Mysteriöse nukleare Strahlung über Europa: "Geheimer russischer Atomtest" war Störfall in Norwegen

Der Forschungsreaktor Halden in Norwegen hätte im Oktober 2016 beinahe eine Katastrophe verursacht. Gesamtansicht des Forschungsreaktors; Oktober 2016.
Der Forschungsreaktor Halden in Norwegen hätte im Oktober 2016 beinahe eine Katastrophe verursacht. Gesamtansicht des Forschungsreaktors; Oktober 2016.
Ein atomarer Störfall in Norwegen aus dem Jahr 2016, über den die Öffentlichkeit erst jetzt erfährt, war der Grund für die mysteriöse nukleare Wolke, die sich über Europa bewegte. Die USA hatten gar ein Flugzeug für nukleare Messungen verlegt. Sie sahen Russland als Ursache des Übels.

Das Mysterium rund um die radioaktive Wolke über Europa, über die auch RT-Deutsch berichtet hatte, ist keines mehr.

Anfang 2017 bemerkte man ungewöhnliche Messwerte, die zudem ergaben, dass Jod-131 über Europa in der Luft war. Jod-131 ist menschengemacht und tritt vor allem nach Atomwaffentests und Reaktorunglücken aus. Durch den als Fallout bezeichneten nuklearen Regen gelangen die hohen Jod-Konzentrationen in die Körper der Menschen und hinterlassen irreparable Schäden.

Deutsche Messungen sahen jedoch die im Januar gemessene Jod-131-Konzentration auf dem Boden als ungefährlich an. Dennoch stationierten die Amerikaner ihre nukleare Spürnase "Sniffer" in Großbritannien und zogen diese aus Korea ab. 

Da es unmöglich war, zeitnah die Quelle zu orten, führte die Nachricht zu wildesten Spekulationen. Hoch im Kurs standen dabei russische Atomwaffentests. Die Vermutung eines Störfalls auf europäischem Gebiet war nicht massentauglich genug und man verfolgte sie deshalb mit entsprechend wenig Nachdruck. Der "russische Aggressor" als Verursacher bot sich viel bereitwilliger an. So titelte die BILD:

Quelle: Screenshot BILD Online

Die britische Daily Mail spekulierte über geheime russische Atomttests als Ursache der erhöhten Strahlenwerte:

Quelle: Screenshot Daily Mail

Mittlerweile hat sich jedoch auch bis zur Presse ein Störfall herumgesprochen, der sich an der norwegischen Grenze zu Schweden zutrug. Der Forschungsreaktor Halden hätte beinahe im Oktober 2016 eine Katastrophe verursacht. In Halden werden gefährliche Wissenschaftsexperimente durchgeführt. Die Forscher dort setzen den Stoff Thorium im Spaltungsprozess ein. 

Ein Arbeiter misst die Strahlung eines Busfensters der Firma TEPCO (Tokyo Electric Power Company) in Fukushima, 12. Juni 2013.

Der Vorfall im Oktober entstand durch beschädigte Brennelemente, mit denen Angestellte des Halden-Reaktors hantierten. Über das Lüftungssystem gelangte Radioaktivität in die Umwelt, was letztendlich zu den ungewöhnlichen Messwerten in Skandinavien, Deutschland, Frankreich und Spanien führte. Auf den Störfall folgte breite Kritik, denn die Betreiber haben die Atombehörde zu spät in Kenntnis gesetzt. Die Betreiber räumten erst nach einer Woche ein, dass es sich hier um eine kritische Situation gehandelt hat. 

Innerhalb Europas gibt es 186 Atomanlagen, von denen 128 noch aktiv betrieben werden. Frankreich ist Spitzenreiter mit 58 Atomreaktoren. Viele der Anlagen sind veraltet. Zwar brachte die Katastrophe von Tschernobyl 1986 einen Denkanstoß hin zu alternativen Energiequellen, aber ein Europa frei von atomarer Energiezufuhr liegt noch in weiter Ferne. Ein Viertel der europäischen Energiegewinnung, in insgesamt 14 EU-Mitgliedstaaten, läuft noch heute über die Nuklearenergie.

Nicht nur die Angst vor einem Störfall bestimmt die Debatten um die Atomkraft, auch die Anfälligkeit gegenüber terroristischen Angriffen sorgt für Bedenken hinsichtlich des Betriebs der Anlagen. In den USA setzt die Nuclear Regulatory Commission (NRC) die Sicherheitsstandards für die Atomanlagen. Erstmals kam dort nach 9/11 die Diskussion um Atommeiler als terroristische Ziele in der Öffentlichkeit auf.

US-Präsident Donald Trump betont, er wolle die globale militärische Vormachtstellung der USA auf allen Ebenen aufrechterhalten.

Greenpeace warnte 2010 vor einem möglichen Angriff von Terroristen auf deutsche Atomkraftwerke mit panzerbrechenden Raketen. Aber es seien nicht einmal gravierende Vorkommnisse notwendig, um einen ernsthaften Störfall durch Außeneinwirkung herbeizuführen. Den Atomkraftwerken fehlt der notwendige Schutz, erklärte die Umweltorganisation.

In Schweden machte Greenpeace den Selbstversuch und brach ohne Probleme in das Refugium des Atomkraftwerks Forsmark ein. Die Aktivisten waren dabei unbewaffnet. Bewaffnete Terroristen hätten sich noch schneller den Zugang zu dem Gebäude verschaffen können. Auch aus der Ferne, mithilfe von Gewehrgranaten, ließe sich die Stromversorgung eines Reaktors kappen und eine atomare Katastrophe herbeiführen.

Die Gefahr in Halden ist indes noch nicht gebannt. Die norwegische Strahlenschutzorganisation NRPA entzog dem Betreiber nach dem Vorfall vorerst die Lizenz, bis alle Fehler behoben worden sind. Die Öffentlichkeit blieb lange in Unkenntnis über den ernstzunehmenden Störfall.

ForumVostok