Vereinte Nationen: Afghanistan auf dem Weg in eine humanitäre Katastrophe

Vereinte Nationen: Afghanistan auf dem Weg in eine humanitäre Katastrophe
Eine afghanische Frau und ihre Kinder vor dem Registraturzentrum des UN-Flüchtlingswerkes (UNHCR) in Kabul, Afghanistan, 27. September 2016.
Die Vereinten Nationen warnen vor einer humanitären Katastrophe in Afghanistan. Sie prognostizieren, dass ein Drittel der Afghanen in diesem Jahr humanitäre Hilfe benötigen wird. Als Sofortmaßnahme fordern sie eine halbe Milliarde US-Dollar.

Afghanistan besteht aus 34 Provinzen, von denen 2016 nur drei von Konflikten verschont blieben - Konflikte, die zum Teil seit den 1970er Jahren bestehen. In diesem Jahr soll sich die Situation für die Menschen noch weiter verschlechtern. Denn Pakistan hat damit begonnen, afghanische Flüchtlinge zurück in ihre Heimat abzuschieben. Dies geschieht, auch wenn diese bereits seit Jahren in Pakistan leben und Afghanistan für deren Kinder ein unbekanntes Land ist.

Die Vereinten Nationen sprechen von 9,3 Millionen Menschen, die in Afghanistan in Not sind. Dies ist ein 13-prozentiger Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Die 550 Millionen US-Dollar, die die UN nun als Sofortmaßnahme fordern, würden 5,7 Millionen Menschen 2017 das Überleben sichern. Im Jahr 2016 erreichte die internationale Hilfe 3,2 Millionen Afghanen.

Das berühmteste Einzelschicksal im Zusammenhang mit der neuen Abschiebungspolitik Pakistans ist das berühmte "Afghan Girl" Sharbat Gula, welches als Kind mit ihren melancholischen grünen Augen das Titelbild von National Geographic zierte. In einer landesweiten Razzia gegen illegale Flüchtlinge war sie eine der Leidtragenden. Sie ließ sich noch einmal fotografieren und wurde zum Sinnbild des Leids der afghanischen Flüchtlinge. Gula wurde verhaftet und des Besitzes gefälschter Ausweispapiere beschuldigt. Schon 2003 hatte sie ihr Land verlassen, um im Nachbarland ein neues Leben zu finden. 

In Pakistan leben schätzungsweise 1,6 Millionen Flüchtlinge. Das UNHCR hatte 2016 Gelder für lediglich 60.000 Afghanen zur Seite gestellt, die von der Abschiebung bedroht waren. Diese Beihilfe belief sich auf eine einmalige Leistung von 200 US-Dollar pro Person. Diese sollten die Reise und eine erste Unterbringung ermöglichen. 

Rund eine Million afghanischer Kinder sind laut Berechnungen der Vereinten Nationen unterernährt. Doch sind viele der Leidtragenden für die Hilfsorganisationen unerreichbar. Eine von Konflikten geprägte Region, die zunehmend in die Hände der Taliban zu fallen droht, ist die strategisch wichtige Region Helmand. Hier kontrollieren die Taliban bereits 85 Prozent des Gebiets und erwirtschaften die Mittel für ihren Glaubenskrieg durch die Opiumproduktion. Nach weniger als drei Jahren kehren amerikanische Soldaten zurück in die Provinz Helmand, um zu verhindern, dass die Provinzhauptstadt ebenfalls in die Hände der Taliban fällt. 

Auch Deutschland hat seine Politik gegenüber afghanischen Flüchtlingen verschärft. In den kommenden Tagen wird ein neues Flugzeug mit abgelehnten Asylbewerbern von Deutschland in Richtung Afghanistan starten. Seit Dezember finden vermehrt Abschiebeflüge nach Afghanistan statt. Während der Bundesinnenminister de Maizière darauf hinwies, dass es sich bei einem Drittel der im Dezember Abgeschobenen um straffällig gewordene Asylbewerber handelte, dementierte dies die Organisation "Pro Asyl". Die Angaben der Regierung widersprechen den Ergebnissen ihrer eigenen Nachforschungen. Pro Asyl wirft der Regierung vor, einen Generalverdacht gegen die afghanischen Flüchtlinge zu kultivieren.