Kabul ist gefährlicher als je zuvor: De Maizière bleibt trotzdem bei seiner Abschiebepolitik

Kabul ist gefährlicher als je zuvor: De Maizière bleibt trotzdem bei seiner Abschiebepolitik
Afghanische Frauen trauern vor dem Krankenhaus nach einem Anschlag in Kabul am 31. Mai 2017
Der Abschiebestopp am Mittwoch habe nichts mit dem verheerenden Terroranschlag zu tun, heißt es in Regierungskreisen. Bald werden die Abschiebeflüge nach Kabul wieder aufgenommen. Geflogen wird in eine Stadt, die in Angst versetzt ist.

Es ist schon der neunte Anschlag in diesem Jahr in Kabul. Anschläge von Terroristen, die sieben Stunden in einem Krankenhaus um sich schossen und Handgranaten in Patientenbetten warfen, forderten mindestens 49 Tote. Ein Angriff auf einen Nato-Konvoi inmitten des dichtesten Verkehrs hatte mindestens acht Tote zur Folge. Ein Selbstmordattentäter vor einem Gericht riss mindestens 22 Menschen mit in den Tod. Aber die Lastwagenbombe, die Mittwochmorgen mitten im Diplomaten- und Regierungsviertel der Hauptstadt explodiert ist, übertrifft die anderen Attentate noch.

Mitten im Regierungsviertel 

Die Fakten: ein ganzer Tanklaster gefüllt mit Sprengstoff. Eine Explosion, die Dutzende von Autos voller Zivilisten in Flammen aufgehen und ausbrennen lässt, die Passanten zerfetzt und in den umliegenden Büros den Menschen die Splitter von Fensterscheiben ins Fleisch treibt. Ein Knall, der in der ganzen Stadt widerhallt und in den Menschen Angst aufflackern lässt: Der erste Gedanke, ist der an die Angehörige – sind sie nicht getroffen? Die Attentäter vermochten das blutigste denkbare Szenario in die Tat umzusetzen.

Mindestens 90 Menschen sind nun tot, vermutlich mehr. Rund 460 Menschen sind verletzt. Vor den Krankenhäusern bilden sich lange Schlangen verzweifelter Menschen, die ihre Angehörigen suchen.

Wo die Attentäter mit ihrer fahrbaren Bombe hinwollten, ist noch unklar. Sie ist sehr nahe der deutschen Botschaft explodiert, aber bisher sagt niemand, die Deutschen seien das Ziel gewesen. In unmittelbarer Nähe gab es Ziele zuhauf: der Präsidentenpalast, Ministerien, das Nato-Hauptquartier, viele weitere Botschaften, aber auch große Supermärkte und die Büros von Mega-Unternehmen wie die der Telekommunikationsfirma Roshan. Unter den Toten sollen viele Mitarbeiter von Roshan sein.  

Aus deutscher Sicht ist Kabul sicher genug

Die deutsche Botschaft in Kabul wurde durch die Explosion schwer beschädigt. Ein afghanischer Sicherheitsbeamter soll getötet worden sein.

An der Ansicht von Innenminister Thomas de Maizière (CDU), dass Kabul weitgehend sicher ist für abzuschiebende Migranten, scheint der Anschlag allerdings nicht viel zu ändern. Die Narrative hat er fast jedes Mal wiederholt, wenn wieder abgelehnte Asylbewerber nach Kabul geflogen wurden. Und selbst jetzt, wo das Hauptgebäude der deutschen Botschaft verwüstet und von der Wucht der ungeheuren Explosion so nackt hinterlassen wurde wie ein Rohbau, nachdem ein afghanischer Wächter starb und Mitarbeiter verletzt wurden, scheint er einer Neubewertung der Lage auszuweichen.

Am Donnerstagmorgen sollte ein weiterer Abschiebeflug mit abgelehnten Asylbewerbern landen. Der wird jetzt verschoben. Nicht, weil in Kabul seit Jahresanfang in nunmehr acht großen Anschlägen hunderte Zivilisten getötet oder verletzt wurden, sondern weil die Botschaft nach dem Anschlag Wichtigeres zu tun hat.

Die deutsche Botschaft in Kabul hat eine wichtige logistische Rolle beim Empfang rückgeführter Personen vor Ort, heißt es am Mittwoch aus den Regierungskreisen.

In den nächsten Tagen wird es daher keine Sammelrückführung geben.

Der Flug, so sagt De Maizière, werde aber «bald möglichst nachgeholt». Die generelle Linie der Regierung ändere sich nicht.

Polizeieinsatz in Nürnberg nach einer versuchten Abschiebung.

Dazu gehört dicke Haut, wenn man bedenkt, dass auch deutsche Regierungsstellen in Kabul die Sicherheitslage als gefährlich einschätzen. Die staatliche deutsche Entwicklungshilfeorganisation GIZ wird in wenigen Wochen ihre Büros in der Stadt aufgeben und in ein schwer gesichertes Lager am Stadtrand ziehen. Sicherheitsquellen sagen, auch die deutsche Botschaft habe geplant, den Schutz zu verstärken und Büros weiter in andere Gebäude im Inneren des Geländes zu verlegen. Man habe sich exponiert gefühlt in diesem Haus an einer belebten Straßenecke.

Kabul ist keine sichere Stadt. Im vergangenen Jahr schon sind so viele Zivilisten dort gestorben wie seit dem Bürgerkrieg in den 90er Jahren nicht mehr. Um ganze 75 Prozent waren die Zahlen in die Höhe geschossen, verglichen mit 2015. In diesem Jahr liegt Kabul in Sachen zivile Opfer wieder mit großem Abstand vor allen anderen Städten im Land. RT-Quellen in der Stadt erzählen, dass der wuchtige Anschlag von Mittwoch nun Kabul in Angst versetzt hat.

(dpa/rt deutsch)

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