Mit Künstlicher Intelligenz in den Krieg: Pentagon und Silicon Valley greifen nach den Algorithmen

Mit Künstlicher Intelligenz in den Krieg: Pentagon und Silicon Valley greifen nach den Algorithmen
Filmszene aus "Terminator Salvation" - Mit Künstlicher Intelligenz in den Krieg?
Silicon Valley und Pentagon planen, den Krieg der Zukunft in die Gegenwart zu holen. Noch in diesem Jahr sollen Drohnen mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet werden. Die Strategie der Automatisierung und Autonomisierung des Krieges geht aber noch weiter.

Die Pläne des Pentagons zur Digitalisierung der Kriegsführung sind durchaus ehrgeizig und erinnern ein wenig an das Unternehmen Skynet in dem Filmklassiker Terminator 2. In drei Phasen à 90 Tagen will sich die US-amerikanische Militärmaschine für die "algorithmische Kriegsführung" bereitgemacht haben.

Symbolbild - US-Spezialeinheiten bei einem Schießtraining in den Philippinen, Mai 2002

Google-Chef Schmitt geht es zu langsam

Doch da man im Pentagon aus Sicht von Google-Chef Eric Schmitt organisatorisch eher noch auf dem Stand eines Unternehmens aus den 1980er Jahren sei, sollen die großen Silicon-Valley-Unternehmen bei dem Vorhaben zur Seite stehen. Getauft wurde das Vorhaben, das bestehende Drohnenprogramm mit KI und Big Data auszustatten, auf den Namen "Project Maven". Das im Zuge der Third Offset Strategy initiierte Projekt soll mit 70 Millionen Dollar ausgestattet werden. Die Bewilligung des Geldes durch den Kongress steht allerdings noch aus.

Mit von der Partie sind auch das Defensive Business Board und das Defense Innovation Advisory Board, zwei US-Think-Tanks, die Militär und die Privatwirtschaft enger vernetzen sollen. In letzterem ist neben Google-Chef Eric Schmitt auch der Amazon-Gründer und Besitzer der Washington Post, Jeff Bezos, vertreten. Den Silicon-Valley-Bossen geht die Entwicklung hin zu mehr Digitalisierung und Automatisierung ohnehin nicht schnell genug. Für so genannte Routinearbeiten wie etwa das Auswerten von Drohnenbildern, die über den Einsatz tödlicher Waffensysteme entscheiden, könne längst künstliche Intelligenz genutzt werden.

Altbekannte Strategie: Der Terrorismus als Legitimation

Ähnlich wie im Falle der Legitimation ziviler Überwachungstechnologie im Alltag muss zur Begründung der Digitalisierungsvorhaben des Militärs mit das Ziel der Terrorabwehr herhalten. Vollautomatisierte Waffensysteme, in denen der menschliche Faktor letztlich gänzlich ausgeklammert werden könnte, würden im Kampf gegen den IS helfen, so der Narrativ. Es bleibt allerdings die Frage im Raum, wieso die größte Militärmaschine der Welt in ihrer jetzigen Verfassung nicht in der Lage ist, ein meist eher nur rudimentär bewaffnetes Terrornetzwerk zu besiegen.

Bild: http://www.freigeist-forum-tuebingen.de/

Ähnlich wie bei der Entwicklung selbstfahrender Autos sollen die Waffen und Drohnen auch mit so genannten Deep-Learning-System ausgestattet werden. Sprich, die Tötungssysteme programmieren sich letztlich selbst. Dass dies nicht unbedingt eine gute Idee sein muss, liegt eigentlich auf der Hand. Doch schon Ende des Jahres 2017 sollen die Drohnen, die im Irak und in Syrien gegen den Islamischen Staat eingesetzt werden, über Künstliche Intelligenz verfügen.

Geplanter Eintritt in ein neues militärisches Zeitalter

Dass es sich bei den Plänen letztlich um den Eintritt in ein neues militärisches Zeitalter handelt, zeigt schon der Name der Strategie, in die Project Maven eingebunden ist, die Third Offset Strategy. Die First Offset Strategy beschrieb den Eintritt der USA ins nukleare Zeitalter, die Second Offset Strategy diente dazu, den Einsatz neuartiger Geheimdienst-, Überwachungs- und Steuerungsmethoden zu organisieren. Das globale Positionierungssystem GPS ist beispielsweise ein Erzeugnis dieser Zeit. Nun soll also mit der dritten Stufe der Krieg zunehmend in die Hände von Algorithmen gelegt werden.

Dass am Ende dieser Entwicklung Maschinen stehen, die weitestgehend ohne menschlichen Einfluss Menschen töten und auch selbst über die Ziele, die sie angreifen, entscheiden, scheint im Pentagon und im Silicon Valley wenig Stirnrunzeln zu erzeugen. Immerhin entspricht dies letztlich voll und ganz den Vorstellungen der transhumanistischen Ideologie, die in derartigen Entwicklungen die nächste Evolutionsstufe der humanoiden Spezies sieht und die vor allem unter den Vertretern der Tech-Giganten zahlreiche Anhänger hat.

Zwar erklärte der damalige US-Verteidigungsminister Ash Carter im vergangenen Jahr, dass es eine "völlige Autonomie" der Waffensysteme nie geben wird, jedoch wirken derartige Statements der politisch Verantwortlichen eher wie Beruhigungspillen für die teils kritische Bevölkerung.

Allein in diesem Jahr stehen für die 2014 gestartete Third Offset Strategy 3,5 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. In den ersten Stufen solle vor allem die bessere Vernetzung von Mensch und Maschine angegangen werden. Doch schon bald könnte auch die Beteiligung des Menschen, beispielsweise an Tötungsprozessen mit Drohnen, lediglich "simuliert" werden, um "Vertrauen zu schaffen", so Carter.

Bislang sind ältere Windows-Systeme vom Wanna Cry-Virus betroffen. Doch das nächste Virus könnte schon in der Entwicklung sein.

Die Maschinen könnten ihren Erbauern auf die Füße fallen

Neben der ultimativen Dystopie eines Terminator 2- oder Matrix-Szenarios kann die Schaffung automatisierter Waffensysteme jedoch auch nur bedingt profanere Gefahren mit sich bringen: Erst am vergangenen Wochenende zeigte die weltweite Verbreitung des so genannten Wanna-Cry-Virus, wie anfällig das Internet für Angriffe ist. Mit dem Grad zunehmender Digitalisierung und Vernetzung steigt auch immer die Gefahr von Sabotage, Hijacking und die Möglichkeit von Hackerangriffen.

Neben dem russischen Sicherheitsunternehmen Kaspersky vermutet auch das US-Unternehmen Symantec, Nordkorea könnte hinter dem Ransomeware-Trojaner Wanna Cry stecken. Wie sinnvoll die Vollautomatisierung und Digitalisierung der US-Militärmaschine ist, wenn selbst nordkoreanischen Hackern zugetraut wird, eine globale Virenwelle auszulösen, ist eine weitere Frage, die im gesamten Prozess kaum beachtet zu werden scheint.

Skeptisch sollte an den Plänen vor allem die Hastigkeit stimmen, mit der die USA ihre Vorhaben umsetzen wollen. Ein derartig engmaschig gestrickter Zeitplan wie im Falle von Project Maven deutet vor allem darauf hin, dass Kritikern die Möglichkeit genommen werden soll, Zweifel zu formulieren. Ob ein derartiges Pressing die beste Strategie ist, darf bezweifelt werden. Nicht ausgeschlossen, dass ein mit Künstlicher Intelligenz ausgestattetes Waffensystem letztlich berechnet, dass es im Kampf gegen den Terror am effizientesten ist, die eigenen Drohnen über dem Pentagon, dem Weißen Haus und über Langley kreisen und zuschlagen zu lassen.