Türkischer Regierungskritiker sowie US-Thinktank warnen: Erdoğan will die Atombombe

Türkischer Regierungskritiker sowie US-Thinktank warnen: Erdoğan will die Atombombe
Seitdem die türkische Regierung verstärkt in die zivile Nutzung der Kernenergie investiert, gibt es immer wieder auch Gerüchte um ein eventuelles Atomwaffenprogramm.
Der türkische Regierungskritiker Abdullah Bozkurt ist davon überzeugt, dass Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan mit aller Macht den Besitz von Atomwaffen anstrebt. Es gebe einen geheimen Plan, so Bozkurt. Unterstützt wird sein Vorwurf auch von einer US-Denkfabrik. Doch wie glaubwürdig sind die Vorwürfe?

Mit 400.000 Soldaten gilt die Türkei als zweitgrößte NATO-Armee, gleich hinter den USA mit 1,43 Millionen Soldaten innerhalb ihrer Streitkräfte. Schenkt man dem regierungskritischen türkischen Journalisten Abdullah Bozkurt Glauben, will Präsident Erdoğan jedoch noch weiter aufrüsten. Und zwar massiv. Bozkurt spricht von einem "geheimen Plan, Massenvernichtungswaffen zu erwerben - darunter auch eine Atombombe zur Abschreckung". Das berichtet die Huffington Post.

Abdullah Bozkurt war 2016 nach Schweden geflohen. Der Journalist arbeitete zuvor für die türkische Tageszeitung "Zaman". Nach dem misslungenen Putsch ordneten Sicherheitsbehörden Ende Juli 2016 die Festnahme von 47 früheren Mitarbeitern dieser Zeitung an. Am 27. Juli 2016 wurden alle der Gülen-Bewegung nahestehenden Zeitungen, einschließlich Zaman und deren Nachfolgeorgan Yarına Bakış, sowie die übrigen dem Prediger verbundenen Zeitschriften und Nachrichtenagenturen nach dem Putschversuch durch eine Rechtsverordnung verboten und aufgelöst.

Symbolbild

Auch US-Thinktank geht von türkischen Atom-Ambitionen aus

Bozkurts Behauptung, Erdoğan strebe den Besitz von Atomwaffen an, gründet sich offenbar auf Äußerungen von einflussreichen Beratern des Präsidenten und regierungsnahen Klerikern, die immer wieder von der Atombombe gesprochen haben. Zudem habe Erdogan sich Russland und Japan angenähert und somit von der NATO entfernt. Dieser Prozess komme auch in Abkommen mit Russland und Japan zur Errichtung von zwei Atomkraftwerken in der Türkei zum Ausdruck. Details über diese seien nicht bekannt, was Bozkurt offenbar als verdächtig beurteilt.

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Auch Türkei-Experte Aykan Erdemir vom US-Thinktank Foundation for Defense of Democracies bestätigte gegenüber der Huffington Post, dass Erdogan Interesse zeige, moderne Waffensysteme zu erwerben. Die Foundation for Defense of Democracies (FDD) ist ein in Washington ansässiger Thinktank, der sich immer wieder kritisch mit dem Atomprogramm des Iran und den Aktivitäten der schiitischen Partei und Miliz Hisbollah auseinandersetzt hatte.

Erdemir, der von 2011 bis 2015 für die sozialdemokratische CHP im türkischen Parlament saß, sieht allerdings auch Hindernisse für die vermeintlichen Aufrüstungspläne des türkischen Präsidenten:

Erdogan hat ein starkes Verlangen, die Türkei zu einer Atommacht zu machen, aber nicht die Kapazität.

Nordkoreanischer Armeechor singt zu Video über Atombomben-Angriff auf US-Stadt.

Medien spucken große Töne, um Moral aufrechtzuerhalten

Wegen der grossen Abwanderung fehle es im Land an Kapital und an Wissen. Vor kurzem hat die regierungsfreundliche Zeitung Yeni Söz auf ihrer Titelseite geschrieben, dass die Türkei innert nur dreier Tage ganz Europa erobern könne. Das Zitat lautete:

Wenn wir an einem Morgen beginnen, können wir unser Abendgebet schon im Schloss Bellevue halten.

Doch Erdemir relativiert:

Die regierungsfreundlichen Medien übertreiben die Stärke des Militärs häufig, um die Moral in der Türkei zu steigern.

Die Türkei hat in den vergangenen Jahren ein groß angelegtes ziviles Nuklearprogramm aufgelegt. Dies wurde mit dem Wachstum der heimischen Wirtschaft begründet. Im Jahr 2011 beauftragte Ankara die russische Firma Rosatom für 15 Milliarden Euro mit dem Bau eines großen Reaktorkomplexes an der Mittelmeerküste, etwa 300 Kilometer östlich der Touristenhochburg Antalya. Zwei Jahre später folgte eine ähnliche Vereinbarung mit einem japanisch-französischen Konsortium zum Preis von 17 Milliarden.

Die "Welt" schrieb schon 2014 einen kritischen Artikel über dieses Geschäft. Dem Blatt zufolge verpflichten sich Unternehmen, wenn sie einen Leichtwasserreaktor bauen, gegenüber der Regierung, das Projekt 60 Jahre lang zu betreiben, dieser das zum Betrieb erforderliche Uran zur Verfügung zu stellen und anschließend die abgebrannten Brennelemente zurückzunehmen. Genau das hätten im Fall der Türkei sowohl Rosatom als auch das japanisch-französische Konsortium angeboten.

Experten halten Darstellungen über mögliche Atombombenpläne für höchst spekulativ

Türkische Soldaten stehen am Mausoleum des Staatsgründers Kemal Ataturk bei einer Zeremonie zu seinem 65. Todestag im November 2003.

Doch die Türkei verzichtete offenbar in beiden Fällen darauf, die Lieferung von Uran und die Rücknahme der abgebrannten Brennelemente vertraglich zu fixieren. Diese Fragen sollen gesondert zu einem späteren Zeitpunkt geregelt werden. Diese Tatsache beförderte Spekulationen in der "Welt" und anderen Medien um ein eventuelles Atomprogramm der Türkei. Die "Welt" schrieb weiter, dass die Stäbe nach dem Abbrennen die nur zu 90 Prozent Abfall enthalten, daneben aber auch neun Prozent verunreinigtes Uran und ein Prozent verunreinigtes Plutonium. Mit einer entsprechenden Anlage könne der hochradioaktive Stoff aus den Stäben isoliert werden.

Allerdings gibt es in Expertenkreisen unterschiedliche Meinungen darüber, ob Plutonium aus zivilen Reaktoren überhaupt zum Bau von Nuklearwaffen taugt. Es enthält viel nicht spaltbares Plutonium-240. Doch für eine präzise funktionierende Plutoniumbombe muss der Gehalt an Plutonium -239 mindestens 93 Prozent betragen. Zudem gibt es auch die Möglichkeit, die Brennstäbe für eine Wiederverwendung in einem zivilen Reaktor aufzuarbeiten.

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