Afghanistan als Teststrecke für Waffensysteme: Wie westliche Kriegsverbrechen ungesühnt bleiben

Afghanistan als Teststrecke für Waffensysteme: Wie westliche Kriegsverbrechen ungesühnt bleiben
Im April warfen die USA ihre größte nicht-nukleare Bombe über Afghanistan ab. Dabei sollen über 90 Kämpfer des IS getötet worden sein Kritiker bezweifeln die Verhältnismäßigkeit des Einsatzes. Der Journalist Emran Feroz spricht von illegitimen Waffentests.

Nach längerer Zeit abseits des Fokus der Öffentlichkeit gerät Afghanistan zunehmend wieder in die Schlagzeilen. Erst am Mittwoch starben bei einem Bombenanschlag auf einen NATO-Konvoi in Kabul acht Menschen, 25 weitere erlitten Verletzungen, darunter auch Zivilisten. Es handelte sich um einen von bereits mehreren großen Anschlägen dieses Jahr in Kabul.  

Am 13. April 2017 dieses Jahres hatte außerdem der Abwurf einer US-amerikanischen Bombe des Typs GBU-43/B MOAB weltweite Aufmerksamkeit auf Afghanistan gelenkt. Das Kürzel MOAB steht für "Massive Ordnance Air Blast", also Massive Luft-Explosionswaffe. In den USA steht das Kürzel aber auch für den stark kritisierten Spitznamen "Mother of all bombs", Mutter aller Bomben - in Anlehnung an Saddam Husseins einstmaliger Bezeichung des Zweiten Golfkriegs als "Mutter aller Schlachten".

Die Bombe wurde bereits Anfang der 2000er Jahre entwickelt, aber bis zu jenem Tag nicht eingesetzt. Sie ist etwas über neun Meter lang, wiegt beinahe zehn Tonnen und fasst knapp 8.500 Kilogramm Sprengstoff. Angesichts der kolossalen Wucht ihres Einschlags und dessen Radius verwundert es nicht, dass die Streitkräfte bisher von einem Einsatz absahen, da ein solcher eine zu hohe Zahl ziviler Opfer befürchten ließ.

Maximmal 800 IS-Kämpfer in Afghanistan

Eine Bombe dieses Typs kostete circa 16 Millionen Dollar. Bei einer Trefferquote von zunächst angeblich 36 Kämpfern hätte es somit 450.000 US-Dollar gekostet, einen einzigen Kämpfer zu liquidieren.

Zwar teilte die Regionalregierung der Provinz Nangarhar später mit, die Zahl der infolge des MOAB-Abwurfs getöteten Kämpfer habe sich auf über 90 erhöht. Zudem zerstörte die Bombe der Regierung in Kabul zufolge eine wichtige IS-Kommandozentrale.

Doch hat sich dieser bisher erste Gefechtseinsatz tatsächlich gelohnt angesichts der Tatsache, dass sich insgesamt angeblich nur 600 bis 800 IS-Kämpfer überhaupt in Afghanistan aufhalten?

Eine weitere Frage, die sich stellt, ist, warum die Armeeführung nicht etwa die für Bunkeranlagen und derartiges von zahllosen Höhlen durchzogenes Gebiet vorgesehene, präzisionsgelenkte Bombe GBU-57A/B MAP (Massive Ordnance Penetrator) für den Einsatz ausgewählt hat. Der zuständige Kommandeur der US-und NATO-Truppen in Afghanistan, General John Nicholson, meinte, in diesem Fall sei der Einsatz der schweren MOAB angemessen gewesen und man habe die Gegend mehrere Tage beobachtet, um sicherzugehen, dass sich dort keine Zivilisten befänden. Nähere Angaben dazu wollte jedoch auch er nicht machen.

Über 90 Menschen bei Kämpfen zwischen IS und Taliban im Norden Afghanistans gestorben

Andere Quellen hingegen deuten an, dass die Bombe bisher nur hohe Kosten - allein in ihrer Entwicklungsphase 314 Millionen US-Dollar - verursacht habe und damit dem sprichwörtlichen weißen Elefanten gleichkäme. Tatsächlich ist der Marktpreis für dieses Kriegsgerät nach dem Einsatz sogar gesunken.

Psychologische Wirkung wichtiger als strategische?

Der Einsatz der MOAB in Afghanistan kann angesichts ihrer Größe allerdings auch den Zweck der psychologischen Kriegsführung verfolgt haben. Er kann beispielsweise als Botschaft an Nordkorea und den Iran gedacht gewesen sein. Die USA wollten demnach mit einem nicht-nuklearen Waffensystemen ihre Überlegenheit zeigen. Gleichzeitig wird diese gewaltigste konventionelle Bombe der USA im Explosionsradius noch übertroffen vom so genannten Vater aller Bomben.

Der Einsatz der MOAB kam für viele jedoch auch deshalb als Überraschung, weil Afghanistan in den Medien lange nicht mehr an vorderster Stelle der weltweiten Krisenherde genannt wurde und auch im US-Wahlkampf keine große Rolle spielte.

Präsident Obama hatte im Mai 2014 angekündigt, die Kampfeinsätze der US-Truppen am Hindukusch bis zum Ende des Jahres zu beenden. Tatsächlich wurde im darauffolgenden Jahr die so genannte Mission Resolute Support der NATO als Nachfolger des ISAF-Einsatzes implementiert, zur Ausbildung und Beratung sowie Unterstützung und nicht mehr zum Kampf.

Zeitgleich begann jedoch am 1.Januar 2015 auch die Operation Freedom's Sentinel der US-amerikanischen Streitkräfte, welche die Befugnis hat, Kampfhandlungen durchzuführen. Bis 2017 gab es unter diesem Banner mehrere Luftangriffe in Nangarhar, um afghanische und US-Bodentruppen gegen IS-KP (Provinz Khorasan) und die Taliban in der Region zu unterstützen.

IS erst nach zwei Jahren angegriffen

Insgesamt verzeichnete die Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) für 2016 bei konservativer Schätzung die höchste Anzahl an zivilen Opfern seit 2009 in dem Land. Der Journalist Emran Feroz spricht im Zusammenhang mit derartigen Aktionen von "Kriegsverbrechen". In Afghanistan würden nicht erst mit der MOAB, sondern seit Beginn der Kampfhandlungen im Rahmen des so genannten Kriegs gegen den Terror tatsächlich Waffenübungen stattfinden.

USA werfen erstmals „Mutter aller Bomben“ über Afghanistan ab

Trotz der hohen Zahlen ziviler Opfer könnten die Verantwortlichen dort töten und vernichten, ohne irgendwelche Konsequenzen befürchten zu müssen. Auch jene bewaffnete Drohne, die im Oktober 2001 ein Haus in der Provinz Kandahar traf, wurde dort zum ersten Mal eingesetzt. Zwar geschah dies im Namen der Terrorbekämpfung, doch starben dabei Dutzende Zivilisten, während der Taliban-Chef Mullah Mohammad Omar, der eigentlich getroffen werden sollte, noch über ein Jahrzehnt weiterlebte. Seither seien weitere Waffen wie Uranmunition an der Zivilbevölkerung getestet worden, was aber in den westlichen Medien unerwähnt bliebe.

Westliche Kriegsverbrechen passen eben weiterhin nicht in den Narrativ, der uns tagtäglich vermittelt wird.

Trotz der schwierigen Situation hatte die Europäische Union im Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz ein Abkommen mit der afghanischen Regierung geschlossen, aufgrund dessen viele Afghanen aus Europa zurückkehren werden. Die Regierung erhielt dafür Hilfsgelder in Milliardenhöhe. Die jüngsten Kampfeinsätze erfolgten mit lokaler Zustimmung, angeblich begrüßten Stammesälteste in der östlichen Provinz Nangarhar jedwede Operationen, die zur Beseitigung von ISIS-Terroristen beitragen. Auch die derzeitige afghanische Regierung war informiert.

Der ehemalige afghanische Präsident hingegen, Hamid Karzai, erachtet die Verwendung der GBU-43 als eine Beleidigung für das Land und sprach sich dafür aus, die US-Truppen des Landes zu verweisen. Im Hinblick auf die US-Luftangriffe gegen den IS und den Kampf gegen den Terror fragt er:

Warum haben die USA zwei Jahre lang mit der Bombardierung von Daesh gewartet?

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