Pakistan auf den Spuren Palmyras? Wenn der Terror das kulturelle Gedächtnis auslöscht

Pakistan auf den Spuren Palmyras? Wenn der Terror das kulturelle Gedächtnis auslöscht
Zerstörung des romanischen Tempels in Palmyra durch den "Islamischen Staat", Syrien, 25. August 2015.
Palmyra wurde zum Schauplatz der Grausamkeiten des IS. Ein Spektakel der anderen Art, dem die Welt beiwohnte. Auch Pakistans Kulturschätzen droht ein ähnliches Schicksal durch die Terrormiliz. In Deutschland boomt das Geschäft mit so genannten Blutantiken.

Das antike Amphitheater im syrischen Palmyra wurde vom IS zur Bühne der Unmenschlichkeit umfunktioniert. Der Terrorstaat hätte das kulturelle Erbe bereits unmittelbar, nachdem er die Stadt erobert hatte, sprengen können. Stattdessen wurde es erst zu Propagandazwecken instrumentalisiert und anschließend Stück für Stück abgetragen.

Die Menschen, die hier vor laufenden Kameras litten, wurden zu unfreiwilligen Akteuren in der Präsentation des Terrors. Im Jahr 2011 rief die UNESCO zum Schutz der Kulturstätten in Syrien auf. Doch in einem Land, in dem Radikale ihr Unwesen treiben und sich die Weltmächte bekriegen, anstatt sich im Kampf gegen den Terror zu verbünden, war dies ein Wunsch, der ungehört in den Parlamenten verhallte. Die UNESCO erntete stattdessen sogar noch Kritik für ihre Forderungen. Für Deborah Lehr, die Vorsitzende der Antiken Koalition (AC), unverständlich: 

Kultur ist ein Teil dessen, was wir sind und sie ist ironischerweise die Wiege der Nation. 

IS-Kämpfer wollen den Rest von Denkmälern in Palmyra in die Luft sprengen

Erst 2015 wurde die Zerstörung von Kulturschätzen als Kriegsverbrechen anerkannt. Während der Blick der Weltgemeinschaft auf die Zerstörungen in Syrien und im Irak gerichtet ist, droht Pakistans Erbe zum Schauplatz der kulturellen Barbareien von morgen zu werden.

Gerade erst verübten Extremisten einen Anschlag in Pakistan, bei dem mindestens 100 Menschen ums Leben kamen. Dieser Anschlag galt den Sufis und deren kulturellem Erbe in der pakistanischen Stadt Sehwan Sharif. Der so genannte Islamische Staat bekannte sich zu dem Anschlag. Pakistan scheint den Kampf gegen den Terror zu verlieren.

Pakistan hat viele antike Stätten zu bieten, die von einer einstigen kulturellen Vielfalt zeugen, die jetzt endgültig droht, verlorenzugehen. Und alles, was vom Pluralismus zeugt, ist gegen die Ideologie des IS, auch islamische Kunstschätze. Denn es ist die Leere in den Köpfen seiner Anhänger, die den Nährboden für den Fundamentalismus bereitet. In Pakistan finden sich Zeugnisse des Hinduismus im Norden des Landes und des frühen Islam im Süden.

Im Swat-Tal, gelegen im Nordwesten Pakistans, war die Ghandhara-Zivilisation vor 2.000 Jahren beheimatet und schaffte einen unschätzbaren kulturellen Reichtum. Dann kamen 2007 die Taliban. Sie raubten, was zu rauben war und fügten den Denkmälern Schaden zu. Im Sommer 2012 fand die pakistanische Polizei Statuen und andere Kunstschätze aus dem Swat-Tal im Wert von zehn Millionen US-Dollar in Karatschi wieder.

Die Präsenz des Islamischen Staates auf pakistanischem Territorium wurde erstmals 2014 bekannt, als der IS damit prahlte, 10.000 bis 12.000 Pakistanis rekrutiert zu haben. Die pakistanische Regierung unternahm damals noch nichts. Erst jetzt räumt die Regierung ein, dass ISIS eine Bedrohung im eigenen Land darstellt und die Unterstützung anderer Terrorgruppierungen erfährt. Aber die ins Leben gerufenen Regierungsinitiativen gegen den Terror haben bisher nur kurzfristige Erfolge verzeichnen können.

Die Zerstörung der Vergangenheit ist im Übrigen keine Erfindung von Terroristen und Totalitaristen der Gegenwart. Im Jahr 1925 zerstörte Saudi-Arabien den Jannutal-Baqi-Friedhof und damit eine der heiligsten Stätten des Islam. Für die Saudis kam dieser Friedhof aus dem 7. Jahrhundert mit seinen Mausoleen der Anbetung eines falschen Idols gleich. Zerstörungen von jüdischen Kulturschätzen und so genannter entarteter Kunst waren im Dritten Reich ein Kennzeichen des Nazi-Regimes. Der Welt bekannt ist noch die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan 2001 in Afghanistan. Damals sprengten die Taliban eine 53 Meter hohe Buddha-Statue.

Zerstört wird all das, was sich nicht in Finanzmittel für den Gotteskrieg umsetzen lässt. Auf den internationalen Antikmärkten zirkulieren die Raubgüter der Terroristen. Mit einem neuen Kulturschutzgesetz (KGSG), das seit August 2016 in Kraft ist, versucht Deutschland, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Deutschland spielt eine besondere Rolle im Handel mit den so genannten Blutantiken. Mehr als zehn Millionen Dollar sollen terroristische Organisationen bereits auf diese Weise erwirtschaftet haben. Auf EU-Ebene gibt es bisher nur Bestimmungen zum Import von Kulturschätzen aus dem Irak und aus Syrien. Archäologen sehen das Gesetz als unwirksam an, da es nicht schwer sei, Herkunftsurkunden zu fälschen. 

Der so genannte Islamische Staat birgt derzeit die größte Gefahr und Zerstörungswut gegen das Erbe der Menschheit. Die UNESCO hat 2016 einen Fonds eingerichtet, der dem Schutz der Kultur dienen soll. Rund 100 Millionen Dollar sind hierfür vorgesehen. Die gefährdeten Länder sollen mithilfe von Mitteln aus dieser Vermögensmasse so genannte Zufluchtsorte der Kultur errichten, um diese zu schützen. Das ist aber ein ambitionierter Wunsch, wenn in einem Land der Terror regiert.

Wie aber soll sich die Zukunft eines Landes gestalten, das seiner Geschichte beraubt wird und dessen Kinder die Schätze der Vergangenheit nur noch aus Büchern erfahren? Im Pariser Grand Palais ließen sich bis Anfang Januar unter dem Titel "Ewige Stätten" digitale 3-D-Welten zerstörter Kulturschauplätze bewundern. Sie sind eine erste Initiative von Archäologen, die bereits planen, der einstigen Identität der Einwohner auch anderer betroffener Länder wieder Form zu verleihen. 

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