Ehemaliger UN-Chemiewaffenspezialist Scott Ritter widerspricht westlicher Giftgas-Erzählung

Ehemaliger UN-Chemiewaffenspezialist Scott Ritter widerspricht westlicher Giftgas-Erzählung
Scott Ritter bei einem Auftritt bei Suny New Platz im Studley-Theater, 16. März 2006.
Der Trump-Administration gilt das Wort islamistischer Gewaltextremisten mehr als das des russischen Außenministers. Leitender ehemaliger UN-Chemiewaffen-Inspekteur in Irak, Scott Ritter, bezweifelt die offizielle US-Darstellung der Tragödie in Khan Sheikhoun und erklärt auch warum.

von Reiner Rupp

So schnell wie Trump hat nicht einmal die deutsche Sozialdemokratie ihre Wahlversprechen über Bord geworfen. Kaum drei Monate nach seinem Amtsantritt hat der neue US-Präsident innerhalb weniger Tage wichtige Kernversprechen seines Wahlkampfs spektakulär entsorgt und auf den Kopf gestellt, nämlich die Trockenlegung des Morastes in Washington, Kampf gegen die Mainstream-Medien, Ende der weltweiten US-Regimewechselkriege, Kritik an der „obsoleten“ NATO, Aufbau konstruktiver Beziehungen zu Russland.

Ein syrischer Mann aus Idlib wird von türkischen medizinischen Versorgungsenheiten in ein Krankenhaus in der Grenzregion gebracht; Türkei, Hatay Provinz, 4. April 2017.

Seine prominenten Anhänger und großer Teile seiner Wählerschaft verstehen die Welt nicht mehr, wovon unzählige entsetzte, wütende und ratlose Reaktionen in den so genannten „Sozialen Medien“ zeugen. Aber das scheint Trump nicht zu kümmern. Eigenen Angaben zufolge rechtfertigt Trump seine neue Rolle als Kriegspräsident mit einem Foto, das ihn zum Umdenken gebracht habe.

Das Bild zeigt die bleichen, leblosen Körper kleiner Kinder. Die Fotos wurden von Unterstützern der islamistischen Gewaltextremisten in Syrien ins Internet gestellt. Seither gelten sie als Beweis für die unglaubliche Brutalität von Präsident Assad, der für den angeblichen Angriff der syrischen Luftwaffe mit dem absolut tödlichen, chemischen Kampfstoff Sarin verantwortlich gemacht wird.

Diese Erzählung verbreiteten alle westlichen Medien in Windeseile weltweit. Die zweifelhafte Herkunft der besagten Fotos, oder ob es überhaupt zur angeblichen Zeit am angeblichen Ort aufgenommen wurde, hinterfragte niemand, auch Trump nicht. Wie bereits bei früheren Zwischenfällen dieser Art, gilt auch diesmal das Wort eines bekannten Anhängers der mörderischen Al-Nusrah-Gruppe al-Qaida in Syrien für die westlichen Kriegstreiber als weitaus vertrauenswürdiger, als zum Beispiel das Wort des russischen Außenministers.

Auch die Tatsache, dass die Gewaltextremisten bereits zuvor Giftgas und eine primitive Form von selbst hergestelltem Sarin gegen Bevölkerungsgruppen in Syrien und Irak eingesetzt haben, ist kein Grund für die Mainstream-Medien, irgendwelche Zweifel an der Schuld Assads und damit implizit an den bösen Russen aufkommen zu lassen.

Diese Narrative der Medien, die Donald Trump noch vor einer Woche vehement als Lügenpresse beschimpfte, scheint der Präsident nun voll verinnerlicht zu haben. Auch Trump gefiel sich sichtlich in der Rolle des Obersten Kriegsherren, der so reagiert hat, wie es auch für seine Vorgänger war: Zuerst Bomben werfen und dann vielleicht Fragen stellen.

Für seinen ersten völkerrechtswidrigen Krieg wurde Trump dann von der Lügenpresse und den im Washingtoner Morast wühlenden Kriegstreibern aller Art über den grünen Klee gelobt. Endlich habe sich Trump seines Amtes würdig erwiesen, war der durchgängige und alles bestimmende Tenor in den US-Medien. Bezeichnend für gegenwärtige Stimmung in Washington ist, dass die Kongressabgeordnete der Demokratischen Partei, Tulsi Gabbard, Mitglied der Verteidigungsausschusses, in ihrer eigenen Partei einen Sturm der Empörung ausgelöst hat, nur weil sie Zweifel an dem von Trump übernommen Narrativ geäußert und dessen Cruise Missile Angriff auf Syrien verurteilt hat.

Die vielen Stimmen der Vernunft, die begründete Zweifel an der Mainstream-Geschichte geäußert haben und zuerst eine reguläre Untersuchung des angeblichen Chemiewaffeneinsatzes in Khan Sheikhoun forderten - also in einem Dorf, das von Al-Nusra und verbündeten Extremisten gehalten wird -, werden von den Massenmedien vollkommen ausgeblendet.

Das gilt auch für den renommierten und erfahrenen, ehemaligen UN-Chemiewaffen-Inspekteur Scott Ritter. Der ehemalige US-Oberst und Chemiewaffenspezialist wurde im Vorfeld des zweiten US-Irak-Kriegs von 2003 bekannt. Er ist bis heute wegen seiner damaligen mutigen Kritik an den offiziell von der US-Regierung verbreiteten Lügen über die nicht vorhanden irakischen Chemie- und Biowaffen weltweit geachtet.

Niemand in den Main Stream Medien, weder in den USA noch in Deutschland kam auch nur auf den Gedanken, den ehemaligen Leiter der US-Inspekteur in Irak Scott Ritter zum angeblichen Chemiewaffeneinsatz Assads in Khan Sheikhoun zu befragen. Die einzige Ausnahme war die Online-Zeitung Huffington Post, wo Ritter einen eigenen Blog-Eintrag veröffentlichte.

Ex-CIA-Offizier und Terrorismusexperte Giradi

In seinem Artikel von letztem Sonntag, der so gut wie nirgendwo in den westlichen Medien aufgegriffen wurde, machte Ritter deutlich, dass die aktuellen Behauptungen falsch sind, Präsident Assads Syrische Arabische Armee habe einen Chemiewaffenangriff durchgeführt. Hier folgen eine Auszüge aus seinem Beitrag, mit denen er seine Einschätzung belegt.

„Eine Art von chemischem Zwischenfall hat in Khan Sheikhoun stattgefunden. Die große Frage ist jedoch, wer für die Freisetzung der Chemikalien verantwortlich ist, die den Tod von so vielen Zivilisten verursacht haben.

Keiner bestreitet die Tatsache, dass ein SU-22 Kampfbomber der syrischer Luftwaffe am Morgen des 4. April 2017 eine Bombenmission gegen ein Ziel in Khan Sheikhoun durchführt hat. Die Anti-Regime-Aktivisten in Khan Sheikhoun haben jedoch eine Erzählung verbreitet, wonach die syrische Luftwaffe die schlafende Zivilbevölkerung mit chemischen Bomben belegt hat.“

Eine kritische Information ist laut Ritter bei der Berichterstattung in den Mainstream-Medien weitgehend untergegangen, nämlich der Hinweis, dass es sich bei Khan Sheikhoun um eine Hochburg der als „Opposition“ firmierenden, islamistischen Gewaltextremisten handelt, die seit dem Jahr 2011 im Zentrum der Anti-Assad-Bewegung in Syrien stehen. Bis Februar 2017 sei Khan Sheikhoun von einer Pro-ISIS-Gruppe namens Liwa al-Aqsa besetzt gewesen.

Diese lieferte sich öfters blutige Kämpfe mit ihrer Konkurrenzorganisation Al-Nusra Front. Dabei sei es um Geldquellen und politischen Einfluss in der lokalen Bevölkerung gegangen. Die Al Nusra Front hat zwar inzwischen ihren Namen in Tahrir al-Sham gewechselte, aber sie funktioniere weiter als der Arm von Al-Qaida in Syrien. Wörtlich führt Ritter weiter aus:

„Es ist diese Al Nusra Front, die eine lange Geschichte mit der Herstellung und dem Einsatz von meist selbstgebauten chemischen Waffen verbindet; so auch mit dem Chemie-Angriff im Jahr 2013 auf den syrischen Ort Ghouta, bei dem sie das lokal hergestellte Sarin-Nervengift eingesetzt hat. Während der Angriffe in und um Aleppo im Jahr 2016 hat dieselbe Gruppe eine Mischung aus Chlor und weißem Phosphor benutzt.“

„Direkt, von Anfang an hatten die Anti-Assad-Medien den Khan Sheikhoun-Vorfall als Angriff mit "Sarin-Nervengift“ bezeichnet und (für die nachfolgende Diskussion entsprechend) markiert. Ein Arzt, der mit Al-Qaida verbunden ist, schickte Bilder und Kommentare über soziale Medien, die Symptome wie erweitert Pupillen dokumentierten, die er als Beweis für den Kontakt mit Sarin Nervengift diagnostizierte. Sarin ist jedoch ein geruchloses und farbloses Material, das entweder als Flüssigkeit oder Dampf versprüht wird. Augenzeugen in Khan Sheikhoun sprechen jedoch von einem „scharfen Geruch" und „blau-gelben" Wolken, was mehr für Chlorgas spricht.“

„Auch gibt es keine Bilder von Opfern am Schauplatz des Angriffs.“

Und dann erklärt der erfahrende Chemiewaffen-Inspekteur, warum es sich nicht, wie behauptet, um Sarin gehandelt haben kann:

„Der Mangel an brauchbarer Schutzkleidung bei der Handhabung der Opfer durch das "weiße Helme" tragende Hilfspersonal, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass es sich bei der fraglichen Chemikalie nicht um militärische Sorten von Sarin gehandelt hat. Wenn es so gewesen wäre, wäre, wären die Retter selbst zu Opfern geworden. (Einige Berichte sprechen nur von diesem Phänomenen, aber dies geschah an der Stelle, wo der Angriffs stattgefunden hatte und wo die Retter von einer "scharf riechenden" Chemikalie überwältigt wurden. Nochmals: Sarin ist geruchlos.)

Die Weltgesundheitsorganisation hat allerdings angedeutet, dass die Symptome der Khan Sheikhoun-Opfer mit Sarin- und Chlor-Kontakt übereinstimmen. Amerikanische Medien haben sich auf die WHO-Erklärungen und ähnlich türkische Verlautbarungen als "Beweis" für die Verantwortung der syrischen Regierung gestürzt. Jedoch würde jeder Kontakt mit einer Mischung aus Chlor und weißem Phosphormischung, die Al Nusra bereits als chemischen Waffen eingesetzt hat, ähnliche Symptome hervorrufen.“

Soweit Scott Ritter. Mit ähnlichen Worten hat auch Hans Blix - der ehemalige Chef der UN-Überwachung-, Verifizierungs- und Inspektionskommission – zur Vorsicht gemahnt und vor vorschnellen Aktionen gewarnt. Es war Blix, der vor dem Irak-Krieg 2003 ebenfalls öffentlich seine Stimme erhoben hatte und die Welt aufklärte, dass die Bush-Regierung die angebliche Bedrohung durch die Waffen des Iraks stark übertreibe. Zu dem aktuellen chemischen Vorfall in Syrien sagte Blix:

„Nur die Bilder von Opfern hochzuhalten, mit denen die ganze Welt in Schrecken versetzt wird, stellen nicht unbedingt einen Beweis dafür dar, wer es getan hat“.

Solche Argumente will jedoch kaum jemand in der politischen Klasse hören. Vernunft walten zu lassen könnte scheinbar die Aussicht auf den nächsten Krieg verderben. Stattdessen wird der Wahnsinn lieber noch eine Stufe höher getrieben. So meldete die Nachrichtenagentur AP am 11. April unter Berufung auf ein hochrangiges Regierungsmitglied, dass die Trump-Regierung „zu dem Schluss gekommen” sei, dass „die Russen letzte Woche im Voraus von dem Chemiewaffenangriff” der syrischen Armee gewusst hätten. 

Auch über dieses verrückte Stöckchen, das ihm die noch vor kurzem von ihm bekämpften Kriegtreiber hingehalten haben, ist Trump artig gesprungen. Am Rande der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Generalsekretär der plötzlich „nicht mehr obsoleten“ NATO sagte Trump:

„Ich wäre froh, wenn ich sagen könnte, dass die Russen nichts von dem Giftgasangriff gewusst hätten“.

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