Giftgaszwischenfall in Chan Scheichun: Frankreich präsentiert lückenhafte Anschuldigungen

Giftgaszwischenfall in Chan Scheichun: Frankreich präsentiert lückenhafte Anschuldigungen
Bei dem Zwischenfall am 4. April in Chan Chaichun, Syrien, kamen 86 Menschen um. Weitere wurden verletzt.
Der französische Außenminister Jean-Marc Ayrault präsentierte am Mittwoch einen Bericht, der Syrien die Verantwortung für den Zwischenfall in Chan Scheichun zuschiebt. Die Beweisführung bezieht sich auf einen lange zurückliegenden Vorfall. Doch die Argumentation ist wie üblich lückenhaft.

In den vergangenen Wochen hatten bereits die Türkei und Großbritannien die syrischen Regierung beschuldigt, für den Giftgasvorfall Chan Scheichun verantwortlich zu sein. Beide Länder sind Kriegsparteien im Syrien-Konflikt, beide legten äußerst lückenhafte Beweise vor. So hieß es vonseiten britischer Spezialisten unspezifisch, sie könnten beweisen, dass in dem Ort "Sarin oder eine ähnliche Substanz" zum Einsatz kam.

Nun legt auch die Kriegspartei Frankreich angebliche Beweise für die Verantwortung der syrischen Regierung vor. Proben vom Angriffsort und von den Opfern hätten nachgewiesen, dass das Nervengas Sarin eingesetzt worden sei, sagte Außenminister Jean-Marc Ayrault am Mittwoch in Paris.

Wir wissen aus sicherer Quelle, dass das Herstellungsverfahren des Sarin [...] typisch für die Methode ist, die in den syrischen Labors entwickelt wurde.

Diese Methode "trägt die Signatur des Regimes", behauptete Ayrault, "und das erlaubt es uns, seine Verantwortung für diese Attacke festzustellen." Bei dem mutmaßlichen Giftgasangriff in Chan Scheichun waren am 4. April rund 80 Menschen getötet worden. Doch auch nach Durchsicht des sechsseitigen Berichts bleiben begründete Zweifel. Als vermeintlicher Beweis wird in dem Bericht der Vergleich zwischen den Proben des Vorfalls in Chan Cheichun von Anfang April und Proben eines Vorfalls im Jahr 2013 in Sarakep angeführt.

Laut Bericht finden sich in beiden Proben Spuren von Sarin. Am 29. April 2013 soll ein Hubschrauber drei Granaten auf Sarakep abgeschossen haben. Zwei von den Granaten seien detoniert, eine dritte nicht. Diese vermeintlich nicht explodierte Granate dient den Franzosen nun als „Kronzeuge.“

Ihre Analyse soll einen Inhalt von „100 Milliliter Sarin in einer Reinheit von 60 Prozent“ ergeben haben. Die Proben, die den Zwischenfall im April dieses Jahres in Chan Cheichun betreffen, würden dieselbe Art der Herstellung aufweisen, wie die aus Sarakep. Der Bericht vermutet das Syrian Scientific Studies and Research Center (SSRC) hinter der Produktion.

Natürlich vernachlässigt diese Argumentation, dass in den Jahren 2011 bis 2013 zahlreiche Munitionsdepots der Regierung von Aufständischen und ausländischen Söldnern ausgeraubt wurden. Teilweise wechselten die Waffenlager der regulären syrischen Armee auch die Seiten, nachdem syrische Offiziere zu den Anti-Assad-Kräften wechselten, teilweise unter Angebot hoher Geldsummen durch ausländische Geheimdienste. Die Dschihadisten verfügen so auch über erbeutete Granaten und Raketen aus den Regierungsbeständen. 

In einer türkischen Klinik werden Opfer des Giftgaszwischenfalls am 4. April eingeliefert, Reyhanli, 4. April 2017.

Doch auch ohne einen konkreten Nachweis, wie oder von wem das Giftgas freigesetzt wurde, wirft die aktuelle französische mehr Fragen auf, als sie zu beantworten vorgibt. So findet sich in dem Bericht eine Passage, in der davon gesprochen wird, dass die Vereinten Nationen im Dezember 2013 bestätigt hätten, dass es sich bei dem Vorfall in Sarakeb um einen Angriff mit Sarin handelte.

Doch die Vereinten Nationen drückten sich 2013 keineswegs so explizit aus, wie es die Franzosen darstellen. Hierzu sei ein Abschnitt aus einem Artikel der FAZ vom 13. Dezember 2013 zitiert:

Auch bei zwei vorherigen Vorfällen - im März in Khan Al Asal und im April in Sarakeb - seien Zivilisten unter den Opfern gewesen. Bei zwei weiteren Angriffen im August, beide wie der in Sarakeb als „kleiner“ eingestuft, seien hingegen Kämpfer das Ziel der Gas-Attacke gewesen. An den vier Orten sei der Einsatz wahrscheinlich, wenn er letztlich auch nicht eindeutig bewiesen werden könne. Dazu lägen zu wenig unabhängig gesammelte Informationen vor. Die Gutachter stützen ihre Annahmen aber auf Bodenproben, die Untersuchung von Patienten, Gespräche mit Augenzeugen und der Auswertung von Waffen. An zwei der sieben untersuchten Orte fanden die Experten keine Hinweise auf Gasangriffe.

Auch die Franzosen drückten in Bezug auf in den Vorfall in 2013 noch deutliche vorsichtiger aus. Zumindest, was die Schuldfrage betrifft. Hierzu ein Ausschnitt aus einem Artikel der Aargauer Zeitung vom 5. Juni 2013:

Laut der französischen Regierung kam das Giftgas Sarin zum Einsatz. "Frankreich hat nun die Gewissheit, dass das Gas Sarin in Syrien mehrfach und lokal begrenzt eingesetzt wurde", erklärte der französische Aussenminister Laurent Fabius am Dienstag in Paris. Er bezog sich dabei auf die Ergebnisse französischer Analysen. Die Schuldigen für diesen Chemiewaffen-Einsatz müssten zur Verantwortung gezogen werden, forderte Fabius. Er machte aber keine Angaben, ob Regierungstruppen oder Rebellen die tödliche Substanz eingesetzt haben.

Lawrow zu Giftgas-Untersuchung in Idlib.

Der Bericht, den Frankreich heute zu Chan Cheichun veröffentlicht hat, klingt im Vergleich mit dem Statement von 2013 nach „Copy & Paste“ – bis auf die Schuldfrage. Die Frage muss erlaubt sein, warum die Franzosen bis 2017 gewartet haben, um die syrische Armee für die Vorfälle verantwortlich zu machen, wenn sie denn schon Beweise vorliegen hatten. Offenbar wurden die vermeintlichen Erkenntnisse der Franzosen noch nicht einmal an die Vereinten Nationen weitergeleitet. Schließlich gab es vonseiten der UNO keine Verurteilung der syrischen Regierung zu dem Vorfall in 2013.

Auch ein anderer Punkt wirft Fragen auf: In dem Bericht wird ein Hubschrauber erwähnt, der im April 2013 die drei Granaten abgefeuert haben soll. Doch Berichte über einen Angriff mit einem Hubschrauber auf Sarakeb finden sicher eher im Zusammenhang mit einem vermeintlichen Angriff im August 2013. Hierzu ein Ausschnitt aus einem Artikel in Die Zeit vom 2. August 2013:

In der syrischen Stadt Sarakeb sind in der Nacht zum Dienstag Behälter mit giftigem Gas abgeworfen worden. Ein Sprecher des syrischen Zivilschutzes gab an, dass 33 Menschen mit Atemproblemen ins Krankenhaus gebracht worden seien, unter ihnen vor allem Frauen und Kinder. Drei Menschen seien in kritischem Zustand. Die Hilfsgruppe der Weißhelme teilte mit, dass ein Hubschrauber zwei Fässer mit Chlor-Kanistern und Eisenkugeln in der Stadt in der Provinz Idlib abgeworfen habe. Unklar war zunächst, von wem der Angriff ausging.

Michael Lüders zu Gast bei Anne Will: Zusammen mit Jan van Aken widerspricht er der westlichen Propaganda zu Syrien, jetzt wird er selbst zum Ziel von Propaganda-Maßnahmen; Berlin 9. April 2017.

Zudem werden die Quellen in dem Bericht des französischen Außenministeriums von heute nicht benannt. Unklar bleibt auch, wie die Franzosen an die Proben des Vorfalls in Chan Scheichun gekommen sein wollen. Auch London hatte vor wenigen Tagen erklärt, dass es sich bei dem Vorfall in Chan Scheichun um einen Giftgas-Angriff mit Sarin gehandelt haben soll. Britische Wissenschaftler hätten Proben von vor Ort analysiert und seien zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich um Sarin oder eine ähnliche Substanz gehandelt habe, sagte der britische UN-Botschafter Matthew Rycroft am 11. April in New York.

Großbritannien teile daher die Annahme der USA, dass die syrische Führung für den Angriff verantwortlich sei. Eine Anfrage des russischen Außenministers Sergei Lawrow an seine Kollegen in London und Paris ihre Quellen offenzulegen blieb unbeantwortet. Mehr noch, eine unabhängige Untersuchung die von Russland und dem Iran vorgeschlagen wurde, und die vor Ort in Chan Scheichun und an dem Luftwaffenstützpunkt asch-Scha’irat, von dem aus der angebliche Giftgasangriff erfolgt sein soll, stattfinden sollte, wurde unter anderem auch von Großbritannien und Frankreich abgelehnt.   

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