Russland soll zurückschlagen: Milliardär Michail Prochorow zum Umgang mit Doping-Vorwürfen

Milliardär Michail Prochorow auf dem Bolotnaja-Platz
Seinerzeit Liebling deutscher Mainstreammedien: Michail Prochorow auf dem Bolotnaja-Platz während der oppositionellen Kundgebung "Für ehrliche Wahlen" am 4. Februar 2012.
Überraschend hart kritisiert der russische Unternehmer Michail Prochorow die Welt-Antidopingagentur. Als langjähriger Chef russischer Biathleten kontrollierte er seine Sportler strenger als WADA. Deren Handeln sei dagegen nur eine Nebelkerze.

von Wladislaw Sankin

Ende 2011 und Anfang 2012, als die Präsidentschaftswahl in Russland im Mittelpunkt des internationalen Interesses stand, war Michail Prochorow in aller Munde bei den deutschen Journalisten. Einer der reichsten Männer Russlands, ein Playboy und Extremsportler, hegte politische Ambitionen und trat als Präsidentschaftskandidat an. Alle rätselten, ob er nun ein oppositioneller Oligarch sei oder nur Putins Pseudo-Gegner.

Gemäßigter Oppositioneller, Medienmagnat und Sportsgeist

Jedenfalls bekam der 2,04 Meter lange Hüne bei den Wahlen beachtliche acht Prozent und machte mit seiner Partei namens Bürger-Plattform weiterhin Politik. Laut Forbes betrug sein Vermögen im Jahre 2016 nicht weniger als 7,6 Milliarden US-Dollar. Nachdem Prochorow in die Politik gegangen war, ließ er sein Firmenimperium von einer Treuhandgruppe verwalten. Als 2015 viele seiner Parteimitglieder gegen ein Engagement des berühmten Barden und Frontmanns der Kult-Band Zeitmaschine, Andrej Makarewitsch, protestierten, löste Prochorow die Partei auf.

Damit solidarisierte er sich mit dem spöttischen Russlandkritiker Makarewitsch, der öffentlich gegen die Angliederung der Krim an die Russischen Föderation auftritt und Sympathien für die postmaidane Ukraine bekundet. Ein Freund der gegenwärtigen russischen Politik ist Prochorow also keineswegs. Mit seinem an die Business-Eliten gerichteten Fernsehkanal und dem Nachrichtenportal RBK verbreitet der Oligarch in gemäßigtem Ton kremlkritische Ansichten.

Wie viele anderen russische Unternehmer hat Michail Prochrow auch ein Faible für Sport. Er besitzt den NBA-Club Brooklyn Nests und war selbst in den Jahren 2008 bis 2014 Präsident des russischen Biathlon-Verbandes. Oft tritt er auf verschiedenen Veranstaltungen als Hobby-Sportler auf, reist viel und segelt.

Der Präsident des Verbandes der russischen Biathleten, Michail Prochorow (links), bei der Weltmeisterschaft am 9. Februar 2013 im tschechischen Neustadt in Mähren (Nové Město na Moravě).

Prochorow ist nicht kremlnah

Es ist daher nicht verwunderlich, dass auch Prochorow sich nach Monaten der Debatte zum russischen Doping-Problem äußert. Die liberale Zeitung Kommersant, die gerne ihr Image eines äquidistanten Mediums pflegt, veröffentlichte am 21. Februar einen Artikel mit dem Titel "Antidoping-Kontrolle".  

Weder der Autor noch das Medium sind bisher in einer wie auch immer gearteten Weise durch Kreml-Nähe aufgefallen. Der Kreml selbst schlägt in der ganzen zermürbenden Doping-Affäre diplomatische Töne an und holt nicht wirklich gegen die Urheber der Vorwürfe - die Anti-Doping-Agentur WADA und die von dieser beauftragten Experten - aus. Zumindest nicht in der Weise, die sich viele Russen wünschen. Es sei nicht schön, wenn Politik sich in den Sport einmischt, und das war es schon an der Kritik.  

Es erscheint fast, als soll diese Milde bloß nicht den Eindruck entstehen lassen, Russland wäre nicht auch für den sauberen Sport. "Sauberer Sport" ist dabei in ähnlicher Weise zu einer Parole geworden wie "Demokratie", "Pressefreiheit" und "Menschenrechte": Wie eine Zauberformel muss sie jedes Mal wiederholt werden, damit man sich in vermeintlich gute Gesellschaft begeben darf.

Wie erwartet, äußerte sich Prochorow auch in seinem Artikel nicht kremlnah. Aber seine Kremlferne ist anders als die pro-westliche Flanke der russischen Opposition sie pflegt. Er ist weit davon entfernt, westlichen Gremien wie WADA in irgendwelcher Hinsicht beizupflichten. Im Gegenteil, er rechnet mit ihnen ab und ruft seine Landsleute zum Kampf gegen sie auf.   

Branchen-Insider redet Klartext: WADA ist korrupt und autoritär

Gleich am Anfang stellt der Autor klar: Er hält nichts von dem Gerede über den sauberen Sport.

Gegenwärtiger Sport ist hi-tech und er funktioniert nicht ohne massive therapeutische Unterstützung der Sportler und moderne Technologien.

Die einen Präparate sind erlaubt, die anderen nicht, schildert Prochorow. Diejenige, die erlaubt sind, sind zeitweilig erlaubt, bis ein Ersatz für sie da ist. Dann werden sie verboten. Diesen Prozess kontrollieren globale Pharmaunternehmen. Die Durchsetzung ihrer Interessen innerhalb der Welt-Anti-Doping-Agentur nutzen Lobbyisten aller Couleur, um ihren Konkurrenten die Luft abzudrehen.

Das Gleiche passiert auch in den anderen Bereichen, z. B. bei der Einführung der  so genannten Öko-Technologien: Die Konkurrenten mit vermeintlich schmutzigen Produkten sollen vom Markt verdrängt werden. Russland hat keine globalen Pharmakonzerne und ist in der WADA kaum vertreten. Man sollte sich also kaum wundern, dass man "unser" Meldonij nicht nehmen darf, dafür aber dessen amerikanisches Pendant.

Darum sein Zwischenfazit: WADA führt einen vollwertigen Krieg gegen Russland unter Anwendung politischer, informationstechnischer, finanzieller, institutioneller und sonstiger Ressourcen. Warum? Unter anderem, um von den eigenen Machenschaften mit ihren zahlreichen Ausnahmen und dubiosen Verschreibungen an prominente Sportler abzulenken.

Und überhaupt, WADA: eine lustige Organisation. Ein halbpolizeiliches Kontor mit dichtem Netz an Agenten und Spitzeln weltweit. Niemand kontrolliert sie, auch das IOC nicht. Dieses ist auch kein Unschuldslamm, im Gegenteil, ein Tier, das Russland beißt. Weil diese Organisationen elementare rechtsstaatliche Standards massiv verletzen, indem sie russischen Sportlern massenweise die Unschuldsvermutung verweigern. Und wenn sich ein Ausschluss als nicht rechtens erweist, trägt niemand irgendeine Verantwortung. Die Karriere eines Sportlers ist aber möglicherweise schon zerbrochen.  

McLaren und sein Informant

Aufatmen: Bereits bis hierher war Prochorow schon scharf genug mit seiner Kritik. Richtig wütend wird er, wen er auf McLaren und dessen Informanten, den ehemaligen Chef der russischen Anti-Doping-Agentur, Grigori Rodtschenkow, zu sprechen kommt.

Die Ausführungen des vermeintlichen großen Russland-Spezialisten McLaren seien - abseits aller Politkorrektheit - beweislose Verleumdungen und schiere Nebelkerzen. Es sei nicht kein Zufall, dass sein Pamphlet von einer wilden PR-Kampagne begleitet war und alle Entscheidungen, also alle Ausschlüsse, Wegnahmen und Suspendierungen, in größter Eile gefällt wurden. Anstatt konkreter Beweise lagen nur Versprechungen neuer angeblicher Enthüllungen vor.

Der russische Sportminister Witali Mutko, Vize-Premier Dmitri Kosak und der Direktor des russischen Anti-Dopinglabors, Grigori Rodtschenkow (von links nach rechts), am 9. August 2013 bei der Eröffnung des Antidopingzentrums, das kurz zuvor von der WADA die Akkreditierung bekam.

Rodtschenkow, der Informant McLarens, der sich in die USA abgesetzt hatte, sei nur ein Gauner, der als Russlands Chef der Anti-Doping-Agentur seine Position zum Wohle des Familienbusiness ausübte und tatsächlich selbst Sportler zum Dopen verführte.

Als ich dem Russischen Biathlon-Verband vorstand, scharwenzelte er um unsere Mannschaft herum und bot seine Rezepte an, bis wir ihn zum Teufel schickten.

Die Anti-Doping-Kontrolle führte der Verband mit seinen eigenen Mitteln selbst durch, und zwar viel öfter als Rodtschenkow und WADA. Die meisten im Zusammenhang mit Doping aufgeflogenen Biathleten wurden im Wege ebendieser Kontrollen ausgesiebt. Die Kampagne usurpierte aber der Westen und entzog dem russischen Verband den Weltcup im russischen Tjumen.

Beeindruckender Bizeps: Ein Schmerzmittel, das Diskuswerfer Robert Harting aus gesundheitlichen Gründen einnehmen musste, gehört zur Familie der synthetischen Steroidhormone.

Als es für Rodtschnekow heiß wurde, flüchtete dieser, schlüpfte unter den Zeugenschutz der WADA und gab seine Machenschaften als vermeintliches staatliches System aus. Diesen Mann sollten wir vergessen, so Prochorow.

Was tun?

Diese berühmte russische Frage, die nach dem gleichnamigen Buch des russischen Philosophen und Literaturkritikers Nikolai Tschernyschewski aus dem Jahre 1863 sprichwörtlich geworden ist, stellt sich auch der erfahrene Sportfunktionär Prochorow.

Auch an dieser Stelle nimmt er kein Blatt vor dem Mund:

Mit all dem ist die Sache klar. Unklar ist etwas Anderes: Warum wir schlafen und nichts tun?! Die Untätigkeit in dieser Situation bedeutet im öffentlichen Bewusstsein de facto ein Schuldanerkenntnis!

Schweigen sei nicht Gold in unserer heutigen informationsintensiven Welt. Hier kommt der Unternehmer zu Wort, der sicherlich auch selbst das eine oder andere Verfahren hinter sich brachte. Prochorow schlägt ein umfassendes Aktionsprogramm vor, das von aktiverer Diplomatie über juristische Aufarbeitung bis hin zu Reformen des gesamten Anti-Doping-Systems reicht.

Dass es im russischen Sport schwarze Schafe gibt, ist nichts Neues. Ebenso wenig, dass westliche Propagandisten das Thema Doping als Grundlage für Pauschalvorwürfe und antirussische gesteuerte Kampagnen instrumentalisieren.

Vor allem sollte man all diejenigen, die sich über Russland auslassen - von der WADA bis zu den polternden westlichen Sportlern - dazu auffordern ihre Behauptungen vor Gericht zu verteidigen. WADA soll transparenter werden; Prozeduren, bei denen die Manipulationen möglich sind, sollen per Videoübertragung dokumentiert werden.

Als Vorbild für präventives Handeln nennt er die USA, die ausländische Kontrolleure von ihrem Territorium generell fernhält. Prochorow ist sicher, dass dann die Lust aufseiten der Angreifer schnell vergeht.

Mit diesem wütenden, aber konstruktiven Kommentar spricht Michail Prochorow sehr vielen Beobachtern und Brancheninsidern aus der Seele. Es ist nicht neu, wie er die Doping-Attacken aufarbeitet. Neu ist eine so prominent vorgetragene Kritik an den Entscheidungsträgern für deren zahmes Nichtstun in einer kritischen Situation für den russischen Sport.