Katar und Saudi-Arabien: Die Hintergründe zum Riss zwischen den Terror-Paten

Katar und Saudi-Arabien: Die Hintergründe zum Riss zwischen den Terror-Paten
Nach der jüngsten Eskalation zwischen Riad und Doha versucht der Westen, mithilfe der Verschwörungstheorie über "russische Hacker" in Katars Nachrichtenagentur die Situation zu retten. Allerdings schwelte der Konflikt zwischen den Golfstaaten schon länger.

von Jürgen Cain Külbel

Hillary Clinton verliert eine Wahl, die fast unmöglich zu verlieren war: Der Russe ist schuld. Das Südsee-Atoll Kiribati versinkt im Meer: Der Russe ist schuld. Katar, ein Zwergstaat im Persischen Golf, der auf einer gewaltigen Erdgasblase sitzt, befindet sich in der Krise: Der Russe ist schuld. Für die Potentaten der westlichen Wertegemeinschaft™ und ihre Kettenhunde, die Mainstream-Medien, ist dieses omnipotente Mem mittlerweile zum Heiligen Gral ihrer Feindbildpropaganda geworden.

Zuletzt bediente sich der US-amerikanische Nachrichtensender CNN desselben. Unter Berufung auf US-Geheimdienstler tischt er folgende Story auf: Russische Hacker hätten Ende Mai 2017 eine Cyber-Attacke auf die Webseite einer staatlichen Nachrichtenagentur Katars durchgeführt und dort eine Falschmeldung platziert, die anschließend die gegenwärtige Krise am Golf ausgelöst hat. Beweise dafür liefert das Medium selbstverständlich nicht.

Was war geschehen? Am 25. Mai 2017 um 12.14 Uhr tauchte auf der Webseite der Qatar News Agency (QNA) ein Kommentar von Katars Emir, Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, auf. In diesem griff er die US-Außenpolitik an, plädierte für eine Zusammenarbeit mit dem Iran und forderte Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain dazu auf, ihre Haltung gegenüber seiner Regierung zu überprüfen. Al Thani, ein Vertreter des wahhabitischen Islam, eng mit der radikalen Ideologie der Dschihadisten verwandt, sprach von einer "unfairen Kampagne", die mit dem Besuch des US-Präsidenten Donald Trump in der Region zusammenfiel und die darauf abziele, sein Land mit Terrorismus in Verbindung zu bringen.

Auch verzerre diese Kampagne, so der Emir, seine Bemühungen, Stabilität in der Region zu erzielen. Der Scheich betonte, die wirkliche Bedrohung sei das Verhalten einiger Regierungen, die den Terrorismus angezettelt hätten, indem sie eine extremistische Version des Islam annahmen, und fügte hinzu, dass die regionale und islamische Rolle des Iran nicht ignoriert werden könne. Es sei "nicht klug, Spannungen mit dem Iran zu eskalieren, dem Garanten für Stabilität im Nahen Osten".

Alle Wege führen zum Kreml: US-Präsident Obama hatte Russland noch attestiert, nur eine Regionalmacht zu sein. Laut US-Geheimdiensten gibt es inzwischen jedoch kaum noch ein Weltgeschehen, das nicht insgeheim von Moskau dirigiert wird.

Experten der US-Bundespolizei FBI sollen nun den Server der QNA auf einen mutmaßlichen Hackerangriff untersucht und einen solchen bestätigt haben. Das hinderte jedoch Saudi-Arabien nicht, noch am Montag, dem 5. Juni 2017, aus dieser vermeintlichen "Falschmeldung", an der inhaltlich wohl nichts auszusetzen ist, zu zitieren, um einen Grund zu haben, in einer offenkundig konzertierten Aktion gemeinsam mit Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Jemen, Libyen, Ägypten alle diplomatischen Beziehungen zu Katar abzubrechen.

Katars Mega-Deal mit Rosneft

Tatsächlich hat sich die Krise am Golf bereits seit Monaten zugespitzt. Doch was keiner weiß: Auch daran ist der Russe schuld! Denn: Obwohl Russland und Katar seit Jahren erbitterte Gegner im Krieg in Syrien sind, haben sie als die beiden führenden Erdgas-Exporteure in der Welt gemeinsame Interessen sowie gute Gründe, um in Fragen der Energiewirtschaft zusammenzuarbeiten.

So geschehen auch am 8. Dezember 2016: Moskau machte mit Katar einen Deal perfekt, der das kleine Königreich mit seinen 2,5 Millionen Einwohnern quasi zu seinem "Verbündeten" beförderte: Der staatliche Ölkonzern Rosneft, das russische Kronjuwel, verkaufte an jenem Tage einen 19,5-Prozent-Anteil an Katar sowie den Rohstoffhändler Glencore für einen Betrag in Höhe von 10,5 Milliarden Euro. Durch diese Transaktion gelang es Rosneft-Chef Igor Sechin und Wladimir Putin, die "politischen Energien" der beiden größten Gas-Exporteure in der Welt untrennbar zu vereinen.

Im Gegenzug könnte das bedeuten: Katar lässt seine Dschihadisten in Syrien fallen, die Unterschiede in der Nahostpolitik werden begraben. Eine Quelle, die an den Verhandlungen teilnahm, wusste zu berichten:

Die Idee war vielversprechend für Katar. Sie lieben es, in Energie zu investieren. Sie sahen zu Rosneft auf und erkannten, dass sie Beziehungen zu Russland aufbauen konnten, deren Bedeutung in der Nahostpolitik nur noch weiter steigen wird.

Katar ist bis dato wahrhaftig als einer der finanzträchtigsten Förderer des internationalen Terrorismus aufgetreten – insbesondere in Syrien und Libyen. Im Februar 2014 gab der ehemalige libysche Premierminister Mahmud Dschibril gegenüber Al-Hayat preis, dass Katar von Anfang an der "libyschen Revolution" Bargeld und Waffen zur Verfügung gestellt hatte, auf den politischen Islam (sprich: ISIS) gebaut und außergewöhnliche Anstrengungen unternommen hat, um Abd al-Hakim Balhadsch zum Kommandeur der libyschen Revolutionäre zu ernennen.

Katar unterstützte islamische Extremisten von den Taliban bis zur Hamas

Balhadsch, der ehemalige "Emir" der libyschen islamischen militanten Gruppe LIFG, kämpfte in Afghanistan, wurde von den Amerikanern verhaftet, an Gaddafi übergeben und ins Gefängnis gebracht. Katar, so Dschibril, habe "den Ausbruch der Revolution in Tripolis absichtlich verzögert, um auf die Ankunft von Balhadsch in der libyschen Hauptstadt zu warten". So konnte man ihn zum (Extremisten-)Führer krönen.

Dschibril musste seinerzeit ein bilaterales Treffen mit dem damaligen Emir von Katar verlassen, denn der wollte die Ankunft von Balhadsch in Tripolis live auf Al-Dschasira verfolgen. Am 29. Mai 2017 beschuldigte Libyens östlicher Militärkommandant, General Khalifa Haftar, den Ministaat Katar, nie aufgehört zu haben, Terroristen in Libyen zu unterstützen. In einer Botschaft an die libysche Armee sagte er, dass Katar neben anderen Staaten noch immer "große Geldsummen an die terroristischen Milizen" transferiere.

Katar steht außerdem im Verdacht, seit vielen Jahren auch andere radikal-islamische Bewegungen mit großzügigen Geldspenden und Waffenlieferungen zu unterstützen - so die Muslimbrüder in Ägypten und in anderen arabischen Ländern, die Taliban in Afghanistan, die Hamas in Palästina. Al Thani, der Emir von Katar, scheute sich auch nicht, seine Sympathie für die extremsten islamistischen Gruppen im Syrien-Konflikt offen kundzutun: die Al-Nusra-Front und den bereits erwähnten Islamischen Staat.

In Doha, der Hauptstadt Katars, erlaubte die Führung all diesen Strukturen, Büros zu eröffnen, von wo aus sie für sich werben und Geld einsammeln konnten. Allerdings fließen die Gelder für islamistische Extremisten in Syrien (und im Irak) nicht nur aus Katar, sondern vor allem auch aus Saudi-Arabien und den übrigen Golf-Emiraten.

Misslungenes Pipeline-Projekt als eigentlicher Grund für Regime Change in Syrien?

Symbolbild: Bundesaußenminister Gabriel

Katar, der weltgrößte Exporteur von Flüssiggas, trägt zudem große Schuld für den Angriffskrieg gegen Syrien. Das Emirat war seit geraumer Zeit daran interessiert, Europa mit Gas zu beliefern und plante den Bau einer von Saudi-Arabien und den USA unterstützten Trasse von Katar durch Syrien und die Türkei nach Europa. Syriens Präsident Assad stemmte sich dagegen und handelte 2011 stattdessen einen Pipeline-Deal mit Iran und Irak aus. Es folgte der Überfall auf Syrien. 

Ob bei den Wahhabiten in Katar ein Sinneswandel in Sachen Syrien-Krieg und Terror-Finanzierung eingetreten ist, lässt sich momentan schwer abschätzen, doch sprechen einige Fakten für frischen Wind im Herrscherhaus. Die Verantwortlichen haben offenbar begriffen, dass sich die Welt in Richtung einer Eindämmung von Al-Kaida und ISIS bewegt. Kein Wunder daher, dass Katar seit Monaten dem Nachbarn Saudi-Arabien den Rücken gekehrt hat; eben wegen dessen "destruktiver Politik in der Region".

Die Saudis sind mit ihren großen Ambitionen auf regionale Dominanz gescheitert, wie auch mit dem Versuch, eine Marionetten-Regierung im Jemen zu installieren, der von der Bombardierung wehrloser Menschen dort unter Verletzung des Völkerrechts begleitet war. Sie fuhren die Regime-Wechsel im Irak und in Syrien gegen die Wand; gemeinsam mit den Amerikanern ist es ihnen nicht gelungen, die Länder der Levante zu zerteilen – und das trotz tatkräftiger Unterstützung durch die von ihnen gehätschelten Terrorgruppen Al-Kaida, ISIS und andere "moderate" Mörderbanden.

Im Jahr 2017 steckt Saudi-Arabien mit seinen Verbündeten im Sumpf seiner Kriege fest, kann aber diese Realität nicht akzeptieren. Die Saudis sind es, die in der Region und weltweit terroristische, extremistische und sektiererische Gruppen finanzieren und hochpäppeln. Katar ist momentan dabei, so wie einst Münchhausen, sich an den eigenen Haaren aus diesem Sumpf zu zerren. Längst trägt es die Entscheidungen der Gipfeltreffen der Golfstaaten unter Vorsitz von Saudi-Arabien nicht mehr mit; auch weil Katar zuletzt gerügt wurde, da dessen Medien den Nachbarstaat Bahrain angegriffen hatten.

US-Präsident Donald Trump hat sich im Konflikt um Katar am Dienstag eindeutig auf die Seite Saudi-Arabiens geschlagen. Tags zuvor hatte Washington noch erklärt, in dem Streit vermitteln zu wollen.

Wunsch nach besseren Beziehungen zum Iran als Zankapfel

Die nicht enden wollenden blutigen Auseinandersetzungen mit der schiitischen Opposition spielen bei der saudischen Haltung ebenfalls eine Rolle. Riad nimmt Anstoß daran, dass Doha vom Iran als einer "islamischen Macht" sprach und die libanesische Hisbollah und die palästinensische Hamas als Bewegungen bezeichnete, die die Bevölkerung ihrer Länder repräsentierten.

Die Golf-Krise ist natürlich auch ein Rückschlag für US-Präsident Donald Trump. Sein Plan, den er beim jüngsten Besuch in der Region skizzierte, nämlich Saudi-Arabien und andere arabische Nationen mit Israel zu einen, um den Iran zu konfrontieren, scheint ins Leere zu laufen. Möglich, dass hinter der jüngsten diplomatischen Abrissbirnen-Initiative gegen Katar die Idee steckt, das kleine Land zum Sündenbock für das aktuelle Chaos in der Region zu machen, und massiv Druck auszuüben, damit es seine konstruktive Haltung zu Teheran aufgibt und zurück in die saudische Umarmung flieht. Paradox ist jedoch der saudische Vorwurf an Katar, es unterstütze Terrorismus. Hauptsächlich ist es immer noch Riad, das für die Schaffung, Finanzierung und Unterstützung von Al-Kaida und ISIS verantwortlich ist.

Das iranische Außenministerium forderte Katar und dessen Nachbarn unterdessen auf, ihre Streitigkeiten mittels Diplomatie und Dialog zu lösen. Tatsächlich wird kein Land in der Region von der Eskalation der Spannungen zwischen den Nachbarstaaten profitieren - besonders nicht in unserer heutigen Zeit, in der die gesamte Welt unter den Qualen des Terrorismus leidet, den vor allem das Königshaus in Saudi-Arabien zu verantworten hat. Natürlich hat auch Katar seinen Anteil an dieser schweren Schuld. Doch ist es ein zartes Zeichen des Aufbruchs, wenn Katar bessere Beziehungen zur "islamischen Macht" Iran wünscht. Insbesondere in einer Zeit, in der erneut und massiv gegen den Iran gezündelt wird und wo ein weiterer Krieg noch mehr Chaos in die Region und auf unseren Globus tragen könnte.

Quod erat demonstrandum: Katars Sinneswandel bedurfte keines Hackerangriffs.

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