Die Erde als toxischer Planet: Leben in der Anthropozän

Die Erde als toxischer Planet: Leben in der Anthropozän
Kontrolliertes Abbrennen von ausgeflossenem Öl im Golf von Mexiko; 13. Juni 2010.
Der Mensch verändert den Lebensraum so nachhaltig, dass Wissenschaftler ein neues Zeitalter einläuten wollen, welches sie als Anthropozän bezeichnen. Aber der menschengemachte Lebensraum ist hoch toxisch und verursacht Gesundheitsrisiken.

Leben im Zeitalter der Anthropozäne: Wissenschaftler schlagen eine Neubezeichnung unseres Zeitalters vor, weil der Mensch unumkehrbar Einfluss auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde genommen habe. Alljährlich werden 250 Milliarden Tonnen Chemikalien in unseren Lebensraum entlassen. Diese finden sich in den Tiefen unsere Ozeane ebenso wie an den Spitzen des Mount Everest.

Julian Cribb, seines Zeichens Wissenschaftskommunikator und Autor des Buches "Surviving the 21st Century", erklärt dazu:

In jedem Moment unseres Lebens werden wir tausenden Substanzen ausgesetzt. Sie gelangen in unsere Körper über die Atemwege, Essen und Trinken, Kleider und Kosmetik sowie Nutzgegenstände in unseren Haushalten, Arbeitsstätten und Reisen.

In Accra, Ghana arbeiten auch Kinder auf großen Mülldeponien als Burner.

Risiken, die mit chemischen Emissionen von Menschenhand einhergehen, werden unterschätzt und bedrohen die Menschheit, heißt es weiter. Probleme entstehen, so Cribb, durch die Mischung von Chemikalien in der Umwelt, die zusammen eine toxische Gefahr darstellen. Gesundheitsstudien vernachlässigen diesen Faktor, erklärt der Autor.

Er steht mit seiner Einschätzung nicht alleine. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass jedes Jahr 12 Millionen Menschen an Krankheiten sterben, die auf die Verschmutzung von Luft und Wasser zurückzuführen sind. Die WHO hat zehn schwerpunktmäßige Gefahrenmomente identifiziert, die Risiken für die Gesundheit darstellen:

Luftverschmutzung, Arsen, Asbest, Benzol, Kadmium, Dioxin, ein Übermaß an Fluoriden, Blei, Quecksilber und hochgiftige Pestizide.

Ein Drittel der Herzkrankheiten und 42 Prozent der Schlaganfälle weltweit könnten verhindert werden, wenn Menschen in geringerem Maße chemischen Substanzen ausgesetzt wären. Asthma, Erkrankungen der Atemwege, aber auch ADHS, Übergewicht oder Erblindung durch den grauen Star sind auf die Vergiftung unseres Lebensraums zurückzuführen.

Selbst 20 Prozent der globalen Suizide in Ländern wie Indien, China und Lateinamerika könnte man, so die WHO vermeiden. Denn Menschen in den genannten Ländern bedienten sich vor allem chemischer Substanzen, um Suizid auszuüben. Welche Auswirkungen toxische Substanzen auf die psychische Gesundheit der Menschen haben, darüber gibt es nach Ansicht der WHO aber noch nicht genügend Erkenntnisse. 

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Studien zeigten, dass bereits Neugeborene toxische Chemikalien in ihren Körpern haben. Alle Neugeborenen, die an einer Studie des WWF 2005 teilnahmen, wiesen chemische Substanzen in ihrem Nabelschnurblut auf, welche sie durch die Mutter aufgenommen hatten. Der Europäische Rat der Verbände chemischer Industrien wiegelte damals ab. Es sei nicht nachgewiesen, dass hierdurch Gesundheitsrisiken entstünden.

Einen Weg in eine grünere Zukunft versucht unterdessen Dänemark. Im Februar unternahm Dänemark ein Experiment und generierte erstmals ausreichend Energie durch Wind, um den gesamten Energiebedarf des Landes zu decken. Windkraftanlagen zu Wasser und auf dem Land lieferten den Saft für zehn Millionen Haushalte. 

Auch Indien versucht den Umstieg auf erneuerbare Energieressourcen. Steuergelder von Firmen, die von fossilen Brennstoffen profitieren, will das Land in die grüne Energiegewinnung investieren. Die indische Regierung hat bereits 1,8 Milliarden US-Dollar auf diesem Weg zusammengetragen. Bis 2022 sollen 174 Gigawattstunden Strom auf erneuerbarem Wege produziert werden. Die Regierung hat sich das Ziel auferlegt, Schadstoffemissionen bis 2030 um 25 Prozent zu reduzieren.

Cribb identifiziert in seinem Buch jedoch eine weitere Gefahr und beschreibt den menschlichen Kiefer als die größte Bedrohung für unsere Zukunft. Bis 2060 müsse die Lebensmittelherstellung verdoppelt werden. Die Risiken für den Hungertod, für Massenmigration und Kriege um Ressourcen steigen. Die Herstellung jeder Mahlzeit koste unseren Planeten im Durchschnitt zehn Kilo an Mutterboden, 800 Liter Wasser, 1,3 Liter Diesel und 0,3 Gramm Kohlendioxid.

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In neuerer Zeit haben die Menschen durch die Veränderung der Natur 208 neue Mineralien geschaffen. Diese machen vier Prozent der insgesamt 5.208 bekannten Mineralien der Erde aus. Die Mehrzahl der von Menschenhand geschaffenen Mineralien stammt aus dem Abbaubetrieb.

Investitionen in eine grüne Zukunft rechnen sich, erklären die Befürworter grundlegender Energiereformen. Dänemark spart durch die Verbesserung der Atemluft alljährlich 0,1 bis 2,6 Millionen Euro pro 100.000 Einwohnern ein. Produktivitätsausfälle durch Krankheiten unter 100.000 Dänen zwischen 50 und 70 Jahren, die auf Umweltprobleme zurückzuführen sind, schätzten Experten zuvor auf 1,8 Millionen Euro.

Allein das indische Mumbai wendet alljährlich 218 Millionen US-Dollar für die Behandlung von Krankheiten durch Luftverschmutzung auf. Cribb sieht nur einen einzigen Ausweg aus der Misere: Die Konsumenten müssten eine Abkehr chemisch verseuchten Produkten vollziehen. Es müsse eine globale Allianz der Verbraucher zum Boykott toxisch verseuchter Chemikalien geben.