Russland weiterhin von Mitgestaltung der Gedenkstätte Sobibor in Polen ausgeschlossen

Russland weiterhin von Mitgestaltung der Gedenkstätte Sobibor in Polen ausgeschlossen
Verrostetes Schild an der Peripherie des deutschen Vernichtungslagers in Sobibor, im September 2014
Eine weitere Bekanntgabe von polnischer Seite lässt jede verbliebene Hoffnung verfliegen: Mit einem aktiven russischen Beitrag zu einer gemeinsamen Entwicklung der Gedenkstätte für die Opfer des Vernichtungslagers in Sobibor ist nicht mehr zu rechnen.

Der heutige Tweet der Polnischen Presse Agentur (PAP) hat einen weiteren Stein auf die mentale Trennmauer zwischen Polen und Russland gelegt. In einem auf der Plattform geposteten Videoclip äußerte sich der Staatssekretär des polnischen Ministeriums für Kultur und nationales Erbe, Jarosław Sellin.

Thema war das Fehlen Russlands im Bereich der Förderung und Gestaltung der Gedenkstätte Sobibor. Der Minister bezog erneut die bereits zuvor bekannte Position Polens. Sellins Ansicht nach hätte es keinen Sinn, Russland so kurz vor der Vollendung des Gedenkstättenkonzepts in die Zusammenarbeit einzubinden.

Fast zehn Jahre hatten lediglich Israel, die Slowakei, die Niederlande und Polen gemeinsam diese Initiative betrieben, sodass es auch nur Sinn machen würde, in exakt dieser Konstellation auch die Fertigstellung der Gedenkstätte über die Bühne zu bringen, erklärte Sellin.

Außerdem behauptete der polnische Staatssekretär, Russland hätte erst "vor verhältnismäßig kurzer Zeit" die Bitte geäußert, in dieses Komitee miteinbezogen zu werden. Die darauffolgende Entscheidung, Russland nicht zuzulassen, soll im Einvernehmen aller vier beteiligten Länder getroffen worden sein. Diese Angaben kollidieren jedoch mit der Mitteilung des russischen Außenministeriums, wonach eine Einladung vonseiten des zuständigen internationalen Komitees bereits 2013 die Russische Föderation erreicht hätte. Zudem hätte Moskau nicht lediglich die Einladung angenommen, sondern auch den Wunsch geäußert, sich an der Finanzierung dieses historisch wichtigen Projektes zu beteiligen. 

Russisches Außenministerium: Warschau zeigt unverhüllte Russophobie

Selektives Verständnis geschichtlicher Relevanz  

Vor einer Woche merkte die russische Zeitung Nesawissimaja Gaseta an, dass der historische Hintergrund des deutschen Konzentrationslagers Sobibor signifikant mit Russland verbunden ist: Es war dieses KZ, in dem der einzige erfolgreiche Aufstand dort Internierter während des gesamten Zweiten Weltkriegs stattfand.

Den Insassen gelang eine Massenflucht, jedoch hatte diese aufgrund der unterschiedlichen Fluchtrichtungen meist tragische Konsequenzen. Wer aber waren die Organisatoren dieses Aufstandes? Der sowjetische Offizier und Rotarmist Alexander Petschjorski und der polnische Jude Leon Feldhendler.

Hinzu kommt die Tatsache, dass auch viele sowjetische Staatsbürger in Sobibor zu Tode kamen. Dies fand jedoch in der Debatte um die Teilnahme Russlands am multinationalen Projekt zu selten Erwähnung, obwohl es legitimer Teil der gemeinsamen Geschichte ist. Der Deutschen Presse-Agentur (dpa) gelang es Mitte August, über die Ereignisse zu berichten, ohne dabei die russische Position zu übergehen.

Bereits Anfang August hatte auch das historische Internetportal der Polnischen Presse Agentur, dzieje.pl, einen Artikel veröffentlicht, in dem die Diskrepanz zwischen der Abwesenheit Russlands bei der historischen Initiative und deren tatsächlicher historischer Bedeutung angesprochen wurde. Die Leiterin der Abteilung für Information und Presse des Außenministeriums der Russischen Föderation, Maria Sacharowa, ließ verlauten, dass die jüngste Entscheidung des internationalen Komitees "unverschämt" sei und an "historische Amnesie" grenze. Besonders über Israels Schweigen in dieser Angelegenheit herrschte tiefe Verwunderung innerhalb des russischen Außenministeriums. Im jüdischen Staat ist sogar eine Straße nach Petschjorski benannt. In Tel Aviv-Jaffa wurde in Gedenken an dessen Heldentum sogar ein Obelisk errichtet.

Die Nazis bauten das Konzentrationslager Sobibor 1942 während der deutschen Besetzung Polens. Historiker schätzen die Gesamtzahl der Todesopfer im Vernichtungslager auf circa 150.000 bis 250.000. Der von Petschjorski angeführte Aufstand ereignete sich im Jahre 1943. Kurz darauf entschied die deutsche Führung, das Lager zu liquidieren.

Eine weitere Chance auf Wiederannäherung vertan?

Die polnisch-russischen Beziehungen sind stark strapaziert und hätten jedes Tauwetter nötig. Polens Ressentiments gegenüber Russland vernebeln aber jegliche Möglichkeit für den Beginn einer Versöhnung. Offenbar nicht einmal vor der gemeinsamen Erinnerung an das Schicksal der Opfer beider Nationen in der Zeit des Hitlerfaschismus macht der russlandfeindliche Eifer Halt.

Russlands Abgeklärtheit gegenüber dem Status quo wächst allerdings zunehmend. Jarosław Sellin gehört der Partei Prawo i Sprawiedliwość (PiS) an, die zurzeit die Regierungsverantwortung trägt und keine Gelegenheit auslässt, russophobe Diplomatie zu betreiben. Allerdings hatte die Initiative um die Gedenkstätte Sobibor auch während der Regierungszeit der gemäßigteren, ehemaligen Regierungspartei Platforma Obywatelska (PO) ohne Russlands Beitrag gearbeitet. Die Vermutung, dass die Causa der Gedenkstätte Sobibor aus politisch motivierten Gründen instrumentalisiert wird, liege nahe.