zeit formierten sich dort Terrorgruppen, die es auf die Zentralgewalt in Manila abgesehen haben und mit Aktionen gegen Touristen auf sich aufmerksam machten. 

In Indonesien hingegen führte das Regime von General Suharto eine regelrechte Strafexpedition in Osttimor durch, die mit der Besatzung Ende 1975 ihren Anfang nahm und von den USA gebilligt wurde. 

In einer als "geheim" klassifizierten Depesche der US-Botschaft in Manila vom 2. November 2005 wird ersichtlich, wie groß das Problem der "saudischen Terrorfinanzierung" geworden ist, die "unter dem Schutz von Spenden für Moscheen, Kinderheime und Medressen" ins Land gekommen ist. So wurde die ideologische wie auch finanzielle Basis für Terrorgruppen wie Jemaah Islamiya und Abu Sayyaf sichergestellt. Festgenommene saudische Staatsangehörige wurden nach Interventionen der saudischen Botschaft in Manila umhegend wieder auf freien Fuß gesetzt.  

Um die Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und den vorwiegend muslimischen Ländern in Südostasien weiter zu zementieren, unternahm König Salman im Frühling dieses Jahres eine seiner seltenen Auslandsreisen, unter anderem nach Malaysia und Indonesien. Mit seiner Entourage von 25 Prinzen des Al-Saud-Klans, 1.500 Bediensteten und 27 Frachtflugzeugen, die 460 Tonnen an verschiedensten Waren nach Jakarta einflogen, überbrachte der saudische Herrscher einer begeisterten indonesischen Menge eine einfache Botschaft: Folgt uns und es wird euch gut gehen. 

Prompt blies auch der indonesische Präsident Joko Widodo in dasselbe Horn:

Wir haben spezielle Beziehungen zu Saudi-Arabien, vereint durch den Islam und durch unsere Bruderschaft.

Diese Botschaft ist einigen aufmerksamen Journalisten in Australien nicht entgangen, die die Gefahr dahinter erkannt haben und Canberras Stillschweigen darüber kritisierten. Denn was Saudi-Arabien wirklich von Indonesien möchte, ist die Öffnung des größten muslimischen Landes für den Wahhabismus. Die Zahl von wahhabitischen "Islamischen Universitäten" in Indonesien will Riad verdreifachen, mit kostenlosen Studienplätzen für die Indonesier.

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Das gleiche Spiel in Malaysia. Auch dort will man mit saudischen Milliardeninvestitionen den Zugang zu den Seelen der Bevölkerung erkaufen, indem beispielsweise das wohlklingende "King Salman Center for International Peace" in Kuala Lumpur entsteht. Allerdings soll die World Muslim League zu den Projektbetreibern gehören, eines der wichtigsten saudischen Vehikel für den Export des Wahhabismus

In Myanmar ködert Riad die muslimische Minderheit der Rohingya nicht nur mit wahhabitischer Indoktrination, sondern stattet auch deren kampferprobte Miliz, die sich ihre Sporen in den verschiedenen Kriegsgebieten der letzten 20 Jahre verdient hat, mit Waffen und Geld aus. Wie selbst das Wall Street Journal eingestand, bestehen die Rohingya-Anführer aus Exilanten, die die Miliz aus dem saudischen Mekka steuern:

Harakah al-Yakin, arabisch für 'die Glaubensbewegung', folgt einem Komitee von Rohingya-Emigranten in Mekka und einem Kader von einheimischen Kommandeuren mit Kampferfahrung als Guerillas in Übersee. Ihre kürzliche Kampagne, die bis in den November mittels Attacken unter Verwendung von IED [improvisierten Sprengvorrichtungen; Anm.] erfolgt ist, die noch mehr Sicherheitsagenten getötet haben, wurde durch Fatawa von Klerikern aus Saudi-Arabien, Pakistan, den Emiraten und anderswoher gebilligt.

Berücksichtigt man dann noch die offene Feindseligkeit zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und dem demokratisch gewählten Präsidenten auf den Philippinen, Rodrigo Duterte, der die US-Besatzung in seinem Land endlich abschütteln wollte, dann ergibt sich ein durchaus kohärentes Bild in dieser Region. Mit Instabilitäten in einer Region, wo die USA immer mehr an Einfluss verlieren, kommen solche Bedrohungen durch wahhabitische Extremisten gerade recht, um sich den Regierungen als Partner im Kampf gegen den "islamistischen Extremismus" zur Seite zu stellen.

Oder, wenn das nicht klappen sollte, auf Basis der R2P-Doktrin (Right to Protect), um zum Beispiel die Rohingya-Muslime vor Übergriffen der Burmesen zu beschützen, die die ethnische Mehrheit in Myanmar darstellen. Natürlich bedingt die eine oder die andere Variante eine Stationierung von US-Truppen in den jeweiligen Ländern. Und ganz nebenbei dient es dem amerikanischen "Pivot to Asia", sprich der Einkreisung Chinas. 

Was also nun die IS-Dschihadisten in Syrien und Irak betrifft, unter denen auch viele Kämpfer aus Südostasien sind, bietet sich für diese in dieser Region ein einfacher Zugang und ein regelrechter Tummelplatz an Krisenherden. So fordert der Sprecher der als Terrororganisation eingestuften islamischen Front Ahrar al-Sham in Syrien die Unterstützung für Rohingya-Muslime, indem er aber schreckliche Bilder von Katastrophen aus verschiedenen anderen Ländern benutzt, um den Zorn der muslimischen Welt zu wecken. Ein Zustrom an Hunderten von kampferprobten Dschihadisten würde niemand anderem dienen als einzig und allein den USA. Und schon griff bereits die erste ausländische so genannte Mudschaheddin-Division aus Bangladesch kommend in den Konflikt ein und überrannte einen burmesischen Militärposten. 

Afrika und Mittlerer Osten

Im Jemen, in Libyen, Ägypten (genauer der Sinai-Halbinsel), Nigeria und Burkina Faso verfügt der IS bereits jetzt über starke "Niederlassungen", während es in Saudi-Arabien, Tunesien, Algerien und Somalia einzelne Zellen sind, die aber in der Bevölkerung über beachtlichen Rückhalt verfügen.

Es kann davon ausgegangen werden, dass es einige IS-Terroristen aus Syrien und dem Irak wieder in ihre Heimatländer zurückziehen wird, was insbesondere für Tunesien ein Problem sein dürfte, weil exponentiell viele Tunesier in den Dschihad gezogen sind. 

Europa

Großbritannien, Frankreich, Belgien und Deutschland sind Länder, aus denen viele Muslime und auffallend viele zum Islam konvertierte Männer dem Ruf des Dschihad gefolgt sind. Schweden gilt als sicherer Rückzugsort für Dschihadisten. Seit dem Ausbruch der Flüchtlingskrise in Europa hat sich die Zahl von "extremistischen Takfiri" laut dem schwedischen Geheimdienstchef verzehnfacht. IS-Rückkehrern werden neue Identitäten ausgestellt, um ihnen eine Resozialisierung in die Gesellschaft zu ermöglichen, wie ein aufsehenerregender Fall von 150 Rückkehrern gezeigt hat. 

Doch kein europäisches Land bietet so viel Sicherheit für zurückkehrende Dschihadisten, aber auch solche, die einfach einen Rückzugsort brauchen, wie Bosnien. Seit dem Bosnienkrieg der 1990er Jahre haben sich Wahhabiten in Zentralbosnien in vielen Dörfern breitgemacht und faktisch No-Go-Gebiete für Nicht-Wahhabiten errichtet. Dort haben sie nicht nur die Scharia eingeführt, sondern auch eine saudi-arabische Lebensweise, die den bosnischen Muslimen eigentlich völlig fremd ist. Schon in den 1990er Jahren gewährte die Regierung von Alija Izetbegovic Dschihadisten Platz und Staatsbürgerschaft, als diese im "El-Mudzahidin"-Bataillon gegen Serben und Kroaten kämpften.

Die blinde Unterstützung für dieses Treiben in Bosnien und der damit verbundene Import des Wahhabismus und dessen extremistischer Anhänger vor die Tore Zentraleuropas ist ein unverzeihlicher Fehler der westlichen Regierungen. Allen voran die USA haben versagt, die aktiv in den Krieg in Bosnien aufseiten radikalislamischer Kräfte eingriffen und so deren Etablierung in Südosteuropa erst ermöglichten. Wie ernst das Problem ist, zeigt ein Bericht des österreichischen Innenministeriums.

Was in Bosnien seinen Anfang nahm, wurde unerklärlicherweise ein Jahrzehnt später im Kosovo wiederholt. Wieder schlugen sich westliche Regierungen auf die Seite von Extremisten und organisiertem Verbrechen unter der Führung des heutigen Ministerpräsidenten Hashim Thaci, um nach bekanntem Schema der "Verteidigung von Menschenrechten und Demokratie" einen neuen, nicht überlebensfähigen Staat in die so genannte Internationale Gemeinschaft einzugliedern. Und als ob das nicht schon genügen würde, sicherte sich Washington dieses Protektorat auf dem Balkan mit einer der größten US-Basen außerhalb der Vereinigten Staaten ab: Camp Bondsteel. 

Offiziell als Militärbasis für die US/NATO- "Friedensmission" KFOR genannt, scheint die Konzipierung derselbigen und deren Ausstattung mit schwerem Kriegsgerät wie Kampfhubschraubern, Artillerie und Panzern auf andere Zwecke hinzudeuten. Was auch immer mit dieser immensen Militärbasis geplant war: Fakt ist, dass sie außer negativen Schlagzeilen nicht viel vorzuweisen hatte und Unsummen an amerikanischem Steuergeld kostet. Schon seit einigen Jahren wird die Forderung nach Schließung von Camp Bondsteel laut oder zumindest die Übergabe an die NATO. Sogar eine Übergabe an die Türkei wurde noch 2011 diskutiert.

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In Brüssel als EU-Beitrittskandidat gefeiert, sorgt die enorme wirtschaftliche Misere dafür, dass sich das Land nicht nur als europäische Drehscheibe für den internationalen Drogenschmuggel entwickelt hat, sondern auch empfänglich wird für den Ruf des Dschihads, wie selbst das US-Außenministerium festgehalten hat. Wie sehr der Wahhabismus die Kosovaren verändert hat, zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass deren Staatsbürger es zu großem Ansehen im sogenannten Islamischen Staat geschafft haben. So groß, dass selbst der kosovarische Infrastrukturminister Lutfi Zharku  bei der traditionellen Totenfeier der Familie des getöteten IS-Kommandeurs Lavdrim Muhaxheri seine Aufwartung machte. 

Den IS-Dschihadisten in Syrien und im Irak, in deren Rängen es sehr viele Staatsbürger aus Ländern wie Bosnien, Kosovo und Albanien gibt, wird wie schon in den 1990er Jahren nicht unbedingt Tür und Tor geöffnet, aber zumindest der Hintereingang ganz sicher nicht versperrt werden. Daran werden die formellen Gesetze und Programme der Regierungen in Sarajevo, Priština und Tirana zur Terrorismusbekämpfung an der Seite der USA auch nichts ändern können. Zu viel Geld ist aus Saudi-Arabien für Moscheen, Medressen und Islamische Zentren geflossen, welche die Menschen im Sinne ihres Gedankenguts, des Wahhabismus, beeinflussen.