Gestatten, meine Name ist Emmanuel Macron und wir werden siegen

Gestatten, meine Name ist Emmanuel Macron und wir werden siegen
Profitiert zurzeit von den Skandalen der Konkurrenten: Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron.
Still und heimlich hat sich der 39-jährige zum Favoriten der französischen Präsidentschaftswahlen gemausert. Bei den Umfragen liegt er zwar derzeit noch hinter Marine Le Pen, doch eine Stichwahl würde er vermutlich gewinnen. Aber wofür steht Macron eigentlich?

"On va gagner!" ("Wir werden gewinnen") schallt es durch die Halle des Palais des Sports in Lyon. Über 8.000 Menschen feiern den Einzug ihres Kandidaten: Emmanuel Macron. Doch nicht nur in Lyon wird Macron gefeiert. Seit einigen Wochen hat seine Kampagne landesweit Fahrt aufgenommen. Laut aktuellen Umfragen könnte ihn dieser Rückenwind bis in den Élysée-Palast tragen.

Doch nicht alle trauen dem Ex-Banker über den Weg. Böse Zungen, derer es in Paris nicht wenige gibt, spotten hinter vorgehaltener Hand, der junge Politstar habe bisher eher "nichts falsch gemacht", als dass er überhaupt etwas gemacht habe. Er scheint einfach der richtige Mann zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Dass ihm seine Konkurrenten bei der Präsidentschaftswahl unfreiwillig Wahlkampfhilfe leisten, nimmt Macron dabei dankend mit.

Denn bis vor kurzem gab es einen anderen, klaren Favoriten im Rennen um den Élysée-Palast: François Fillon. Der erfahrene Politiker gewann überraschend die Vorwahlen der Konservativen und schien unaufhaltsam auf den Sieg zuzusteuern. Seine Mischung aus neoliberaler Wirtschaftspolitik und konsensorientierter Außenpolitik, auch gegenüber Russland, kam an. Doch auch er wurde nun Opfer einer französischen Gesetzmäßigkeit: Kein Wahlkampf in Frankreich ohne Skandale.

Im Visier der NSA: Der amtierende Präsident Hollande und sein Vorgänger Sarkozy

Ihm wird vorgeworfen, seine Frau über Jahre auf Staatskosten im Rahmen einer fiktiven Anstellung beschäftigt zu haben. Die Vorwürfe werden von der Staatsanwaltschaft zwar noch untersucht, der Schaden für Fillon ist jedoch jetzt schon immens. Erste Parteikollegen aus der konservativen Partei drängten in den letzten Tagen sogar mit Rücktrittsforderungen an die Öffentlichkeit. Man solle doch den Kandidaten austauschen, so der Tenor.

In den Umfragen war Fillon hinter Marine Le Pen und Emmanuel Macron bereits auf Platz drei abgerutscht, doch er scheint aktuell wieder etwas an Boden gutzumachen und könnte Macron wieder überflügeln. Jede weitere Enthüllung würde jedoch das Ende für seine Kandidatur bedeuten. Zumal Fillon sich mittlerweile selbst widerspricht. Hatte er noch zu Beginn der Affäre verlautbaren lassen, dass er nur im Fall einer Anklage aufgeben wolle, so möchte er nun das Volk darüber abstimmen lassen. "Ich stelle mich nur noch der allgemeinen Wahl", so Fillon.

Ähnlich trist sieht es bei den französischen Linken aus. Dort streiten sich der Kandidat der Sozialisten, Benoît Hamon, und der Kandidat des Wahlbündnisses Front de gauche, Jean-Luc Mélénchon, um das linke Wählerlager. Der Versuch, sich am vergangenen Wochenende auf einen gemeinsamen Wahlkampf zu einigen, scheiterte. Beide zusammen kommen in der Wählergunst, bezogen auf die erste Runde der Präsidentschaftswahlen, immerhin auf ungefähr 27 Prozent – das würde zurzeit genügen, um in eine Stichwahl gegen Marine Le Pen einzuziehen.

Doch eher schafft man in Frankreich das Croissant ab, als dass die Linke einig in einen Wahlkampf zieht. Links von der Sozialistischen Partei tummeln sich noch die Kommunistische Partei, die Linkspartei, die Neue Antikapitalistische Partei, die Neue Sozialistische Linke und die trotzkistische Partei Arbeiterkampf.

Die letzte wirkliche Zusammenarbeit der Linken in Frankreich gab es 1981, als François Mitterand zum Präsidenten gewählt wurde. Zwar wurde auch François Hollande 2012 im zweiten Wahlgang von den Linken unterstützt, doch damals ging es eher darum, eine zweite Amtszeit von Nicolas Sarkozy unter allen Umständen zu verhindern.

Auf der rechten Seite hingegen eilt Marine Le Pen von einem Umfragerekord zum nächsten. Neueste Umfragen für den ersten Wahlgang Ende April sehen sie im Augenblick vor allen anderen Kandidaten. Sollte Le Pen in die Stichwahl kommen, wovon man ausgehen kann, kommt sie in einer Umfrage sogar erstmalig, je nach Gegner, auf 42 bis 44 Prozent in der Stichwahl.

Zwar würden laut der Umfrage Macron mit 58 und Fillon mit 56 Prozent noch gegen sie gewinnen, doch Le Pen rückt langsam, aber sicher in die Nähe der erforderlichen 50 Prozent. "So einen rasanten Anstieg an Wählerzustimmung haben wir bisher noch nie beobachten können", sagte Frédéric Micheau, der Chef des verantwortlichen Umfrageinstituts Opinionway.

Und das, obwohl auch Marine Le Pen mittlerweile mit einem Skandal zu kämpfen hat. Die Politikerin soll das Europäische Parlament ihren Leibwächter bezahlen haben lassen. Am Montag wurden ihre Brüsseler Büros noch einmal durchsucht. Auch eine Assistentin soll von Brüssel bezahlt worden sein, aber für die Partei gearbeitet haben. Le Pen soll deshalb 300.000 Euro an das Parlament zurückzahlen. Doch sie weigert sich und präsentiert sich als Opfer einer politischen Kampagne:

Hat seine eigene Sichtweise, wenn es um die französische Kultur geht: Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron.

Wir arbeiten gegen das Europäische Parlament, deswegen inszenieren sie nun diese Ermittlungen,

so Le Pen. Bislang konnte die Affäre ihren Aufstieg in den Umfragen nicht aufhalten. In dieser Gemengelage der Kandidaten erscheint Emmanuel Macron als "Le Hoffnungsträger", wie jüngst das Wirtschaftsmagazin Capital titelte. Doch wer genau ist Macron – und wofür steht er?

Seine Biografie kann sich sehen lassen. Philosophiestudium an einer Elitehochschule, Job beim Finanzhaus Rothschild, Präsidentenberater, Wirtschaftsminister. Er wirkt ein wenig wie eine französische Version des kanadischen Premierministers Justin Trudeau: jung, unverbraucht, gutaussehend. Zudem ist er ein Liebling der Medien. Keiner sei geeigneter für den Élysée-Palast, schrieb zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung.

Sein Erfolg beruht, durchaus vergleichbar zu Marine Le Pen, in großen Teilen darauf, dass auch er die Abneigung vieler Franzosen gegen die etablierten Parteien schürt. Laut einer Studie aus dem Jahr 2015 denken über 80 Prozent der Befragten, dass die französische Demokratie nur schlecht funktioniere und die Parteien nicht ihre Interessen repräsentieren würden.

Macron hat bewusst auf eine Kandidatur bei der Sozialistischen Partei verzichtet, obwohl er 2014 Wirtschaftsminister im Kabinett von Manuel Valls war. Stattdessen gründete er seine eigene Bewegung "En Marche!" ("Vorwärts!") und setzt sich seither geschickt von der gescheiterten sozialistischen Regierung unter Präsident François Hollande ab. Doch wenn es programmatisch wird, kommt von Macron bis jetzt nicht viel.

Obwohl seine Organisation auf über 200.000 Unterstützer kommt, ist vielen noch nicht so recht klar, wofür Macron politisch eigentlich steht. Einen Kabarettisten verleitete das zu der Bemerkung, dass selbst eine Waschmaschine mehr Programm als Macron habe. Der 39-Jährige, der gerne mal die Philosophen Paul Ricoeur und Jürgen Habamas zitiert, gilt trotzdem als Liebling der linksliberalen Intelligenzija.

Vielleicht auch deswegen, weil er zumindest, was Europa betrifft, eine klare Haltung einnimmt. Im Gegensatz zu Marine Le Pen, die bei einem eventuellen Wahlsieg über die Mitgliedschaft Frankreichs in der EU eine Abstimmung durchführen möchte, fordert Macron eine engere Zusammenarbeit der europäischen Länder. Mehr noch: Macron fordert "eine demokratische Revolution, eine demokratische Revolution für Europa", und möchte den "roten Faden des tausendjährigen europäischen Projekts wiederfinden".

Wirtschaftspolitisch ist er deutlich auf der liberalen, marktfreundlichen Seite zu verorten. Während für Marine Le Pen die Globalisierung eher eine Bedrohung für Frankreich darstellt, sieht Macron nur Chancen und Möglichkeiten. Mit allen Mitteln versucht Macron, sich einer eindeutigen Verortung zu entziehen. So behauptet er von seiner Bewegung:

Wir sind nicht rechts oder links. Wir sind alle Franzosen.

Dennoch bricht aus dem Politiker ab und an doch wieder der Eliteschüler durch. Gewerkschaftlern, die ihn auf der Straße auf seine Maßanzüge ansprachen, entgegnete er:

Die beste Art, sich einen Anzug zu leisten, ist zu arbeiten.

Macron möchte zwar, dass dass Wort "liberal" in Frankreich nicht mehr automatisch für Turbokapitalismus steht, doch gleichzeitig verschreckt er selbst gemäßigte Linke, wenn er die gesetzliche 35-Stunden-Woche, den Beamtenstatus und die Vermögenssteuer infragestellt. Auch seine Sprache wirkt mitunter wie aus einem Seminar für Unternehmensberater. Auf seinen Ehrgeiz angesprochen, antwortet er gerne schon mal:

Sky is the limit.

Sollte es bei den aktuellen Umfragewerten bleiben, werden die Franzosen im Mai die Wahl zwischen einer nationalen, anti-europäischen Anti-Establishment-Bewegung und einer für französische Verhältnisse radikal neoliberalen Variante davon haben. Nach Brexit und Donald Trump könnte somit die nächste radikale Weichenstellung folgen, die zweifelsohne Konsequenzen für Europa und den Rest der Welt haben wird.