Verspätete Skepsis der WADA: Doping-Vorwürfe gegen russische Athleten nicht ausreichend belegt

IOC-Chef Thomas Bach in Sotschi 2014
IOC-Präsident Thomas Bach und der IOC-Generaldirektor Christophe de Kepper auf der 126. Tagung des Internationalen Olympischen Komitees am 5. Februar 2014 in Sotschi.
Die WADA gab zu, dass der McLaren-Bericht zum Doping in Russland nicht genug Beweise für die Schuld russischer Sportler beinhaltet. Dies räumt auch IOC-Generaldirektor de Kepper in einem Schreiben ein. Mit McLaren will man dennoch weiter zusammenarbeiten.

Zunächst waren es die ARD-Filme des deutschen Journalisten Hajo Seppelt, die von August 2015 an in drei Folgen ausgestrahlt wurden. Dann die Berichte des kanadischen Juristen Richard McLaren, die in zwei Schüben im Juli und Dezember 2016 an die Öffentlichkeit gelangten. Russland wurde darin jeweils Staatsdoping im großen Stil unterstellt. Die Presse und Sportfunktionäre im Westen gaben sich "schockiert und entsetzt" über dessen Ausmaß.   

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Die dadurch erzeugte negative Stimmung erfasste auch nationale Sportverbände und Olympische Komitees, schwerwiegende Entscheidungen folgten. Beinahe war sogar die russische Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio 2016 am Kippen. Am Ende schlossen die IAAF und die IWF jeweils die russischen Teams der Leichtathletik und Schwerathletik von dem Großereignis aus. Die meisten Athleten waren nachweislich sauber, eine kollektive Schuldvermutung reichte aus.

Was dem IOC nicht gelang, nämlich das komplette Team von den Spielen auszuschließen, holte das Paralympische Komitee nach. Nachgewiesene Schuld spielte auch hier keine Rolle. Seitdem gehört es auch zum guten Ton, Russland als Gastgeberland die eine oder andere wichtige Meisterschaft wegzunehmen, wie dies im Fall der Biathlon-Weltmeisterschaft 2017 und anderen Top-Spielen bereits der Fall war.

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Nach IOC jetzt auch WADA skeptisch   

Dopingproben kann man mittlerweile jedoch auch für Jahre rückwirkend machen, mit noch ausgefeilteren Methoden. Das macht es möglich, immer wieder verdächtigen Sportlern die eine oder andere Medaille abzuerkennen. Das Gleiche gilt auch im Fall des McLaren-Berichts. Die dort erhobenen Vorwürfe werden allerdings erst jetzt mithilfe zweier vom IOC eingesetzter zusätzlicher Kommissionen nachgeprüft.

Am 21. Februar veranstaltete die Welt-Antidoping-Agentur WADA in Lausanne ein Zusammentreffen internationaler Sportföderationen. Ziel war es, zu klären, wie diese die Daten aus dem McLaren-Bericht analysieren und interpretieren können. Die Resultate waren vielsagend:  

WADA hat zugegeben, dass in vielen Fällen die Beweise gegen die beschuldigten Russen nicht ausreichen, um gegen sie Sanktionen zu verhängen", berichtet Generaldirektor Christophe de Kepper in einem Schreiben an das IOC.

Der Brief wurde am 23. Februar auf der Homepage des Internationalen Olympischen Komitee veröffentlicht. Außerdem seien die vom McLaren-Team verwendeten Übersetzungen einiger Texte nicht ausreichend. Die WADA habe deshalb detaillierte Übersetzungen angefordert. 

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Zuvor hatte sich das Internationale Olympische Komitee selbst an McLaren mit der Bitte gewandt, die Schuld russischer Verantwortlicher im Doping-Skandal zu beweisen. Dem Schreiben war eine Tabelle beigelegt, die alle Informationen über die in seinem Bericht erwähnten russischen Staatsbürger und Fragen nach dem Grad ihrer Schuld enthält.

Laut dem zweiten McLaren-Bericht, der im Auftrag der WADA im Dezember 2016 vorgestellt wurde, sollen in Russland zwischen 2011 und 2015 über 1.000 Sportler von Doping-Vertuschungen profitiert haben, darunter auch Teilnehmer der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi. Dies sei im Wege einer "institutionellen Verschwörung" geschenen.

Im zuvor erschienenen Juli-Bericht war hingegen die Rede davon, dass das dahinterstehende System "vom Staat gefördert" gewesen sein soll. Auf diesen Unterschied machte auch der Brief aufmerksam. Diese Gratwanderung in der Bewertung erschwere jedoch auch die Arbeit der Schmid-Kontrollkommission des IOC, so de Kepper.

Russische Sportler werden auch künftig stärker kontrolliert

In Russland wird der Brief als Schritt in die richtige Richtung bewertet. "Dem ist nichts hinzuzufügen", sagte der neue Sportminister Pawel Kolobkow. Die verstärkte Skepsis gegenüber den bisher vorgelegten Beweisen bedeutet allerdings noch keinen Paradigmenwechsel. Nach wie vor wollen die internationale Behörden mit McLaren zusammenarbeiten.

Auf den möglichen Grund für die Warnung weist der IOC-Generaldirektor in seinem Brief selbst hin. Infolge vieler präventiver Suspendierungen russischer Sportler und anderen Strafen gegenüber dem russischen Sport ist nunmehr verstärkt mit gerichtlichen Komplikationen zu rechnen. Gegen die bereits vorgelegten und noch kommenden Einsprüche sollte man künftig mit belegbaren Beweisen argumentieren:

Aus den bereits gegen einige internationale Verbände eingereichten Beschwerden wegen der Entscheidungen zur vorläufigen Aussetzung ist ersichtlich, dass die IOC sich einer starken juristischen Herausforderung stellen muss.  

Unverblümt kündigt Christophe de Kepper jedoch eine weitere Diskriminierung russischer Sportler nach dem Staatsangehörigkeitsprinzip an. Die potenziellen russischen Teilnehmer der Winterspiele in Pyeongchang 2018 sollten sorgfältiger als Vertreter anderer Staaten kontrolliert werden.

Seit einigen Jahren werden die Russen allerdings ohnehin deutlich häufiger als Sportler aus anderen Ländern kontrolliert, was auch die relativ hohe Anzahl der positiven Proben erklärt. Übertriebene Strenge kann zum Hindernis bei den Vorbereitungen zu Wettbewerben werden, befürchten russische Athleten.