MH17 Ermittlungen dauern an: Warum können Ermittler russische Daten nicht auswerten?

MH17 Ermittlungen dauern an: Warum können Ermittler russische Daten nicht auswerten?
Beinahe drei Jahre sind seitdem Absturz von MH17 vergangen, doch die Ermittlungen gehen kaum voran. Das zuständige Team (JIT) wertet weiter Kommunikationsdaten aus, sucht Zeugen und hofft auf Kooperation ukrainischer Behörden. Zudem behauptet das JIT, russische Radaraufzeichnungen nicht auswerten zu können. RT Deutsch hat Experten zu den dafür gültigen Formaten befragt.

Am 17. Juli 2014 stürzte der Malaysia Airlines Flug MH17 über der Ostukraine ab. Die Ermittlungen sind nach Aussagen des zuständigen Gemeinsamen Ermittlerteams (JIT) noch lange nicht abgeschlossen. Derweil halten sich jedoch weiterhin einseitige Anschuldigungen, die bereits kurz nach dem Absturz in der westlichen Presse und Politik aufkamen, laut derer das Flugzeug von Russen aus dem Gebiet der selbsternannten Volksrepublik Donezk abgeschossen wurde. Die BUK-Rakete sei, so das entsprechende Narrativ, von Russland aus in die Ukraine gebracht worden. Anschließend sei die Abschussvorrichtung wieder nach Russland zurücktransportiert worden. Auf dieser Version wird auch in westlichen Medien beharrt.

Das JIT hat nun ein neues digitales Magazin über den Stand der Ermittlungen veröffentlicht, um Angehörige der Opfer auf dem Laufenden zu halten. Daraus geht hervor, dass die Untersuchungen, an denen über 50 Ermittler in den Niederlanden und in der Ukraine tätig sind, an verschiedenen Stellen stocken. Demnach sei die Situation durch den Konflikt in der Ostukraine weiter "schwierig und gefährlich". Weiterhin habe die Suche nach Zeugen bisher keine brauchbaren Ergebnisse geliefert, es fehlen "relevante Zeugen".

Zudem durchforsten sie eine massive Menge von Telekommunikationsdaten des ukrainischen Geheimdienstes. Auch anhand dieser Informationen erhoffen die Ermittler, Zeugen zu finden. Allerdings sehen sie sich dabei mit „komplexen rechtlichen“ Problemen seitens der ukrainischer Behörden konfrontiert. Vorgeblich, weil nicht alle der auszuwertenden Daten im unmittelbaren Zusammenhang mit der Untersuchung um das MH17-Unglück angefallen seien, können seitens des ukrainischen Geheimdienstes nicht alle Informationen geteilt werden. Auch jetzt noch werden Daten nach und nach für das Rechtsverfahren freigegeben, die Ermittler müssen auf Kooperation ukrainischer Stellen hoffen. Ein weiteres Hindernis in den Ermittlungen stellten angeblich auch die von Russland angeforderten Radarbilder dar. 

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Unverfälschte Radaraufzeichnungen

Russland hatte im Rahmen der Ermittlungen Radaraufzeichnungen geliefert, die nach Angaben der russischen Regierung zeigen, dass zur Zeit des Unglücks keine Rakete von dem verdächtigten Gebiet aus abgeschossen wurde, und welche darauf hindeuten, dass die malaysische Maschine von ukrainischen Truppen abgeschossen wurde.

Die Ermittler behaupteten daraufhin mehrmals, die angeforderten Radardaten seien in einem nicht lesbaren Format geliefert worden. Dadurch habe die Auswertung viel Zeit gekostet, weiterhin seien bei der Umformatierung viele Informationen verloren gegangen.

Russland betonte, es habe Rohdateien geliefert, welche somit also vollständiger und unbearbeitet seien. Bereits im Februar hatte die russische Flugbehörde Rosaviatsia angeboten, den niederländischen Behörden bei der Auswertung der Daten behilflich zu sein. Offiziell aber wurde weiterhin von Ermittlern und Medien verkündet, dass seitens Russland das international Standardformat für Radardaten, ASTERIX, nicht eingehalten werde. Doch inwieweit stellt dies einen anerkannten Standard dar und warum liegen die von Russland gelieferten Daten in einem abweichenden Format vor?

Europäisches Format nur ein Standard von vielen

Das ASTERIX-Format (All Purpose Structured Eurocontrol Radar Information Exchange) wurde von Eurocontrol, der Europäischen Organisation zur Sicherung der Luftfahrt, entwickelt. Auf Anfrage von RT Deutsch bestätigte die Behörde schriftlich, dass eben jenes ASTERIX-Format nicht bindend sei. Zwar sei nach Ansicht von Eurocontrol die Kompatibilität bei dem Datentransfer sinnvoll und ASTERIX als Format weitestgehend üblich in Europa. Aber einerseits ist Russland nicht Mitglied in der europäischen Organisation und weiterhin gibt es, so bestätigte Eurocontrol, gar kein international vorgeschriebenes oder gar bindendes Format für Radardaten.

Auch Prof. Dr.-Ing. Oliver Lehmann, Leiter des Fachgebietes Flugführung und Luftverkehr, sowie der Jurist und Experte für Luftverkehrsrecht, Professor Dr. Elmar Giemulla, beide tätig unter anderem an der Technischen Universität Berlin, konnten die Aufregung um das Datenformat nicht verstehen. ASTERIX definiere nur einen Standard von vielen, gaben sie gegenüber RT Deutsch an.

Dass das russische Militär dieses Format nicht nutzt, ist gut nachvollziehbar. Warum sollten die ein (hauptsächlich) ziviles westeuropäisches Datenformat nutzen?

Zudem stimmen sie überein, dass, sofern Russland nach ASTERIX oder in ein anderes Format konvertierte Daten an die Ermittler geliefert hätte, dies vermutlich sofort Unterstellungen nach sich gezogen hätten, dass die Daten fehlerhaft konvertiert oder gar vorsätzlich manipuliert gewesen seien.

Insgesamt sind unkonvertierten Daten, wenn überhaupt, am dichtesten an der Wahrheit, so die Experten.

Das Festhalten an vermeintlich nicht konvertierbaren Radardatenformaten nach einer derart langen Ermittlungszeit scheint demnach nicht nur bei einem Laienverständnis von Radardatenformaten verwunderlich.

Klagen gegen die Ukraine

Ein weiterer ungeklärter Punkt ist, dass die europäische Sicherheitsbehörde Eurocontrol die Ukraine bereits Tage vor dem Absturz von MH17 gebeten haben soll, den Luftraum über bekämpftem Gebiet für zivile Flüge zu schließen. Aus bisher unerklärten Gründen wurde diese Aufforderung jedoch ignoriert. Somit klagen Angehörige der Opfer nun gegen die Ukraine.

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