Kann Trump den Widerständen trotzen? Russische Strategen beraten über Umgang mit den USA

Kann Trump den Widerständen trotzen? Russische Strategen beraten über Umgang mit den USA
Donald Trump besucht den Soldatenfriedhof in Arlington anlässlich der traditionellen Gedenkfeier zum Memorial Day (Tag der gefallenen Soldaten) am 29. Mai 2017.
Russische Experten sind in ihrer Einschätzung zur politischen Zukunft Donald Trumps uneins. Die einen spekulieren bereits über eine Zeit danach, andere sehen den US-Präsidenten noch fest im Sattel. Die Hauptfrage aber ist: Was ist die amerikanische Realität?

Soll Russland sich darüber Gedanken machen, Michael Flynn Asyl zu gewähren, sollte diesem tatsächlich eine Gefängnisstrafe drohen? Das Ausmaß der antirussischen Hysterie in amerikanischen Medien und die nicht nachlassenden Attacken gegen Donald Trump und dessen Umfeld lassen einige russische Experten über ein Krisenszenario nachdenken.

Was zunächst wie ein Witz klingt, kann in unberechenbaren Zeiten wie diesen schnell zur Realität werden. Denn es geht schließlich darum, was diese Realität überhaupt ist. Offenbar pflegen große Teile der US-amerikanischen politischen Klasse und Medien diesbezüglich ihr eigenes sonderbares Verhältnis. Fakten spielen dabei eine untergeordnete Rolle, wichtig ist einzig der Narrativ.

James R. Clapper, ehemaliger Geheimdienstdirektor sagt vor dem Komitee des US-Senats zur

Und dieser besagt, dass die Russen die US-Wahlen beeinflusst haben. Folgt man dem Narrativ, sind alle Kontakte zu Russen, insbesondere zu Diplomaten, giftig. Im postfaktischen Zeitalter haben die Russen die Wahlen beeinflusst oder zumindest es versucht. Und das nicht nur in den USA. Und das ist Fakt, ob man das wahrhaben will oder nicht. Eine Lüge, tausendmal erzählt, wird zur Wahrheit - und getreu diesem Prinzip verlässt sich die Elitenfront gegen Trump darauf, dass die antirussischen Verschwörungstheorien am Ende in den Augen der Bevölkerung als gesicherte Wahrheiten erscheinen.

Trump kann sich auf seine Beamten nicht verlassen - Russland sollte es dann auch nicht

Es ist daher in den letzten Tagen in russischen Medien verstärkt darüber diskutiert worden, ob es nicht lohnenswerter wäre, sich der Realität der US-amerikanischen Politik anzupassen und daraus Konsequenzen zu ziehen. So riet der der Programm-Leiter des Diskussionsforums Waldai, Oleg Barabanow, ein Experte für europäische Politik, der russischen Führung davon ab, Gipfel-Kontakte mit den Amerikanern zu suchen.

Egal, was sie bringen, alles wäre in dieser aufgeheizten Stimmung nur ein heißes Eisen, so Barabanow am Dienstag auf Radiovesti. In der neuen Administration unter Donald Trump gäbe es sowieso noch sehr viele offene Stellen, eine durchdachte Strategie lässt sich nicht erkennen. Worüber in dieser Situation also sprechen?

So war auch Barabanows Idee, dem ehemaligen Sicherheitsberater von Trump, Michael Flynn notfalls Asyl zu gewähren, offenbar als Witz gemeint. Der Politstratege glaubt nicht mehr daran, dass Donald Trump den schweren Beschuss vonseiten seiner einflussreichen Rivalen überlebt, ob "Dallas", oder Impeachment: Russland sollte sich auf einen möglichen Machtwechsel im Weißen Haus einstellen.

Ein liberaler Faschismus als Kult der Gewalt gegen die

Während die einen im Bereich der Diplomatie zur äußersten Vorsicht aufrufen, gibt es auch andere Experten in Russland, die davon ausgehen, dass Trump trotz allem schwer zu beseitigen sein wird. Und dies vor allem deshalb, weil er seine Versprechen einlöst. Sein Waffendeal mit den Saudis war für die USA unterm Strich doch ein großer Erfolg – er kommt mit Jobs nach Hause, und etwas anderes, seien es menschenrechtliche Erwägungen oder eine Abstimmung mit europäischen Verbündeten, war für ihn nach eigener Aussage nicht relevant. Dies meint Andrej Bezrukow, ein Dozent in der Moskauer Diplomatenschule und ehemaliger Langzeitagent in den USA, ein Mann also, der das Land als Bürger über Jahrzehnten beobachtete.

Das Volk gibt nichts auf die Medien - und die Wirtschaft ist zufrieden

Allerdings gönnen die Medien Trump seine Erfolge nicht, stellt er fest. Jedem anderen Präsidenten würden sie für das, was er erreicht hat, zujubeln, ihm aber nicht. Aber das sei für Trump nicht weiter schlimm, weil seine Wählerbasis diese Medien ohnehin ignoriert oder sogar aus tiefstem Herzen verachtet. Trump hat ja bereits die Wahl selbst gegen die Medien gewonnen. Für Bezrukow ist die Wahl Donald Trumps der Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses nach Erneuerungen, das sich in den großen Teilen der amerikanischen Gesellschaft und Wirtschaft über Jahrzehnte hinweg angestaut hatte.

Bezrukow weist darauf hin, dass das US-amerikanische Business von Trump nicht enttäuscht ist. Im Gegenteil, es bildet sich geradezu ein Vertrauensverhältnis zwischen den Wirtschaftstreibenden und Trump. Diese Arbeit, die an den Medien vorbeiläuft, findet statt – eine Verschlankungskur im Bereich der Vorschriften, Richtlinien und Quoten im amerikanischen Business. Diese hatten sich seit Jahrzehnten ausgeweitet und erwürgen nun die Wirtschaft.

Jede Regierung müsste früher oder später dasselbe tun, ob unter Clinton oder Trump, so Bezrukow. Es geht im Endeffekt darum, wer die Probleme am schnellsten erkennt.

Wladimir Putin bei seinem Frankreich-Besuch mit dem neuen französischen Präsidenten Macron

Was tun?!

Der russische Präsident Waldimir Putin wies in seinem Interview mit der französischen Zeitschrift Le Figaro auf diesen Umstand hin und erklärte im Hinblick auf die Bürokratie:

Man wählt einen Menschen. Er kommt mit seinen Ideen. Dann kommen aber zu ihm Menschen mit Aktenkoffern, die gut gekleidet sind und dunkle Anzüge anhaben, wie ich, aber nicht mit einer roten Krawatte, sondern mit einer schwarzen oder dunkelblauen. Sie beginnen, ihm zu erklären, wie man handeln soll. – Und alles ändert sich sofort. Das geschieht von Regierung zu Regierung.    

Wladimir Putin, kein euphorischer Amerika-Bewunderer, aber ein Mann, der bereits mehrere US-Präsidenten und seine Teams hautnah erlebt hat, klang nicht gerade optimistisch. Dafür könnte aber seine Einschätzung wieder einmal am nächsten an der Realität liegen. Es kommt jetzt in den russisch-amerikanischen Beziehungen viel darauf an, welche wahrgenommene Realität sich durchsetzt – die der Hysterie und des Postfaktischen oder die der zähen Arbeit und der Geduld.