"Inbound Missile": Air-Base-Monitore melden Raketenangriff auf US-Stützpunkt in Rheinland-Pfalz

US-Militärbasis in Spangdahlem
Die US-Militärbasis in Spangdahlem
Keine Fake News: In der Vorwoche ereignete sich ein Fehlalarm auf einer der größten US-Luftwaffenbasen in Europa. Nach acht Minuten erfolgte die endgültige Entwarnung. Aber wie gefährlich können solche Fehler tatsächlich werden?

von Rainer Rupp

Ein Raketenangriff droht: Diese Warnmeldung ging am 16. Februar gegen 14.45 Uhr über die Bildschirme der Kommandostellen des Militärpersonals der riesigen US-Air Base bei Spangdahlem in der Eifel. Urplötzlich hatten sich alle Monitore der Computer rot gefärbt und in großen schwarzen Lettern lautete die kurze Nachricht: "Inbound Missile. Seek Shelter Immediately. Sites at Risk", zu Deutsch: Rakete im Anflug. Sofort Schutzräume aufsuchen. Standorte gefährdet.

Quelle: https://www.facebook.com/AirForceForum

Eigentlich hätten die US-Soldaten auf den Alarm reagieren müssen. Anders als bei früheren Übungen hatte es keine Vorankündigung gegeben. Zudem war die Warnung über den unmittelbar bevorstehenden Raketenangriff über das Notfallmeldesystem verschickt worden, was ebenfalls ungewöhnlich war. Dennoch hat kein Militärangehöriger die Schutzräume aufgesucht, niemand hat vor dem bevorstehenden Armageddon noch eine letzte SMS an die Familie zu Hause in Amerika geschickt. Alles ging weiter wie gehabt.

Acht Minuten später kam dann die Entwarnung. Auf blauem Hintergrund konnte man auf den Monitoren lesen:"Eine Raketenwarnmeldung wurde irrtümlich ausgesendet. Bitte ignorieren und normale Operationen wiederaufnehmen."

Quelle: https://www.facebook.com/AirForceForum

Später konnte man in der US-Armeezeitung Stars and Stripes lesen, dass ein IT-Spezialist eines der wichtigsten US-Luftwaffenstützpunkte in Europa am System der Alarmmeldungen gearbeitet und eine davon irrtümlich verschickt hatte.

Sein

In etlichen Internetforen wurden vor allem die Reaktionen auf die Meldung über den angeblich kurz bevorstehenden Raketenangriff thematisiert. Warum seien z. B. keine Sirenen oder Alarmsignale ausgelöst worden? Statt wie befohlen Schutz zu suchen, hätten Soldaten lieber ein Handyfoto von der Warnmeldung gemacht und dieses per Facebook verbreitet. Nicht zuletzt wurde auch die Befürchtung geäußert, dass durch solche Meldungen Kriege entstehen könnten, wenn in Panik zurückgeschossen würde.

Manche dieser Überlegungen sind nicht ganz von der Hand zu weisen, aber man sollte aus dieser Spangdahlemer Mücke auch keinen Elefanten machen.

Einige Lehren und Schlussfolgerungen lassen sich dennoch aus dem Vorfall ziehen: Die Tatsache, dass niemand auf dem US-Stützpunkt die Alarmmeldung ernstgenommen hat, ist damit zu erklären, dass in einem modernen Frühwarnsystem eine Reihe weiterer Indikatoren und entsprechender Alarmsysteme eingebaut und synchronisiert sind.

Zum Beispiel war die unangekündigte Alarmwarnung, die nur über die Computermonitore kam, ohne gleichzeitige akustische und visuelle Warnung mit Sirenen und blinkenden Rotlichtern für die Belegschaft der Basis sofort als falsch zu erkennen.

Dagegen hatte der hochdekorierte US-Vietnam Veteran Stephen Slish eine andere, zynische Erklärung für die ausgebliebende Reaktion auf die Warnmeldung. In seinem Kommentar zu einem entsprechenden Artikel in der AirForce Times meinte er kurz und knapp:

Es ist ohnehin zu spät, wenn sie vor einer Rakete im Anflug gewarnt werden.

Allerdings trifft der ehemalige US-Offizier Kenneth Jones mit seinem Kommentar in derselben Zeitung den Nagel auf den Kopf, wenn darauf verweist, dass so etwas immer wieder vorgekommen ist.

Er schreibt:

In meiner Dienstzeit bei der 12th MWS in Thule während der Regierung Nixon habe ich einen ähnlichen Fehlalarm durchlebt.

Tatsächlich können Fehlalarme dieser Art sehr problematisch werden. Dies ist besonders dann der Fall, wenn sie zum einen nicht oder nur mit großer zeitlicher Verzögerung als Fehler identifiziert werden. Zum anderen wird die Lage prekärer, wenn der Fehlalarm in einer militärpolitisch krisenhaft zugespitzten Lage stattfindet, in der man dem Gegner alles zutraut. Und darüber hinaus, wenn die vermeintlich angegriffene Einheit oder deren Oberkommandeur im Stab unter striktem Zugzwang steht, der eine Verzögerung nicht zulässt.

Die ZEIT-Mitarbeiter Peter Dausend und Michael Thumann suggerieren, eine atomare Aufrüstung Deutschlands ist unumgänglich, um den Frieden in Europa zu sichern.

Die Einführung der in Deutschland stationierten US-Mittelstreckenatomraketen Anfang der 1980er Jahre reduzierten z. B. die Reaktionszeit der sowjetischen Führung auf einen nuklearen US-Enthauptungsschlag auf fünf Minuten. In dieser kurzen Zeitspanne mussten sie entscheiden, ob eine Alarmmeldung falsch war oder ob sie ihre eigenen Abschreckungswaffen für den Gegenschlag starten sollten. Spätestens nach fünf Minuten wären die eigenen Raketen samt ihrer Kommandozentralen von den US-Pershing II zerstört worden.

Bei dem von US-Offizier Kenneth Jones oben erwähnten Fehlalarm bei der 12th MWS in Thule handelte es sich offensichtlich auch um einen weit gravierenderen Fall als jetzt in Spangdahlem. Jones diente damals nämlich in der 12th Space Warning Squadron auf Grönland, deren Aufgabe es war, den Weltraum nach einfliegenden sowjetischen Atomraketen abzusuchen und in Echtzeit den US-Präsidenten, das Pentagon und einige weitere Kommandostellen wie NORAD zu alarmieren. Außerdem mussten im Ernstfall die mit ballistischen Langstreckenraketen ausgerüsteten US-Atom-U-Boote in Kenntnis gesetzt werden.