Kommentare aus Russland zu US-Angriff: "Washington den gesunden Menschenverstand zurückbringen"

Kommentare aus Russland zu US-Angriff: "Washington den gesunden Menschenverstand zurückbringen"
Soldaten der russischen Armee auf dem Luftwaffenstützpunkt Hmeimim in Syrien, April 2016.
Russische Experten meinen, der innenpolitisch angeschlagene Trump versuche mit einem Militärschlag seine Position zu verbessern. Die Situation zwischen Russland und den USA sei vergleichbar mit der Raketenkrise auf Kuba im Jahr 1962.

von Ulrich Heyden, Moskau

Der russische Fernsehkanal Rossija 24 veröffentliche heute erste Video-Aufnahmen vom syrischen Luftwaffenstützpunkt Schairat, der in der letzten Nacht von zwei US-Kriegsschiffen mit 59 Tomahawk-Raketen beschossen worden war. Man sieht Löcher im Rollfeld und Trümmerteile. Der Flughafen, welcher der syrischen Luftwaffe für Angriffe gegen den IS dient, sei „völlig zerstört“, meldete eine Nachrichtensprecherin. Die Beton-Unterstände für Kampfflugzeuge waren leer. Nur in einem Unterstand sah man ein Kampfflugzeug.

Ein russischer Reporter berichtete von Bränden und sieben toten syrischen Soldaten auf der Luftwaffenbasis. Aufräumungsarbeiten seien im Gang. Nicht nur der Luftwaffenstützpunkt sondern auch andere Infrastrukturobjekte in der Region seien mit Tomahawks angegriffen worden.

Der Fernsehkanal meldete, dass der IS den amerikanischen Raketenangriff genutzt habe, um entlang der Straße Homs-Latakia Stellungen der syrischen Truppen anzugreifen. Die Nachrichtensprecherin erklärte, der amerikanische Luftangriff langfristig vorbereitet worden sei, lange vor dem angeblichen Chemiewaffenangriff syrischer Streitkräfte in Idlib.

Lawrow zieht Parallele zum Beginn des Irak-Krieges

Der russische Außenminister Sergej Lawrow verglich den Angriff auf die Luftwaffenbasis Schairat mit dem von den USA und Großbritannien ausgeführten Angriff auf den Irak im Jahr 2003. Mit dem Luftschlag auf die syrische Luftwaffenbasis wolle die USA von der Tätigkeit der Organisation Dschebchat-An-Nusra ablenken. Offenbar wolle der Westen diese – vom UNO-Sicherheitsrat als terroristisch bezeichnete - Organisation schützen, um mit ihrer Hilfe den syrischen Präsidenten Assad zu stürzen.

Der Luftschlag gegen Schairat füge den ohnehin schwierigen russisch-amerikanischen Beziehungen weiteren Schaden zu. Lawrow erklärte, die US-Regierung „spekuliere mit Fotos von Kindern“, „Betrüger mit weißen Helmen“ würden „verschiedene Spiele spielen“. Russland fordert die sofortige Entsendung von internationalen Beobachtern in die Region, wo es den Chemiewaffen-Vorfall gab.

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, erklärte, die Anwesenheit von Soldaten der USA und anderer Staaten in Syrien, ohne Zustimmung des Landes und ohne eine Entscheidung des UNO-Sicherheitsrates, ist eine "klare und grobe Verletzung des internationalen Rechts".

Während die Anwesenheit von US-Soldaten in Syrien mit dem Kampf gegen den Terrorismus begründet wurde, so sei jetzt klar, dass es sich um einen klaren Akt der Aggression gegen den souveränen syrischen Staat handelt. Dass Syrien in Idlib Chemiewaffen eingesetzt hat, sei gar nicht möglich, da das Land keine Chemiewaffen mehr besitzt.

Dies sei von internationalen Experten der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen, die alle syrischen militärisch-chemischen Objekte inspiziert habe, bestätigt worden. In Idlib – so Sacharowa - hätten Terroristen Chemiewaffen für den Einsatz in Syrien und dem Irak hergestellt. Die syrische Luftwaffe habe einen Schlag gegen die Chemiewaffenproduktion der Terroristen ausgeführt.

Leonid Slutski, Vorsitzender des Komitees für internationale Beziehungen, erklärte, man könne nicht ausschließen, dass die Chemiewaffen-Attacke „in Wirklichkeit eine Provokation des Westens war“. Mit dieser Provokation versuche „der Westen auf seinen früheren Kurs zurückzukehren“. Mit dem Raketenangriff auf Schairat versuchten die USA von der Situation im Irak abzulenken, wo unter den Angriffen der amerikanischen Luftwaffe eine große Zahl friedlicher Bürger sterbe.

Nicht alle Kandidaten für die Präsidentschaft teilen die Ansichten des aktuellen Amtsträgers François Hollande.

„Nur Wahlkampfversprechen von Trump“

Slutzki erklärte, „wir hofften auf Trump“. Er habe „im Wahlkampf hundertmal gesagt, das man gute Beziehungen zu Russland braucht“. Doch das sei nur Wahlkampf-Rhetorik gewesen. Das konservative und religiöse Amerika „war nicht einverstanden von Obamas Traum der Weltherrschaft, und dass man sich nicht um einfachen Amerikaner kümmert“.

Trotz allem müsse „der Dialog mit den USA wieder aufgebaut werden“. Man müsse „Washington zum gesunden Menschenverstand zurückbringen.“ Es sei wichtig, mit US-Parlamentariern und der amerikanischen Zivilgesellschaft sprechen. Russland in der Weltöffentlichkeiten zu demoralisieren werde nicht gelingen. Die Weltöffentlichkeit verstehe von Tag zu Tag mehr, dass Russland in Syrien eine friedensstiftende und die USA eine destruktive Rolle spielen.

Jewgeni Satanowski, Leiter des Moskauer Nahost-Instituts erklärte, die russisch-amerikanischen Beziehungen könnten sich so „stürmisch entwickeln wie in der Kuba-Krise“. Russland müsse jetzt angemessen handeln, auch Präsident Assad und der Iran müssten reagieren. Wie man reagieren müsse, sagte Satanowski nicht. Die Position von Trump sei geschwächt, so der Experte. Er habe nicht die Unterstützung des US-Establishments. Der US-Kongress wolle keinen Krieg in Syrien.