Putin: Russland bereit, S-400-Raketenabwehrsysteme an Türkei zu liefern

Putin: Russland bereit, S-400-Raketenabwehrsysteme an Türkei zu liefern
Russland ist bereit, seine S-400-Langstrecken-Boden-Luft-Raketen-Systeme an die Türkei zu verkaufen, erklärte der russische Präsident Wladimir Putin beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg (SPIEF). Dieses Thema habe er mit seinem türkischen Amtskollegen bereits besprochen.

"Wir haben die Möglichkeit des Verkaufs von S-400-Komplexen diskutiert. Wir sind dazu bereit", antwortete Putin auf die entsprechende Frage eines türkischen Journalisten. Was die Kooperation zwischen Moskau und Ankara bei dem Ausbau der türkischen Verteidigung angeht, komme es auf die Bereitschaft der lokalen Fertigungsindustrie an, so Putin. "Zurzeit stellen wir diese Systeme im Ausland nicht her", fügte das russische Staatsoberhaupt hinzu.

Wir sind bereit, diese neuesten und effizientesten Systeme zu liefern. Präsident Erdogan und die Militärs unserer Länder wissen darüber Bescheid."

Derzeit produzieren Russland und Indien gemeinsam die Brahmos-Hyperschall-Raketen, aber derartige Projekte erfordern große Investitionen in Technologien und menschliche Ressourcen, erläuterte Putin. „Aber im Allgemeinen gibt es nichts Unmögliches“.

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Beim jüngsten Erdogan-Besuch im Kreml im März hat die Türkei Interesse an der Unterzeichnung eines strategischen Rüstungsabkommens mit der Russischen Föderation signalisiert. Der Erwerb der Raketenkomplexe S-400 von Russland war auch auf der Agenda des Treffens von Erdogan und Putin am 3. Mai. "Ich nehme an, als Ergebnis der Verhandlungen von Erdogan und Putin wird die gemeinsame Lösung über weitere Schritte getroffen", erklärte der türkische Verteidigungsminister Fikri Işık Ende April.

RT Deutsch-Redakteur Ali Özkök sprach mit dem Professor an der Yildirim Beyazit Universität in Ankara Salih Yilmaz über das türkische Interesse am Kauf. Der Russland-Experte sagte:

Die Türkei will das S-400 von Russland gerne kaufen, aber unter der Bedingung, dass es einen Know-How-Transfer gibt. Russland zaudert in dieser Frage noch. Um diese Frage zu lösen, halten beide Staaten wichtige Treffen ab. Sollte Moskau auch zur gemeinsamen Produktion ja sagen, dann wird es in Kürze einen Vertragsabschluss geben.“

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Die Beziehungen beider Staaten könnten vor allem in sicherheitspolitischen Fragen neue Dimensionen annehmen. Der Nahost-Experte des türkischen Fachmagazins „Suriye Gündemi“ Ömer Özkizilcik erklärte RT Deutsch:

Nach dem Abschluss des Normalisierungsprozesses zwischen Russland und der Türkei, will man nun mit dem Kauf der S-400 Luftabwehrraketen die sicherheitspolitische Zusammenarbeit der Länder auf ein historisches Hoch aufwerten.“

Über die türkischen und russischen Hoffnungen in den bilateralen Beziehungen hinsichtlich des Rüstungsabkommens kommentierte Özkizilcik:

Die Türkei erhofft sich durch diese Zusammenarbeit eine Diverfizierung ihrer sicherheitspolitischen Abhängigkeiten bezüglich der NATO. Russland dahingegen will seine Einflusszone erweitern und sich als Alternative zur NATO erweisen. Das Luftabwehrsystem würde einen wichtigen Teil der Sicherheitsinteressen der Türkei abdecken, wozu die NATO nicht bereit war.  Russland wiederum kann mit diesem gewinnbringenden Verkauf einen neuen engeren Kooperationspartner in der Türkei gewinnen.“

Der Journalist Pervez Bilgrami, der für die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtet, warf im Gespräch mit RT Deutsch ein:

Das ist mehr als nur ein gewöhnlicher Waffendeal. Es geht da um Geopolitik und die Verhandlungen werden noch eine Weile andauern. Unterdessen entwickelt die Türkei eigene Kurz- und Mittelstreckensysteme.“

Der türkische Politik-Professor Kerim Has an der Staatlichen Universität Moskau sieht die Umsetzung einer Rüstungsvereinbarung in diesem Maßstab kritischer. RT Deutsch gegenüber äußerte Has:

Es ist zweierlei, darüber theoretisch zu verhandeln und das System tatsächlich auszuliefern. Dieser Unterschied hat viel mit der NATO-Mitgliedschaft der Türkei zu tun, wo sie die zweitgrößte Armee stellt.“

Für die Türkei sind die Verhandlungen schon deshalb willkommen, weil sie dem Westen auf diese Weise zeigen kann, dass es eine echte „Alternative zum Westen“ gibt. Die Türkei werde die Option auf eine geostrategische Kooperation mit Russland im militärischen Sinne auch als Verhandlungschip gegen die Position des Westens in Fragen der PKK, der PYD in Syrien und bei Menschenrechtsvorwürfen ins Feld werfen, merkte Professor Has an.

An die Aussagen von Ömer Özkizilcik anlehnend, sagte der türkische Professor mit Sitz in Moskau über das russische Interesse:

Die Russen können auf diese Weise die Türkei, ihren zentralen regionalen Rivalen, auf ihre Seite ziehen und ein klaffendes geopolitisches Loch in die NATO schlagen. Russland sieht das sehr positiv, weil es nicht nur Waffen damit an NATO-Staaten verkauft, sondern auch seinen militärpolitischen Einfluss in Nahost dramatisch ausbauen kann.“

Abschließend warf Professor Kerim Has ein, dass im Moment ein solcher Deal nicht wirklich möglich scheint. Die Implikationen seien zu groß. Der Professor fasste zusammen:

Die Luftabwehrwaffe würde erst 2022 geliefert werden. Es würde zunächst zu einem Übergang auf das S-500 in Russland kommen. In dieser Zeit müsste die Türkei ihre geopolitische Position im NATO-Russland-Kontext klären. Man darf nicht vergessen, dass die Türkei dann ein fortgeschritteneres System hätte als mit Russland verbündete Staaten wie Syrien, Armenien oder Iran. Das könnte Fragen aufwerfen.“