Back to Sender: Salman Abedi, Großbritannien und Al-Kaida in Libyen

Back to Sender: Salman Abedi, Großbritannien und Al-Kaida in Libyen
Ramadan Abedi, der Vater von Salman Abedi, dem Selbstmordbomber, der 22 Konzert-Besucher in Manchester tötete, bei einem Reuters-Interview in Tripoli, Libyen, 24. Mai 2017.
Der Terroranschlag von Manchester zeigt deutlich, wie derjenige Terror nach Europa zurückkommt, den die europäischen Staaten nach Nordafrika und den Nahen Osten schicken. Der Attentäter stammt aus einer Familie von Dschihadisten, die mit Unterstützung der britischen Geheimdienste die libysche Regierung angegriffen haben.

von Malte Daniljuk

Britische Sicherheitskräfte haben einen jungen Mann als Täter von Manchester identifiziert, der aus einer libyschen Familie stammt. Der 22-jährige Salman Abedi ist in Manchester geboren und wuchs in Großbritannien auf. Die britische Zeitung Times berichtet, dass Abedi erst vor wenigen Tagen aus Libyen zurückgekommen sei, wo er in einem Lager von Kämpfern trainiert worden sein soll.

Angeblich habe der junge Mann Kontakte zu Al-Kaida gehabt. In ihrer ersten Erklärung verwies Premierministerin Theresa May auf nicht näher benannte Netzwerke, zu denen der mutmaßliche Täter gehört haben soll. Inzwischen ist klar, dass die Familie Abedi zu den Dschihadisten gehört, denen Großbritannien seit den 1990er Jahren Unterschlupf gewährt, damit sie den britischen Erzfeind Muammar Al-Gaddafi stürzen. 

Wie die Behörden erst heute bekannt gaben, gehörte der Vater des Attentäters, Ramadan Abedi, zur Libyschen Islamischen Kampfgruppe (LIFG), einer wichtigen Mudschahhedin-Gruppe, die zunächst mit Unterstützung der britischen Regierung gegen die Gaddafi-Regierung kämpfte und sich später offiziell Al-Kaida anschloss. Tatsache ist, dass beide Länder, die USA und Großbritannien, einen sehr intimen Überblick über die libysche Dschihadisten-Szene haben. Diese Kontakte stammen aus der Zeit, als den westlichen Geheimdiensten jedes Mittel gegen die Gaddafi-Regierung recht war.

Ein junges Mädchen nach dem Anschlag von Manchester mit einem T-Shirt der Sängerin Ariana Grande. Ein Angriff auf die westliche Kultur? Manchester, 23. May  2017.

Bereits Anfang der 1990er Jahre errichteten libysche Dschihadisten in London ihr Basislager. Sie kamen aus Afghanistan und Pakistan, wo sie zuvor im Auftrag der CIA gegen die Sowjetunion gekämpft hatten. Nachdem sich die Sowjetunion aus Afghanistan zurückgezogen hatte, wendeten sich die ausländischen Kämpfer, die Osama bin Laden in seiner Al-Kaida-Kartei verwaltet hatte, ihren Heimatländern zu. Sie begannen den Dschihad in Algerien, Libyen und den zentralasiatischen Sowjetrepubliken. 

Die libyschen Dschihadisten operierte fortan unter dem Namen "Libysche Islamische Kampfgruppe" (LIFG). Einer der wichtigsten Al-Kaida-Aktivisten, Anas al-Libi, reiste aus Pakistan bereits 1992 nach Großbritannien und betätigte sich dort als Quartiermacher der Gruppe. Ein anderer Gründer der LIFG, Noman Benotman, ist bis heute als Berater der britischen Regierung in Terrorismusfragen tätig.

"Im Vereinigten Königreich entwickelte al-Libi eine robuste verdeckte Unterstützung für das LIFG-Netzwerk", berichtet Muhammad Kabir Isa vom Institute for Security Studies. Später wurde Anas al-Libi wegen der Anschläge in Nairobi und Daressalam international gesucht.

Ihren Krieg gegen Gaddafi führten die Dschihadisten jedoch mit Duldung oder Unterstützung durch die britische Regierung. Spätestens ab 1995 startete die LIFG einen Guerillakrieg aus den Bergregionen im Osten des Landes. Die Stadt Darna galt früher als wichtigstes Zentrum der Mudschaheddin, heute ist sie die Zentrale der Organisation „Islamischer Staat“. Für Osama bin Laden waren seine Libyen-Kontakte sogar so wichtig, dass er sich regelmäßig in Libyen aufhielt. 

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Aus dieser Zeit stammt sogar der einzige internationale Haftbefehl gegen den Dschihadisten-Chef. Die libyschen Behörden legten ihm den Mord an zwei deutschen Geheimdienstlern zu Last. Im März 1994 waren zwei deutsche Verfassungsschützer, das Ehepaar Silvan und Vera Becker, über Italien und Tunesien nach Libyen eingereist. Angeblich befanden sie sich auf einer Urlaubsreise Richtung Ägypten. Silvan Becker leitete als Referent im Bundesamt für Verfassungsschutz die Abteilung 6, "Internationaler Terrorismus“.

Zuvor hatte er schwerpunktmäßig das Thema "arabischer Extremismus" betreut. Am 8. März trafen die beiden deutschen Geheimdienstler auf ihre Mörder. Nach Angaben der libyschen Behörden wurden sie in der Nähe von Gaddafis Geburtsstadt Sirte in ihrem Fahrzeug überfallen. Die libyschen Behörden teilten den Deutschen mit, dass es sich bei den Tätern um „religiöse Extremisten“ gehandelt habe. 

Danach fahndeten sie nach drei Mitgliedern der Libyschen Islamischen Kampfgruppe - Faraj al-Alwan, Faez Abu Zeid al-Warfali und Farad al-Chalabi - sowie nach einem Staatsbürger Saudi-Arabiens: Osama bin Laden. In einem späteren Bericht an den UN-Sicherheitsrat kamen die libyschen Sicherheitsbehörden zu folgender Einschätzung:

Saudi-Arabien unter König Salman ibn Abd al-Aziz und Israel unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kommen sich näher - die USA begrüßen den Annäherungskurs.

„Bin Laden arbeitete abgestimmt mit der Libyschen Islamischen Kampfgruppe an der Planung und Ausführung von terroristischen Aktionen, was auch Waffentransporte über die libysche Grenze umfasste, um sie in Algerien Angehörigen der Bewaffneten Islamischen Gruppe (GIA) zu übergeben.“

Al-Kaida und die LIFG im Schoß des britischen Empire

Unterdessen konnten die damals noch wenig bekannten Dschihadisten von London aus ihren Krieg gegen die libysche Regierung betreiben. Der ehemalige Verantwortliche für Libyen im britischen Auslandsgeheimdienst MI6, David Shayler, beschrieb schon Ende der 1990er Jahre die Verbindungen seines Dienstes zu den libyschen Dschihadisten. Unter anderem soll sich der MI6 direkt an einem der gescheiterten Mordanschläge der Kampfgruppe auf Muammar al-Gaddafi beteiligt haben.

Detaillierte Informationen darüber stellte David Shayler dem parlamentarischen Intelligence and Security Committee und dem für Sicherheitsfragen zuständigen Staatsminister Jack Straw zur Verfügung. Sowohl die britische Regierung als auch die LIFG dementierten mit dramatischen Gesten ("reine Phantasie"), was für jeden Beobachter der libyschen Dschihadistenszene offensichtlich war.

Selbst nach dem 11. September 2001 bewegten sich die libyschen Al-Kaida-Leute weiter unbehelligt in Großbritannien. Bis zum Jahr 2005 unterhielt die LIFG eine offizielle Vertretung in London, dem Zentrum der libyschen Auslandsopposition. Das Shura-Mitglied Abdel Rahman al-Faqih, wohnhaft in London, wurde unterdessen in Marokko für die Selbstmordanschläge von 2003 in Casablanca in Abwesenheit verurteilt.

Bei der Bewertung der LIFG schien sich auch niemand daran zu stören, dass etwa Faez Abu Zeid al-Warfali, einer der angeblichen Becker-Mörder, unter einem seiner Decknamen auf der Liste der 19 mutmaßlichen WTC-Attentäter auftauchte, wie das FBI irgendwann herausfand.

Tatsächlich befand sich die Libysche Islamische Kampfgruppe (LIFG) bereits seit Oktober 2001 auf der Liste terroristischer Organisationen der UNO. Ihren Aufenthalt in Großbritannien beeinträchtigte das allerdings nicht. Libyen legte der UNO schließlich im August 2004 eine Liste von 74 Personen vor, die Kontakt mit Osama bin Laden oder Al-Kaida hatten. Angestoßen durch die UNO musste schließlich auch die britische Regierung gegen die LIFG-Strukturen aktiv werden. 

Die Libyer übernehmen Al-Kaida

Seit dem Jahr 2005 engagierte sich die gefürchtete Terrororganisation verstärkt im Irak. Gleichzeitig behandelte die britische Regierung ihre libyschen Dschihadisten natürlich weiter als befreundete Agenten. Und dies obwohl die LIFG offiziell ihre Vereinigung mit Al-Kaida verkündete. Offensichtlich waren die amerikanischen und britischen Geheimdienste vorher über diese Pläne informiert.

Jedenfalls baten die Amerikaner das Vereinigte Königreich darum, "die Auswirkungen zu dämpfen", die eine unmittelbar bevorstehende Ankündigung über den Zusammenschluss von Al-Kaida und der Libyschen Kampfgruppe haben werde, wie aus von WikiLeaks veröffentlichten Depeschen hervorgeht.

Auf dem Treffen am 6. September 2007 versprach der zuständige Staatssekretär, der Sache "den Stachel zu nehmen". Natürlich macht es seit dem 11. September 2001 öffentlich einen schlechten Eindruck, wenn Al-Kaida-Aktivisten als Agenten der britischen oder amerikanischen Regierung erscheinen. Bei internen Besprechungen wurde das strategische Potential der Gruppe allerdings deutlich angesprochen. 

Der britische Direktor für Verteidigung und strategische Bedrohungen, Simon Manley, erläuterte die spezifisch britische Sicht auf eine Vergrößerung von Al-Kaida: Einerseits werde die Gruppe nun "ihre Reichweite in Nordafrika erhöhen", andererseits werde der Zusammenschluss al-Kaidas Command-and-Control-Fähigkeiten schwächen. 

Genau zwei Monate nach dem oben genannten Meeting, am 3. November 2007, gaben Al-Kaida und die LIFG ihren formalen Zusammenschluss öffentlich bekannt. Ab diesem Zeitpunkt traten in der Führung von Al-Kaida immer mehr Aktivisten mit den Namensanhang „Al-Libi“ - der Libyer - auf. 

Erst im Februar 2008, also fast sieben Jahre, nachdem die UNO die LIFG als Terrorgruppe eingestuft hatte, setzte Großbritannien schließlich drei Libyer auf die Sanktionsliste, wie aus einer anderen Wikileaks-Depesche hervorgeht. Zwar wurden schon ab 2005, als die Blair-Regierung begann, sich um bessere Beziehungen zu Gaddafi zu bemühen, einige LIFG-Aktivisten im Königreich unter Hausarrest gestellt. Die meisten Al-Kaida- und LIFG-Aktivisten können sich jedoch bis heute unbehelligt bewegen.

Der Gründer der Organisation, Abd al-Hakim Balhadsch, leitete zwischenzeitlich den Militärrat der Opposition in Tripolis. Danach baute er Brigaden der "moderaten Opposition" in Syrien auf. Im Mai 2014 besuchte er Paris und traf dort mit der Nordafrika-Abteilung des Außenministeriums zusammen.

Auch Farad al-Chalabi, ein anderer mutmaßlicher Mörder des Geheimdienstpärchens Becker, pendelt bis heute weitgehend ungestört zwischen den Kriegsschauplätzen des globalen Dschihad. Nach dem Sturm auf die amerikanische Botschaft in Benghasi und der Ermordung von Botschafter Chris Stevens sowie zwei weiterer CIA-Mitarbeiter am 11. September 2012 verhörte ihn das FBI und entließ ihn anschließend wieder. Seine öffentliche Darstellung von diesem Verhör lautete:

Die Amerikaner haben keine Ahnung, wer den Angriff ausführte. Sie sind verwirrt.

Dass sich die britischen und amerikanischen Behörden nun immer noch "verwirrt" darstellen, verwundert nicht, angesichts der freundschaftlichen Beziehungen, die diese Länder über Jahrzehnte zu den Dschihadisten pflegten.