Die andere Seite: Mark Bartalmais Film "Frontstadt Donezk - Die unerwünschte Republik"

Die andere Seite: Mark Bartalmais Film "Frontstadt Donezk - Die unerwünschte Republik"
Der neue Dokumentarfilm von Mark Bartalmai kommt dieses Jahr im Februar in die Kinos.
Der deutsche Regisseur und Journalist Mark Bartalmai lebt seit zwei Jahren in der Ost-Ukraine. In seinem neuen Dokumentarfilm gibt er Einblicke in die umkämpfte und international nicht anerkannte Volksrepublik Donezk, die es so im Westen nicht zu sehen gibt.

von Timo Kirez

Es mag zynisch klingen, aber vermutlich hätte man den Termin für die Deutschlandpremiere des Dokumentarfilms "Frontstadt Donezk – die unerwünschte Republik" von Mark Bartalmai nicht besser auswählen können. Nachdem es rund um den Konflikt im Donbass eine Weile lang eher ruhig geblieben war, zumindest in den westlichen Medien, steht dieser jetzt erneut auf der Tagesordnung. Wieder wird heftig gekämpft in der Ost-Ukraine.

Quelle: Mark Bartalmai

Dementprechend gut besucht war die Deutschlandpremiere des Films am letzten Freitag im Babylon-Kino in Berlin. Es war ein gemischtes Publikum, das sich im Foyer des bekannten Filmtheaters zusammenfand. Man hörte viel Deutsch, aber ebenso Russisch und Ukrainisch. Auch die Medien waren präsent. Unter anderem der Fernsehsender Kanal 5, der 2003 von dem Oligarchen und heutigen Präsidenten der Ukraine, Petro Poroschenko, gegründet wurde.

Anwesend waren zudem der Regisseur, Mark Bartalmai, und seine Koautorin, Nelja Oystrakh. Denn wie üblich war nach der Filmvorführung noch eine Publikumsdiskussion angesetzt. Doch noch bevor das Licht aus-, und der Projektor eingeschaltet wurden, sprach der Regisseur Bartalmai eine kleine Warnung aus: Der Film sei sehr lang, zwei Stunden und 20 Minuten, und es gäbe sehr viele Informationen.

Die Warnung war in der Tat berechtigt. Den Film zu sehen ist harte Arbeit. Bartalmai macht es sich und dem Publikum nicht einfach. Und das aus gutem Grund. Der Film schildert in 13 thematischen Blöcken das Leben in der international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk. Dabei geht es Bartalmai vor allem darum, die "andere Seite" zu zeigen.

Die beiden Volksrepubliken Donezk und Lugansk existieren seit zwei Jahren. Und seit zwei Jahren wird in dieser Region militärisch gekämpft. Mittlerweile haben sich die Menschen an ein Leben zwischen Krieg und normalem Alltag gewöhnt. Das klingt auf den ersten Blick widersprüchlich, doch die Bilder, die uns Bartalmai aus dem Donbass mitgebracht hat, bestätigen genau diesen Eindruck.

Wenn man es als Zuschauer schafft, für einen Moment den im Westen und in Teilen der Ukraine üblichen Narrativ einer Region unter pro-russischer separatistischer Kontrolle oder gar von "maskierten Terroristen" beiseitezulegen, entdeckt man Menschen, die vor allem um Selbstbestimmung ringen. Und die gemeinsam versuchen, einen jungen Staat zu organisieren.

In seinem Anspruch, das Leben auf der anderen Seite abzulichten, wirkt der Film dabei fast überfrachtet. Es gibt viele Geschichten zu erzählen, und viele Schicksale zu schildern. Bartalmai thematisiert in den prall gefüllten zwei Stunden und 20 Minuten unter anderem die Politik, die Wirtschaft, die Kultur, die Justiz, das Bildungswesen und den Krieg in der Region. Dass der Film nicht in seiner eigenen Informationsflut untergeht, liegt vor allem daran, dass Bartalmai nie die Tuchfühlung zu den Menschen verliert.

Hier hat man endlich Informationen aus erster Hand. Und plötzlich bekommt der blinde Fleck Donbass ein Gesicht und eine Stimme. Doch das Erstaunlichste in diesem Film ist der Optimismus der porträtierten Menschen. Trotz Krieg, trotz einer unsicheren Zukunft – niemand lässt sich unterkriegen und jeder packt stattdessen mit an.

"Frontstadt Donezk – Die unerwünschte Republik" ist der Nachfolgefilm der in Berlin und Moskau mehrfach ausgezeichneten Dokumentation "Ukranian Agony – Der verschwiegene Krieg". Auch für diesen Film hatte Mark Bartalmai schon mit Nelja Oystrakh zusammengearbeitet. Der deutsche Staatsbürger Mark Bartalmai lebt seit zwei Jahren im Donbass und verfolgt die Ereignisse dort sehr genau mit. Und wenn man ihn kennenlernt, merkt man schnell, dass ihm das Schicksal der Region und der Menschen nahegeht.

Deswegen macht er auch gar kein Hehl daraus, dass sein Film auch nur seine Sichtweise widerspiegeln kann. Doch in seinem Film geht es ohnehin nicht um Fiktion, sondern um Fakten. Ein Dokumentarfilm muss zwar nicht per se wahrheitsgetreuer sein,als ein Spielfilm. Im Gegenteil: Manchmal lernt man aus einem Gedicht mehr über das Leben als aus der umfangreichsten wissenschaftlichen Studie. Aber die große Leistung dieses Films besteht darin, dass er ein ansonsten lückenhaftes Gesamtbild ergänzt.

 In der Ostukraine sind die Kämpfe wieder entfacht. Die ukrainische Armee beschießt Donezk und andere Städte mit Artillerie.

Ohne die Geschichten und die Menschen, die uns Bartalmai zeigt, ist eine vernünftige Einschätzung des Konflikts in der Ost-Ukraine nicht möglich. Dass es in seinem Film ab und an etwas zu emotional zugeht, ist dabei Geschmackssache. Ebenso, ob es tatsächlich immer wieder der Klaviermusik im Hintergrund zur Untermalung bedarf.

Zumindest muss er sich nicht wie Polonius in Shakespeares Drama "Hamlet" den Vorwurf gefallen lassen, mehr Inhalt, aber weniger Kunst abzuliefern. Auch in der Publikumsdiskussion, die auf die Vorführung folgte, sprudelte der Regisseur vor Fakten und Hintergrundwissen über. Dass es auch kritische Fragen zu dem Film gab, begrüßte Bartalmai. Er betonte während der Diskussion immer wieder, dass es ihm genau um diesen kritischen Austausch geht.

Obwohl auch die Diskussion deutlich über zwei Stunden dauerte, beantwortete der sichtbar erschöpfte Bartalmai auch noch die allerallerletzte Frage. Die Energie reichte am Ende sogar noch für ein kurzes Videointerview mit RT Deutsch.

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