Amnesty International legt Bericht über Folter in Syrien vor – mit geschätzten Zahlen

Amnesty International legt Bericht über Folter in Syrien vor – mit geschätzten Zahlen
Neben dem Bericht postete Amnesty International auch einzelne Aussagen, Zahlen und Animationen auf Twitter.
Die Menschenrechtsorganisation spricht von einem „Menschen-Schlachthaus.“ Laut Zeugenaussagen sollen im Militärgefängnis Saydnaya zwischen 2011 und 2015 tausende Gefangene gefoltert und hingerichtet worden sein. Doch Zweifel an den Zahlen sind angebracht.

Das es in Syrien während des Konflikts zu Folterungen gekommen ist, dürfte unzweifelhaft sein. Schließlich gab es auch schon vor Ausbruch der Kämpfe Berichte über den Einsatz von Folter, die sich damals gegen Oppositionelle richtete. Zudem nutzten die USA während des zweiten Irak-Krieges geheime syrische Gefängnisse, um bei ihren Gefangenen selber Hand anzulegen.

Folgerichtig dürfte es mit dem Ausbrechen der militärischen Kämpfe ab 2011 in Syrien nicht sanfter zugegangen sein. Doch was neben den blutrünstigen Schilderungen über Foltermethoden und Hinrichtungen vor allem verstörend ist, sind die Schätzungen bezüglich der Opferzahlen, die Amnesty International anhand der Zeugenaussagen vornimmt.

Der Bericht beruft sich auf Schilderungen „von 84 Zeugen und Experten.“ Unter anderem auch „Gefängniswärter und Behördenvertreter, aber auch ehemalige Häftlinge, Richter und Anwälte.“ Von den Zeugen sollen 31 Gefangene in dem Gefängnis in Saydnaya, 20 bis 30 Kilometer von Damaskus im Qalamun-Gebirge gewesen sein.

Laut den Zeugen wurden die Gefangenen, bei denen es sich vor allem um Zivilisten gehandelt haben soll, welche die Regierung kritisiert haben, geschlagen, gefoltert und auch vergewaltigt. Sie sollen unter unsäglichen Bedingungen inhaftiert und schließlich in Reihen aufgehängt worden sein. Vor der Exekution soll es einen, nur wenige Minuten dauernden, Prozess vor einem „Militärgericht“ gegeben haben.

Der Bericht vermittelt den Eindruck von systematischer und staatlich gedeckter Willkür. Gleichzeitig betont der Bericht mehrfach, dass die Hinrichtungen im Geheimen stattgefunden haben. Offensichtlich war keiner der Zeugen in dem Gebäude, wo die Gefangenen in Reihe gehängt wurden. Die Zeugenaussagen schildern jedoch wie Gefangene vor den Hinrichtungen regelmäßig geschlagen wurden, und auch den Marsch des Gefangenenzuges in gebückter Haltung zu dem geheimnisvollen Gebäude, wo die Hinrichtungen stattgefunden haben sollen.

Auch über An- und Abfahrten von Leichenwagen, Särge, die getragen wurden, eingesammelte Schuhe, und gewisse Geräusche, die diejenigen hörten, die über dem Hinrichtungsort inhaftiert waren wird berichtet. Es ist nicht einfach einzuschätzen, wie zuverlässig die Berichte sind. Das Gesamtbild wirkt zwar in sich stimmig, manchmal basieren die Erkenntnisse aber auch auf Erzählungen, Gehörtem oder Wahrnehmungen.

Kann sich auf Washington verlassen: Salman ibn Abd al-Aziz, König von Saudi-Arabien.

Nicht besonders hilfreich sind außerdem die Luftbilder von vermeintlichen Massengräbern, die sich nicht überprüfen lassen. Doch das größte Problem des Berichts ist die Art und Weise, wie mit den Zahlen umgegangen wird. Das Fundament der Zahlen sind die Beobachtungen der Zeugen. Aus diesen Beobachtungen hat Amnesty International eine ungefähre Tagesschätzung ermittelt. Diese Schätzung wurde wiederum hochgerechnet. So erklärt sich die dramatisch hohe Zahl an Todesopfern zwischen 5.000 und 13.000.

Im Bericht von Amnesty liest sich das so:

Diese Schätzungen basieren auf folgenden Berechnungen: Falls zwischen September und Dezember 2011 alle 10-15 Tage zwischen 7 und 20 getötet wurden, so wäre die Gesamtzahl zwischen 56 und 240 Personen für diesen Zeitraum. Falls zwischen 20 und 50 jede Woche zwischen Januar und November 2012getötet wurden, würde die Gesamtzahl zwischen 880 und 2.200 für diesen Zeitraum betragen. Wenn zwischen 20 und 50 Menschen in 222 Hinrichtungssitzungen getötet wurden zwischen Dezember 2012 und Dezember 2015, wäre die Gesamtzahl für diesen Zeitraum zwischen 4.400 und 11.100. Diese Berechnungen ergeben eine Mindestzahl von 5.336, abgerundet auf 5.000 und 13.540 abgerundet auf 13.000.

Wie auch immer man zu der Arithmetik von Amnesty International stehen mag – entscheidend wäre eine genaue Untersuchung der Vorfälle. Ein ordentliches Gerichtsverfahren täte not. Zumal der Krieg in Syrien vielleicht als der Krieg in die Geschichtsbücher eingehen wird, bei der die Berichterstattung einen nie zuvor dagewesenen Höhepunkt an Einseitigkeit erreicht hat.

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