"Messerstiche in Rücken Russlands" – Analysten und Diplomaten in den USA kritisieren Syrien-Politik

"Messerstiche in  Rücken Russlands" – Analysten und Diplomaten in den USA kritisieren Syrien-Politik
Was genau sind die Ziele der USA in Syrien?
Noch während des Wahlkampfs sprach US-Präsident Donald Trump davon, mit Russland in Syrien zusammenarbeiten zu wollen. Doch nun stehen die Zeichen zunehmend auf Konfrontation. In einem Interview mit RT International sieht Rick Sterling die Situation sehr kritisch.

Die USA rechtfertigten den jüngsten Abschuss einer syrischen Militärmaschine nahe Rakka als einen "Akt der Selbstverteidigung". Doch Russland teilt diese Einschätzung nicht. Der Unmut Moskaus äußerte sich unter anderem in der Ankündigung, die Kooperation mit den USA auszusetzen, die im gemeinsamen Memorandum über die Flugsicherheit vereinbart worden war.

Washingtons Top-Militärkommandant General Joseph Dunford hatte Mühe, das Vorgehen im Zusammenhang mit dem Vorfall rechtlich zu begründen. Seine Antworten fielen eher dünn aus. 

RT: General Joseph Dunford versuchte am Montag, den Abschuss des syrischen Flugzeugs vom Wochenende zu rechtfertigen. Wie denken Sie darüber? Gibt es dafür eine Rechtsgrundlage? 

Rick Sterling: Absolut nicht. General Dunford bezog sich auf die Genehmigung für die Verwendung von militärischer Gewalt, die der Kongress 2001 nach dem 11. September erteilt hatte. Das war im Zusammenhang mit Al-Kaida in Afghanistan. Doch nun versucht er, darzustellen, dass dies irgendwie rechtfertigt, die syrischen Bodenstreitkräfte und die syrische Luftwaffe in Syrien anzugreifen. Also es ist widersinnig.

RT: Kann Amerika behaupten, in Selbstverteidigung zu handeln, wenn viele bereits die Rechtmäßigkeit einer US-Militärbeteiligung in Syrien bestreiten? 

RS: Das ist absolut richtig, und es ist eine außerordentlich gefährliche Situation. Die USA haben seit 2011 eine Stellvertreter-Armee in Syrien finanziert, und im April dieses Jahres haben die USA die syrische Luftwaffe in der Nähe von Homs angegriffen. Im Mai dieses Jahres griffen sie syrische Bodenstreitkräfte bei al-Tanf an und taten das auch schon früher im Juni. Und gerade am Sonntag haben sie angegriffen und einen syrischen Jet runtergeholt. Also sie gehen weiter und weiter und werden immer aggressiver. Und die ganze Zeit behaupten sie, es sei Selbstverteidigung. Stellen Sie sich vor, ein Land würde einen Teil des Bundesstaats Washington übernehmen und die US-Luftwaffe davon abhalten, dort zu fliegen.

RT: Die USA haben gesagt, dass sie im Zuge des Vorfalls ihre Luftstreitkräfte in Syrien verlagern werden. Wohin könnten sie diese verlagern?

RS: Ich bin mir nicht sicher. Was wir wissen, ist, dass die USA zwar eine Sache sagen, aber wir müssen ihre Worte mit Vorsicht genießen, weil sie oft etwas ganz anderes tun. Die USA werden sagen, dass sie die syrische Souveränität respektieren, aber ihre Handlungen sind zurzeit im Widerspruch zu diesem Recht. Also, was vor sich geht, ist eine klare Verletzung des Völkerrechts, es ist illegal, eine Proxy-Armee zu finanzieren, die einen souveränen Staat angreift, es ist illegal, ohne Genehmigung über einen Staat zu fliegen, und es ist ein offensichtlicher Akt des Krieges und der Aggression, in ein anderes Land zu gehen, auf dessen Armee zu schießen und die Luftwaffe eines souveränen Staates anzugreifen...

Die Russen haben immer gesagt, dass sie mit ihren Partnern arbeiten wollen, den USA. Und Donald Trump machte Wahlkampf damit, dass er mit Russland zusammenarbeiten wolle, um ISIS zu besiegen, aber wir bekommen weiter diese Messerstiche in den Rücken. Im vergangenen September hatten wir eine Einigung, und die US-Streitkräfte haben die syrischen Streitkräfte in der Nähe von Deir ez-Zor statt ISIS angegriffen und das erlaubte es den Terroristen, das Lager der syrischen Armee zu überrennen.

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Doch nicht nur Rick Sterling sieht die US-Politik in Syrien als gefährlich an. So zitieren Medien den ehemaligen US-Diplomaten Jim Jatras mit folgenden Worten:

Wir sagen immer, wir kämpfen gegen ISIS, aber bei zwei Gelegenheiten haben wir syrische Bodenstreitkräfte in Südsyrien angegriffen. Jetzt haben wir dieses syrische Flugzeug abgeschossen, von dem wir behaupten, dass es gegen die so genannten Syrischen Demokratischen Kräfte vorgehen wollte, also vorwiegend kurdische Kräfte. Aber sie [syrische Armee] bestehen darauf, dass sie gegen ISIS vorgehen wollten. Ich weiß nicht, wie dies nicht de facto als etwas angesehen werden kann, das vielleicht sogar absichtlich ISIS zugutekommt. Weil wir wissen, dass die Syrer nach Osten fahren, um ihren Vorposten bei Deir ez-Zor zu entlasten, wo starke Kräfte, die vollständig umgeben waren von ISIS, lange ausgehalten haben. Und ich sehe nicht, wie man diesen Angriff als etwas anderes interpretieren könnte als den Versuch, diesen Fortschritt nach Osten zu unterbrechen.

Auch der US-Journalist und Sicherheitsexperte Michael Hughes äußerte sich besorgt:

Offensichtlich gibt es keine Rechtfertigung für eine Tätigkeit der USA in Syrien. Er [Trump] denkt, dass er den Segen von seiner Regierung und dem Kongress hat, aber er hat nicht den Segen der syrischen Regierung oder der internationalen Gremien, um in dieser Region zu operieren. [...] Es ist nicht gut, dass die Vereinigten Staaten und Russland nicht kooperieren. Das Potenzial für mehr Zusammenstöße und Zwischenfälle wird ohne eine formale Anerkennung der Zusammenarbeit nur steigen.

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