Syrien-Narrativ schützen statt aufklären: Medien-Gatekeeper ignorieren kritische Experten

Syrien-Narrativ schützen statt aufklären: Medien-Gatekeeper ignorieren kritische Experten
In einer türkischen Klinik werden Opfer des Giftgaszwischenfalls am 4. April eingeliefert, Reyhanli, 4. April 2017.
Der Giftgas-Vorfall im syrischen Chan Scheichun ist nach wie vor nicht aufgeklärt. Der westliche Medien-Mainstream schirmt sich und sein Publikum von Experten ab, die an der Geschichte von Assads C-Waffen-Angriff Zweifel haben.

Für Trump war der angebliche Giftgas-Vorfall in Chan Scheichun am 4. April die Chance zu einem innenpolitischen Befreiungsschlag. Medien und Politiker hatten bis dahin keine Gelegenheit ausgelassen, dem US-Präsidenten seit seinem Amtsantritt im Januar Steine in den Weg zu legen und nach Vorwänden für ein Amtsenthebungsverfahren zu suchen.

Lawrow zu Giftgas-Untersuchung in Idlib.

Der Militärschlag gegen die syrische Armeebasis Schayrat zwei Tage nach dem Giftgas-Vorfall änderte jedoch alles. Plötzlich war Trump, auch aus Sicht des Mainstreams, im Präsidentenamt angekommen. Er hat Burgfrieden mit den Neocons geschlossen und konnte die liberalen Interventionisten fürs Erste besänftigen.

Gleichzeitig hielt er seine Verluste in Grenzen. Seine konservative republikanische Basis tendiert ohnehin dazu, sich im Fall eines militärischen Konflikts hinter die Regierung zu stellen. "Support the Troops" lautet die Devise. Da Trump sich über den Tod von "wundervollen Babys" in Syrien ergriffen zeigte, macht ihn sein Auftreten als Pro-Life-Politiker, den er gern im Wahlkampf gab, für seine Anhängerschaft noch glaubwürdiger.

Gatekeeper verbarrikadieren sich im eigenen Weltbild

Dass die US-Regierung wenige Tage später den Anschlag auf Reisebusse nahe Aleppo, bei dem mindestens 68 Kinder ums Leben gekommen sein sollen, nur mit einem kurzen Statement ohne Nennung der Täter verurteilte, ging völlig unter. Schließlich fand dieser Angriff in den westlichen Mainstream-Medien kaum Beachtung.

Nach wie vor ist unklar, auf welche Weise das Giftgas, dem Dutzende Menschen zum Opfer gefallen sind, freigesetzt worden ist. Gatekeeper in Nachrichtenagenturen und Redaktionen sorgen dafür, dass sich die Bewertung des Angriffs auf die syrische Militärbasis nicht im Bewusstsein der Massen festsetzt.

Ein Name, der in westlichen Mainstream-Medien kaum im Zusammenhang mit dem Giftgas-Austritt von Chan Scheichun genannt wird, ist beispielsweise Theodore Postol.

Michael Lüders zu Gast bei Anne Will: Zusammen mit Jan van Aken widerspricht er der westlichen Propaganda zu Syrien, jetzt wird er selbst zum Ziel von Propaganda-Maßnahmen; Berlin 9. April 2017.

Postol: "Tollpatschiger Versuch der Vertuschung"

Der Chemiewaffenexperte und emeritierte Professor des Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat einen detaillierten Bericht verfasst. Auf 14 Seiten hinterfragt er die Aussagen des von US-Regierung freigegebenen vierseitigen Berichts, der als Beweis für Assads angebliche Urheberschaft des C-Waffen-Vorfalls vom 4. April dienen soll.

Der US-Bericht, so Postol,

enthält absolut keine Beweismittel dafür, dass der Vorfall das Resultat eines Munitionsabwurfs aus einem Flugzeug war. Tatsächlich enthält der Bericht überhaupt keine Beweismittel, die darauf hinweisen würden, wer der Urheber dieser Grausamkeit war.

Postol hat selbst Analysen durchgeführt und ist zu der Auffassung gelangt, dass der Vorfall in Idlib

darauf hinweist, dass die Munition fast sicher auf dem Boden platziert worden war, und auf ihr ein externer Sprengkörper, der detoniert ist.

Gegenüber dem Portal The Nation erklärte er sogar, er glaube, das Weiße Haus habe seine Beweise "fabriziert". Washington sei bei deren Erhebung "nicht im Einklang mit den dafür vorgesehenen Verfahrensregeln" vorgegangen, bevor es zu dem Schluss gekommen sei, dass Assad chemische Waffen gegen Chan Scheichun zum Einsatz gebracht habe. Postol vertrat die Auffassung, der Bericht stelle einen "tollpatschigen" Versuch dar, die Tatsache zu verbergen, dass Trump Assads Militärbasis ohne wirkliche Grundlage angegriffen habe.

Gegenüber The Nation mutmaßte Postol, dass man im Weißen Haus darüber besorgt sei, dass dies an die Öffentlichkeit dringen könnte. Dabei würde eine schlechte Optik von einen "rücksichtslosen Präsidenten entstehen, der handelt, ohne auf die Sicherheit des Landes zu achten und eine unweigerliche Eskalation und Konfrontation mit Russland riskiert".

Wurde Postol von der New York Times noch als "führender Waffenexperte" zitiert, hatte sie seinen Bericht 2017 komplett ignoriert.

In Großbritannien ist immerhin Jerry Smith zu Wort gekommen, der 2013 die UN-Mission zur Vernichtung der C-Waffen-Bestände in Syrien geleitet hatte. Smith warnte in einem Interview mit Jon Snow von Channel 4 vor voreiligen Schuldzuweisungen im Zusammenhang mit dem Vorfall von Chan Scheichun:

Wir müssen uns dessen in höchstem Maße bewusst sein, dass derzeit eine Reihe von Szenarien auf dem Tisch liegen. Ich denke, es ist verfrüht, wenn wir damit beginnen, den einen oder anderen Vorwurf zurückzuweisen.

Aufnahmen des US-Verteidigungsministeriums, auf denen vermeintlich der Einschlagskrater des syrischen Giftgas-Angriffs zu sehen sei.

Giftgas-Bestände in Rebellen-Hände durchaus denkbar

Auf die Frage, ob die Annahme plausibel sei, syrische Rebellen-Gruppen hätten chemische Waffen gelagert, erklärte Smith, dies sei "nicht jenseits der Bandbreite an Möglichkeiten", insbesondere bei extremen Rebellen-Gruppen.

Smith wies in diesem Zusammenhang Darstellungen zurück, wonach am Boden gelagertes Sarin-Gas im Fall eines Treffers mit konventionellen Waffen komplett aufgebraucht und zerstört worden wäre, sodass es sich nicht mehr hätte ausbreiten können.

Wird ein chemisches Waffenlager mit konventionellen Waffen getroffen, sei es

durchaus möglich, dass diese Munition nicht einfach dadurch vernichtet wurde, sondern dass die Sarin-Flüssigkeit ausgestoßen wurde und auch die Bevölkerung in dessen Umfeld in Mitleidenschaft gezogen haben könnte.

Ins gleiche Horn blies der frühere britische Botschafter in Syrien, Peter Ford. Auch er warnte vor voreiligen Schuldzuweisungen und wies darauf hin, dass neben der Möglichkeit eines tatsächlichen C-Waffen-Angriffs durch Assad das Giftgas auch von den Dschihadisten selbst am Boden gelagert worden sein könnte.

Gleiche Fehler wie vor dem Irak-Krieg

Ford warnte davor, die Fehler aus der Zeit vor der Irak-Invasion zu wiederholen und Stellen zu vertrauen, die eine politische Agenda verfolgen.

Damals waren Experten, Geheimdienste, Politiker davon überzeugt, dass Saddam über Massenvernichtungswaffen verfügt. Sie haben eine Reihe von Beweisen produziert, Fotos, Diagramme. Sie lagen alle falsch – und es ist möglich, dass sie jetzt wieder falsch liegen.

Auf die Bemerkung von BBC, er sei eine "relativ einsame Stimme", die vom Mainstream abweicht, erklärte Ford: "Wir können nicht unhinterfragt hinnehmen, was uns die sogenannte Geheimdienst-Community erzählt, nicht, wenn sie eine Agenda verfolgt."

Ford kritisierte die "leichtgläubigen Medien" und erklärte, Trump habe mit seinem Schritt den dschihadistischen Terroristen "tausend Gründe" gegeben, künftig False-Flag-Aktionen zu inszenieren, um die US-Armee zu weiteren Operationen zu veranlassen.

Dass Assad hinter dem Angriff stehe, hält Ford für fragwürdig. Dieser "mag zwar grausam und brutal sein, aber nicht irre. Es widerspricht jeder Logik, dass er sich mit all dem belasten würde, ohne militärisch davon zu profitieren".

Scott Ritter bei einem Auftritt bei Suny New Platz im Studley-Theater, 16. März 2006.

Auch der frühere CIA-Offizier Philip Giraldi hat den Narrativ der Trump-Regierung als "Augenwischerei" bezeichnet. Seine Kontakte seien schockiert über die Art und Weise, wie die Regierung Trump und die Medien die Geschichte verkauft hätten.

In einem Radiointerview mit Scott Horton erklärte Giraldi:

Die Geheimdienstinformationen bestätigen ziemlich genau das, was die Russen gesagt haben … nämlich, dass die syrische Armee ein Lager getroffen hat, in dem die Rebellen – die natürlich mit Al-Kaida verbunden sind – selbst Chemikalien gelagert haben, und dass dies eine Explosion verursacht habe, die in den Todesfällen resultiert habe. Tatsächlich ist die Information in dieser Hinsicht sehr klar.

Der edle Wilde und die Sehnsucht nach der verlorenen Eindeutigkeit

Die US-Medien verlassen sich jedoch weiterhin auf die gleichen Quellen, die bereits im Irak versagt haben – und auf terroristische Elemente aus dem Al-Kaida-Umfeld, die eine klare Motivation haben, zu lügen, zu betrügen und Anlässe zu schaffen, die den Westen dazu bringen könnten, militärisch gegen die Regierung Assad vorzugehen.

Politisch ist der Regime Change das Projekt, das die westlichen Staaten und ihre Verbündeten in der Region zu keiner Zeit aus den Augen verloren haben. Auf ihre Mainstream-Medien können sie sich dabei verlassen.

Russophobie, ideologische Verblendung, Blauäugigkeit gegenüber der islamistischen Bedrohung und die Sehnsucht nach Helden im postheroischen Zeitalter - auch wenn die "edlen Wilden" Mörder und Barbaren sind – tragen dazu bei, dass viele Menschen dem westlichen Narrativ glauben, weil sie ihm glauben wollen. Ein Assad als Ausgeburt des Bösen gibt der postmodernen Gesellschaft zudem ein kleines Stück jener Eindeutigkeit zurück, die sonst schon weitgehend aus ihrem Dasein verschwunden ist.

Entgegenlautende Analysen und Expertenmeinungen erzeugen nur unnötige kognitive Dissonanzen, vor denen westliche Politiker und Medien die Bevölkerung schützen wollen.

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