Dritter Jahrestag des Odessa-Massakers: Ein ungesühntes Verbrechen vor laufenden Kameras

Dritter Jahrestag des Odessa-Massakers: Ein ungesühntes Verbrechen vor laufenden Kameras
Vor den Augen der Welt verübte ein nationalistischer Mob am 2. Mai 2014 ein Massaker an Maidangegnern, die sich im Gewerkschaftshaus von Odessa verschanzt hatten. Kiew hat so zwar den Widerstand der Hafenstadt gebrochen, den Donbass aber dauerhaft verloren.

Heute, am 2. Mai, jährt sich das Massaker von Odessa - ein Schlüsselereignis in der gesamten Ukraine-Krise. Mit der Tötung von vermutlich mehr als 50 Menschen konnte die damals provisorische Regierung in Kiew die friedlichen Proteste und Forderungen nach Föderalisierung in der Hafenstadt vorerst stoppen. Dafür bekam sie aber einen erbitterten Krieg im Osten des Landes.

Die Bewohner Odessas haben den Staatsstreich in Kiew mehrheitlich nicht unterstützt. Als es klar wurde, dass die Ultranationalisten in Kiew den gewählten Präsidenten Wiktor Janukowitsch verjagt haben, gingen sie auf die Straße. Obwohl es kaum NGOs gab, die in der Lage gewesen wären, große Aufmärsche zu organisieren, und auch Facebook und Twitter in der Bevölkerung nicht weit verbreitet waren, gingen viele Tausende am 23. Februar auf die Straßen und skandierten: "Der Faschismus wird nicht durchkommen."

Der Marsch in Odessa am 23. Februar 2014: "Faschism wird nicht durchkommen"

Danach trafen sich die Protestler regelmäßig, an manchen Tagen waren es bis zu 25.000 Menschen, die auf den Straßen gegen den verfassungswidrigen Machtwechsel auftraten. In einer Stadt mit genau einer Million Einwohner ist das eine durchaus beachtliche Zahl. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass man gegen eine Macht protestierte, die als gefährlich und unberechenbar galt. Dies bezog sich nicht nur auf die staatlichen Sicherheitskräfte, die von den neuen Machthabern jederzeit gegen die Demonstranten vorgehen konnten, sondern vor allem auf marodierende neonazistische Schlägerbanden, die immer noch brandschatzend durchs Land zogen.

Multinationales Odessa gegen Ethnokratie

Auf dem Kulikowo-Feld, einem Platz vor dem Gewerkschaftshaus nahe des Hauptbahnhofs, schlugen mehrere Protestler ihr Zeltlager auf: Es bestand aus wenigen Zelten mit einer Bühne dazwischen. Dort trafen sich die Mitglieder eines orthodoxen Vereins, des Vereines der Offiziere, Aktivisten einer lokalen sozialistischen Partei und einige mehr. Sie tranken Kaffee und schauten die in der Ukraine bereits verbotenen russischen Fernsehsender.

Ihre Hauptsünde in den Augen der neuen Machthaber: Sie sammelten Unterschriften für eine Föderalisation der Ukraine. Menschen, die sich auf die glorreiche Geschichte der von der russischen Zarin Ekaterina gegründeten, multinationalen Stadt besannen, konnten sich nicht vorstellen, in einer Ethnokratie zu leben.

Sehr viele Protestler waren im mittleren Alter, viele Rentner – alles reife, erfahrene Menschen. Aber es gab auch genügend junge Menschen dabei. Die kräftigsten von ihnen bildeten die Garde der Selbstverteidigung – eine nach dem Maidan-Vorbild aufgebaute Truppe aus ca. Hundert Mann, mit Stöcken und Schilden bewaffnet, die anderen Aktivisten auf Zuruf zu Hilfe kommen konnten. Diese träumten von einem freien, selbstbestimmten Odessa.

Die junge Garde war bereit, sich mit den Maidan-Anhänger zu prügeln, sollten diese versuchen, in der Stadt ihre Ordnung durchzusetzen. Aber auf Steine und Molotovcicktails wollten sie verzichten, anders als andere Teilnehmer der damaligen Ereignisse, betonte Lokalpolitiker Oleg Musyka gegenüber RT Deutsch.

In der Woche vor dem 2. Mai begann sich die Atmosphäre in der Stadt zu verdichten. In den Großstädten des Südostens der Ukraine gab es zu diesem Zeitpunkt bereits Versuche, durch gezielte Prügelattacken oder sogar politische Morde die Antimaidan-Bewegung zu zerschlagen. In einigen russisch geprägten Städten wie Saporoschje, Nikolajew, Dnjepropetrowsk und Charkow gelang dies am Ende auch - mit der größten Mühe. In den Städten Donezk und Lugansk nicht.

Die Molotowkoktails wurden am 2. Mai auf offener Straße gefüllt.

Rechtsextreme errichten Checkpoints

Odessa war der Schlüssel zum gesamten Süden des Landes, eine symbolträchtige Stadt, der größte Hafen der Ukraine. Viele sagen in Odessa, die Stadt wäre für Amerikaner interessant. Sie sahen den damaligen US-amerikanischen Botschafter Jeffrey Payett und die Osteuropa-Beauftragte des US-Außenministeriums, Victoria Nuland, in den Tagen vor der Tragödie, wie sie sich aktiv in der Stadt zeigten.

Es liegt nahe zu vermuten, dass die neue, noch nicht legitime Regierung an Odessa ein Exempel statuieren wollte. Die mysteriöse Erschießung Dutzender Kämpfer aus den eigenen Reihen auf dem Maidan deutete an, dass sie sich vor nichts zurückschrecken würde. Doch dass das Vorgehen, um den Widerstand in der Stadt zu brechen, so grausam, so brutal werden würde – damit hatte niemand gerechnet.

Der Hauptkoordinator der Maidan-Kämpfe, der bekennende Neonazi Andrej Parubij, damals in der Funktion des Sekretärs des Rates der nationalen Verteidigung, besuchte Ende April die Stadt und verteilte auf zuvor um diese herum errichteten Checkpoints Schusswesten und Waffen.

Die meisten der so genannten Kulikowzy, der Anhänger des Antimaidans, die sich regelmäßig auf dem Kulikowo-Feld sammelten, bekamen davon nichts mit. Vonseiten der "ukrainischen Patrioten" war ein Marsch für die Einheit der Ukraine geplant. Im Zuge dessen sollten die Fußballfans der Mannschaften Tschernomorets aus Odessa und Metallist aus Charkow gemeinsam vor dem Spiel ihrer Mannschaften durch die Innenstadt ziehen wollten.

Die hochgerüsteten Schläger des Rechten Sektors begleiteten sie. Insgesamt trafen bis zu 3.000 Menschen zu dem Umzug ein. Die Gruppe aus ca. 300 Kämpfern der Selbstverteidigung ("Druzhina von Odessa")  kamen ihnen entgegen. Die Verteidiger Odessas behaupten, nicht als Erste angegriffen zu haben, was angesichts einer solchen Unterzahl auch nicht nachvollziehbar gewesen wäre. Die Straßenkämpfe begannen um die Mittagszeit.

Zwielichtige Rolle der Sicherheitskräfte

Zum Verlauf der Kämpfe gibt es mehrere Darstellungen. Oleg Musyka, der Aktivist der lokalen Odessaer Partei "Rodina" (Heimat), der jetzt in Berlin lebt, war zu diesem Moment auf dem Kulikowo-Feld. Er war Anhänger eines friedlichen politischen Prozesses, auch in den unruhigen Zeiten. Für viele im prorussischen Lager war er sogar zu gemäßigt.

Viele Blogger weltweit stellten aufgrund der zugänglichen Videoquellen ihre eigene Zusammenfassungen der Ereignisse am 2. Mai 2014 in Odessa: 

Doch als auch er hörte "Unsere werden verprügelt", nahm er circa 20 Mann mit und ging in die Innenstadt, mit einem Helm auf dem Kopf und einer Schleuder bewaffnet. Als er dort ankam, gab es schon den ersten Schwerverletzten, auf der Seite des Maidans. Musyka und viele andere behaupten, sie hätten unbekannte Schützen auf dem Balkon eines Hotels gesehen. Die Kameraden des Sterbenden ließen die Notärzte nicht durch, um ihm die nötige Hilfe zu leisten. Es gab den ersten Toten, anschließend weitere. Anschließend begann der Rachefeldzug.

Eine False Flag Aktion, wie schon so oft in der Ukraine vermutet? Für den Beweis, dass die Maidangegner Feuerwaffen benutzen, muss oft ein Video mit einem dicklichen, vermummten Mann herhalten, der aus einem Maschinengewehr in die Menge feuert. Er feuert, aber es gibt keine Toten. Wie sich später herausstellte, kaufte der Aktivist eine Kalaschnikow-Attrappe mit Plastikkugeln, um mit den Schüssen die Gegner einzuschüchtern.

Der Chef der Stadtpolizei, Dmitri Futschedschi, ging mit einer Schusswunde an Musyka vorbei. Die Rolle der Polizei war an diesem Tag zwielichtig. Einerseits schützte sie die Odessa-Verteidiger vor dem übermächtigen Gegner, andererseits schnitt sie deren Gruppen immer wieder voneinander ab. Später, als die Angreifer das Gewerkschaftshaus belagerten, störten sie den aggressiven Mob nicht in seinem Tun.

Andererseits bedeutete festgenommen zu werden oft die Rettung. Es bleibt nur festzuhalten, dass es für jeden Interessierten ein Leichtes war, in diesem Getümmel unter falschen Flagge aufzutreten. Viele Bilder zeigen, dass die Maidanseite sehr professionell auftrat und reihenweise Steine und Molotowcocktails auf den Gegner geworfen hat.

Rechter Sektor drang durch Nebeneingang ins Gebäude ein

Als Musyka zurück am Kulikowo-Feld war, waren die Menschen dabei, Barrikaden vor dem Gewerkschaftshaus und im Foyer zu errichten - aus alten Paletten und Möbel. Die schlagkräftigen Maidangegner zerstreuten sich in diesem Moment. Vor dem Gewerkschaftshaus blieben bis zu 300 Menschen, darunter viele ältere Personen.

Anschließend gingen sie hinein und verbarrikadierten sich. Nach circa 15 Minuten waren auch die Schläger des Rechten Sektors im Haus, sie waren durch einen Nebeneingang hineingelangt. Sie jagten die dort versteckten Aktivisten und waren mit Feuerwaffen und Messern bewaffnet. Mehrere Brandsätze entzündeten den Treppenbereich, der giftige Rauch verbreitete sich durch das zentrale Gebäude. Die Menschen suchten Rettung an den Fenstern, doch dort wurden sie zum Ziel von Snipern, die sich Berichten von Überlebenden zufolge im Gebüsch versteckten.

In ihrer Verzweiflung sprangen viele ins Freie. Doch unten warteten schon die Mörder auf sie. Diese prügelten auf jene, die den Sturz überlebten, mit Eisenstangen ein. Insgesamt starben zehn Personen nach dem Sprung aus dem Fenster. Der Bruder von Oleg Musyka ging sonst nicht aufs Kulikowo-Feld, aber an diesem Tag kam er, um Oleg zu unterstützen.

Auch er sprang aus dem Fenster, aus dem dritten Stock. Er blieb ohnmächtig liegen und das rettete ihm das Leben. Später, im Krankenhaus, verweigerte ihm ein nationalistisch gesinnter Arzt die medizinische Hilfe. Seine Gesundheit ist heute gebrochen, infolge der Hämatome verliert er langsam das Sehvermögen.

Mehrmals waren Oleg und ein anderer Kamerad an jenem Tag dem Tod entkommen. Zuletzt retteten ihm die ukrainische Sprache und die Dunkelheit das Leben. Als die Schläger im Haus noch vor dem Eintreffen der Polizei im Gebäude nach Überlebenden suchten, suchte er unter den Leichen nach seinem vermissten Bruder.

Sie fragten ihn: "Wer bist du?" Er antwortete, dass er einer der ihren sei. Dass er ein verrußtes Gesicht hatte, konnten sie in der Dunkelheit nicht erkennen. Zuvor, und dies ist nur einer der ungeklärten Umstände, wurden der Strom im Haus abgeschaltet und die Löschschlangen durchschnitten.

Plötzlich ging das Licht an. In diesem Moment kamen bereits die Offiziere der Polizei ihm und den Nationalisten entgegen. Oleg Musyka konnte sich ergeben. Dass nicht die Angreifer, sondern der Überlebende in den Gewahrsam musste, verstand sich von selbst.

Zynische Reaktionen und die Opfer als Täter

Alle festgenommenen Überlebenden aus dem Gewerkschaftshaus mussten noch das so genannte Spalier der Schande passieren. Der Polizeiwagen erschien fast wie eine Rettung. Die Polizisten sagten, die Aktivisten sollten sich im Wagen auf den Boden legen, um sich vor dem drohenden Beschuss zu retten.

Diese unglaubliche Geschichte spielte sich vor Hunderten von Kameras ab. Die Bilder der Verbrannten gingen durchs Netz. Die Belagerung des Gewerkschaftshauses wurde im Fernsehen übertragen. Als alles vorbei war und es dunkel wurde, ging in einer Kiewer Polittalksendung mit vielen versammelten Maidan-Aktivisten ein Lokalpolitiker aus Odessa, Alexej Gontscharenko, auf Sendung.

Er erzählte triumphierend, dass sie gerade "ein Lager der Separatisten zerschlagen" haben.

Es gibt viele Tote", sagte er.

Die Leute im Studio waren erst betroffen und wussten nicht richtig, wie sie auf diese Botschaft reagieren sollen. Doch dann ertönte doch ein vorsichtiges Klatschen. Am nächsten Tag reiste die Ikone der Orangenen Revolution, Julia Timoschenko nach Odessa und bedankte sich bei den Aktivisten und Regierung der Stadt für ihren patriotischen Einsatz. Patriotisch war aus ihrer Sicht anscheinend den Feuerwehrleuten das mutmaßliche Befehl des Nichteingreifens zu erteilen. Sie begannen erst Dreiviertelstunde später das Feuer zu löschen, obwohl ihre Station fast direkt gegenüber lag. Zu diesem Moment waren die meisten schon tot. 

Medienvertreter der Bewegung

Die Opfer des Massakers wurden seitdem von den maidanistischen Öffentlichkeit in der Ukraine als "gegrillte Kartoffel-Käfer" (auf russisch "Colorado-Käfer") verspottet, nach den Farben des in oppositionellen und antinationalistischen Kreisen getragenen St. Georgs-Bandes. Zwar legte nur eine kleine Minderheit unter den Ukrainern insgesamt diesen monströsen Zynismus an den Tag, doch diese Reaktion, die Billigung des Verbrechens, war für tausende Menschen im Südosten der Ukraine der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und sie zum bewaffneten Kampf bewog.

Viele kampfbereite Überlebende aus Odessa kamen in den Tagen nach dem Massaker nach Donezk und Lugansk. Im Donbass gab diese Tragödie Hunderttausenden den Mut, sich von der nationalistischen Ukraine loszulösen. Es blieb nur eine Woche bis zum Referendum, das diesem Wunsch eine juristische Grundlage gab. Bereits im April waren die Volksrepubliken Donezk und Lugansk ausgerufen worden. Nach dem 2. Mai 2014 waren sie in den Herzen der Menschen angekommen.