Barbaren des 21. Jahrhunderts: Religiöse Fanatiker zerstören Kulturdenkmäler im Nahen Osten

Barbaren des 21. Jahrhunderts: Religiöse Fanatiker zerstören Kulturdenkmäler im Nahen Osten
Die zerstörte Buddha-Statue im Tal von Bamiyan
Am 26. Februar 2001 zerstörten die Taliban in Afghanistan zwei gigantische Buddha-Statuen aus Stein. Diese barbarische Aktion wurde zum Vorspiel eines "Krieges mit der Geschichte", der sich daraufhin im Nahen Osten ausweitete.

Bilderstürmerei hatte in Europa über Jahrhunderte hinweg radikale Umstürze und totalitäre Entwicklungen begleitet und symbolisierten den Willen zum Bruch mit der eigenen Geschichte. Beispiele dafür lieferten die Reformation, die Französische Revolution oder die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts. 

Mittlerweile hat der politisch oder religiös motivierte Ikonoklasmus vor allem in der islamischen Welt Platz gegriffen. Seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts zerstörten religiöse Fanatiker dort unzählige altertümliche Denkmäler.

Die Buddha-Statuen von Bamiyan

Die Steinstatuen in Afghanistans Tal von Bamiyan wurden vor 1.500 Jahren in eine Felswand eingearbeitet. Sie waren 37 und 55 Meter hoch und zählten zu den Meisterstücken der buddhistischen Kultur. Das Tal selbst und die Kulturschätze galten als UNESCO-Weltkulturerbe. Jedoch haben weder die Größe und das Alter der Denkmäler noch deren kulturelle Bedeutung die Taliban davor abgehalten, diese zu sprengen. Im Rahmen des Kampfes gegen die Verehrung von Götzen verabschiedete der damalige Anführer der Terrororganisation, Mullah Omar, einen Erlass über die Vernichtung aller Skulpturen auf afghanischem Territorium.

Einige Experten sind der Meinung, dass der wahre Hintergrund der Zerstörung der Buddha-Statuen ein Befehl der pakistanischen Geheimdienste war. Ihr Ziel sei es gewesen, das historische Erbe Afghanistans auszuradieren, um dessen Geschichte neu zu formatieren und dessen Identität zu untergraben.

Da die riesigen Figuren sehr widerspenstig waren, mussten die Terroristen große Mühe aufwenden, um sie zu zerstören. Ein afghanischer Bauarbeiter, der als Augenzeuge anonym bleiben möchte, erzählte in einem Interview mit RT:

Zuerst versuchten die Taliban, die Statuen durch Artilleriebeschuss zu zerstören. Das Material, aus dem die Figuren bestanden, war jedoch so widerstandsfähig, dass es ihnen sehr lange nicht gelang, sie zu zerstören. Danach zogen sie die örtlichen Ingenieure hinzu, die die Residenz von Mullah Mohammed Omar, des Kopfs der Taliban, gebaut hatten. Sie wurden gezwungen, einen Plan zur Vernichtung der Statuen auszuarbeiten. Man entschied sich dazu, Löcher in die Denkmäler zu bohren und legte Sprengladungen hinein. Die notwendige Menge an Sprengstoff, ungefähr 70 bis 80 Tonnen TNT, wurde mit zwei Lastwagen aus Pakistan geholt.

Kampf gegen die Zivilisation

Noch 2001 schien die Zerstörung der Buddha-Statuen eine undenkbare Barbarei zu sein. Sie schien etwas Außerordentliches darzustellen. Einige Jahre später führt der IS die Vernichtung von Kulturdenkmälern am laufenden Band durch und hat seinen eigenen Kampf gegen die Zivilisation begonnen. Heute entspricht der "Kampf mit der Geschichte" einer gut geplanten Operation.

"Es werden planmäßig Denkmäler vernichtet, die einen Sinn für die Zivilisation haben. Die Fanatiker sind hierbei nur Instrumente. Hinter ihnen stehen Menschen, die wie nach Plan Kulturgegenstände zerstören, die vom Menschen geschaffen wurden. Genau das ist das wahre Böse", teilte Araik Stepanyan, der Sekretär der Akademie für geopolitische Probleme, in einem RT-Interview mit. Er fuhr fort:

Wir können nicht sagen, wie genau es aussieht, dieses Böse. Aber es führt einen planmäßigen Kampf gegen die menschliche Zivilisation. Die Buddha-Statuen, Palmyra, der ausgeraubte Irak etc. sind alles Glieder einer Kette. Die Auftraggeber sitzen in teuren Palästen an der Küste des Mittelmeers oder in den USA.

Ihren Vandalismus stellen die Extremisten auf eine religiöse Grundlage. Die Zerstörung von Kulturdenkmälern bezeichnen sie als den Kampf gegen das Heidentum und positionieren sich als die vermeintlich "wahren" Kämpfer des Islam.

Tigran Mkrtytschew, der stellvertretende Direktor des Staatlichen Museums des Ostens für Wissenschaftsfragen, erklärte gegenüber RT:

Die Religionslinie wird vorangetrieben. Wir wissen aber genau, dass der Koran die Abbildung von Lebewesen nicht verbietet. Dort ist nur davon die Reden, dass der Künstler sich Gott nicht angleichen soll. Dennoch existieren einfach keine kanonischen Verbote einer Abbildung von Lebewesen. Wenn also heute Menschen Denkmäler zerstören und dabei an den Islam appellieren, so ist es reine Spekulation, die auf keiner religiösen Grundlage fußt. Die heutigen Zerstörer sprechen nicht über den Islam, wenn sie ihre Handlungen durchführen. Sie drücken so eher ihre politische Position aus.

Eine der Münzen, die der IS über die Türkei schmuggelt

Allerdings waren nicht nur altertümliche und christliche Erbgüter von die Zerstörungswelle der Extremisten betroffen, sondern auch islamische Heiligtümer.

Anzumerken ist zudem, dass der Kampf gegen die Denkmäler nicht altruistisch ist, denn er bringt gute Einnahmen. Die Zerstörer arbeiten eng mit Schmugglern zusammen. Der Strom an antiken Gegenständen aus dem IS-Territorium fließt unaufhörlich weiter in den Westen. Auf dem Schwarzmarkt für Kunstgegenstände sind heute Artefakte aus den geplünderten Museen im Irak und Afghanistan sowie Fragmente der in Syrien vernichteten Denkmäler zu finden.

Die Ruinen des Irak

Die Ersten, die dem Beispiel der Taliban folgten, waren die Kämpfer von Al-Kaida. Im Jahr 2006, während des Bürgerkriegs im Irak, haben die Extremisten die Al-Askari-Moschee, ein schiitisches Heiligtum aus dem Jahr 944, zerbombt. Ihre goldene Kuppel wurde völlig zerstört.

Die Al-Askari-Moschee im Jahr 1963

Neun Jahre später zerstörte die Terrormiliz IS einen wesentlichen Teil des kulturellen Erbes des Irak vollständig. Eine Einschätzung des Ausmaßes der damit verbundenen kulturellen Katastrophe ist bis heute unmöglich.

Die alte orientalische Stadt Nimrud, die zweite Hauptstadt des Assyrischen Reiches, wurde vom IS vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Vor geraumer Zeit wurden hier unzählige Artefakte aus Elfenbein gefunden, die dem Zeitraum vom 9. bis zum 8. Jahrhundert v. Chr. zugeschrieben werden. Außerdem fand man in der Bibliothek des Tempels der Stadt wichtige antike Vertragsurkunden.

Die modernen Barbaren verschonten auch nicht den eindrucksvollen Palast des Königs Assurnasirpal des Zweiten. Ähnlich planmäßig und erbarmungslos wurde die antike Stadt Hatra vernichtet, die als eine der am besten erhaltenen Städte der Epoche des Partherreichs galt. Dieses existierte zwischen dem 1. und 2. Jahrhundert.

Ein US-Soldat sieht zu, wie Mitarbeiter des archäologischen Museums Bagdad wiedergefundene gestohlene Kunstschätze nach der US-Invasion zurück ins Museum tragen; 24. April 2003.

Einen besonderen Hass empfinden die radikalen Islamisten gegenüber Museen und Bibliotheken. Im Norden des Irak, wo heute die Wohnstätte Chorsabad liegt, befand sich vor 2.700 Jahren die Hauptstadt des Assyrischen Reiches Dur Šarrukin. Hier haben die Extremisten einige Museumslagerräume geplündert und eine Reihe von Denkmälern zerstört.

Eine noch viel größere Resonanz löste der Überfall auf das berühmte Museum in Mossul aus, der mit der demonstrativen Zerstörung der Ausstellungsgegenstände verbunden war. Die Kämpfer des IS zerschlugen mit Vorschlaghämmern einige Statuen der assyrischen Epoche. Dazu gehörte auch die Darstellung eines Lamassu, eines assyrischen Fabelwesens mit Stierkörper, bärtigem Männerkopf und Flügeln, aus dem 9. Jahrhundert vor Christi.

Die Terroristen verschonten auch Mossuls Hauptbibliothek nicht. Sie sprengten sie und beraubten die Menschheit dadurch für immer der 10.000 Bücher und 700 seltenen handschriftlichen Skripte, die dort aufbewahrt wurden. Ähnliches geschah auch mit den anderen Bibliotheken der Stadt.

Auch die jahrhundertealten Moscheen der Stadt Mossul wurden von den Extremisten nicht verschont: Der IS sprengte 2014 die Prophet-Georg-Moschee, die Jonas-Moschee und die Imam-Aun-bin-al-Hasan-Moschee.

Im letzten Jahr zerstörten die Terroristen auch das Nergal-Tor, ein 2.000 Jahre altes Architekturdenkmal in der Vorstadt von Mossul. Einst war dieses Teil der Stadtmauer der assyrischen Stadt Ninive.

Syrien ohne antikes Erbe

Auch während des Syrien-Konflikts wurden viele Städte des Landes stark zerstört. Die Kulturdenkmäler, die sich auf dem vom IS besetzten syrischen Territorium befinden, wurden mehr als in Mitleidenschaft gezogen. In diesem Fall ist vor allem das, was sich im von dschihadistischen Extremisten besetzten Aleppo abspielte, kennzeichnend. Die Stadt ist ungefähr 8.000 Jahre alt und gilt somit als eine der ältesten Städte der Welt. Einige Dutzend großer historischer Architekturdenkmäler wurden vollkommen zerstört und ungefähr 50 wurden teilweise beschädigt. Starken Schaden genommen hat auch die antike Zitadelle der Stadt, die vor 5.000 Jahren errichtet wurde.

Die antike Zitadelle der Stadt Aleppo

Zerstört wurden außerdem auch zwei syrische Festungen: die Qalʿat Salah ed-Din und die Qalʿat al-Ḥuṣn. Sie waren die Hochburgen der Kreuzritter im 10. und 11. Jahrhundert. Seit 2006 standen sie unter dem Schutz der UNESCO und galten zusammen als Welterbestätte, was sie nicht vor den Terroristen retten sollte.

Mithilfe von schwerem Baugerät verwüsteten die Extremisten auch 2014 die Stadt Dura Europos, die im 3. Jahrhundert v. Chr. gegründet wurde. Dort befanden sich die ältesten Synagogen außerhalb Israels sowie einzigartige Wandgemälde und Artefakte aus christlichen Kirchen und Tempeln.

Die Stadt Bosra wurde vom IS mittels Artilleriefeuers stark unter Beschuss genommen. Dabei wurden frühchristliche Kirchen sowie altertümliche Moscheen und Tempel zerstört. Außerdem hat das größte antike Amphitheater Syriens Schaden genommen.

Im ganzen Land wurden altertümliche christliche Tempel zerstört und geplündert. In der aramäischen Stadt Maalula zerstörte die Terrororganisation Dschabhat al-Nusra die Kirche der Heiligen Sergios und Bakchos, plünderte das Frauenkloster der Heiligen Thekla und beschädigte das Kloster in Saidnaya. In Homs wurde das Architektur-Ensemble aus Kirchen und der Chalid-ibn-al-Walid-Moschee zerstört.

Mari, eine Stadt im Osten Syriens, hatte mehr Glück, denn sie wurde "bloß" ausgeraubt. Einst entdeckte man hier eine beispiellose Entdeckung: 25.000 Tontafeln mit akkadischer Aufschrift, die Aufschluss über das administrative, wirtschaftliche und rechtliche System des Reichs von Akkade gaben. Ausgerechnet an diesen Artefakten waren die Räuber interessiert.

Das vielgeplagte Palmyra

Palmyra ist zu einem weiteren tragischen Symbol des IS-Vandalismus geworden. Die Terroristen verwüsteten die Stadt gleich zweimal. Die als Perle des Nahen Ostens bekannte Stadt bewahrte zuvor eine Vielzahl an architektonischen Meisterstücken der römischen Epoche.

Ein riesiger Teil dieses unbezahlbaren Weltkulturerbes wurde von den Fundamentalisten erbarmungslos vernichtet. Die erste Verwüstungswelle fand 2015 statt, als die Extremisten nach der Eroberung der Stadt systematisch damit begannnen, die architektonischen Denkmäler und musealen Wertgegenstände zu vernichten. Die Anzahl der irreparabel zerstörten Meisterstücke ist erschreckend: der Löwe von Al-lāt aus dem 1. Jahrhundert; der Tempel von Baalshamin, eines der bedeutendsten Denkmäler der Spätantike; der Tempel von Bel, der der Schutzgottheit der antiken Stadt gewidmet war; drei Begräbnistürme im Tal der Gräber.

Außerdem wurde der Triumphbogen gesprengt, der als das Wahrzeichen Palmyras und ganz Syriens galt und auf dem 100-Lira-Geldschein abgebildet ist.

Der Triumphbogen in Palmyra

Damals richteten die Extremisten auch den modernen Schutzpatron Palmyras hin, den 81-jährigen berühmten syrischen Archäologen und Direktor des Palmyra-Museums, Khaled Asaad. Er widmete über 50 Jahre seines Lebens der Bewahrung der Denkmäler der antiken Stadt und wollte diese bei ihrer Eroberung nicht verlassen. Khaled Asaad wurde gefoltert und geköpft.

Nachdem es dem IS gelungen war, die Stadt zum zweiten Mal zu erobern, begann eine neue Welle der Zerstörung des Kulturerbes. Die Terroristen beschädigten das berühmte Amphitheater Palmyras, in dem im Mai letzten Jahres das Symphonieorchester des Sankt Petersburger Mariinski-Theaters unter der Leitung von Waleri Gergijew ein Konzert abgehalten hatte. Außerdem hat das Tetrapylon, ein Monument mit vier überdachten Nischen, Schaden genommen.

Bisher sind Schätzungen über die Schäden der zweiten Zerstörungswelle unmöglich, da sich die antike Stadt immer noch in den Händen des IS befindet.

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