Massengrab Mittelmeer: Über 5.000 Flüchtlinge ertranken 2016

Massengrab Mittelmeer: Über 5.000 Flüchtlinge ertranken 2016
Ein Flüchtlingsboot in Seenot vor der Küste Libyens. 2016.
Im Schnitt starben im Jahr 2016 jeden Tag 14 Flüchtlinge bei dem Versuch, mit Booten nach Europa überzusetzen. Die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher. Seit 2014 sind über eine halbe Million Menschen von Nordafrika aus über den Seeweg nach Italien gekommen.

Laut offiziellen Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) ist die Zahl der Menschen, die in diesem Jahr auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken sind, über 5.000 gestiegen. Das ist eine neue Rekordzahl.

Migranten und Flüchtlinge erreichen die Küste von Griechenland

Das heißt, im Schnitt sind an jedem einzelnen Tag in diesem Jahr 14 Menschen, die in Europa Schutz oder ein besseres Leben gesucht haben, auf dem Mittelmeer gestorben, so der UNHCR-Sprecher William Spindler.

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Opfer sogar noch viel höher liegt. In der offiziellen Statistik tauchen nur die registrierten Todesopfer auf, es gibt aber für viele Routen, unter anderem von Nordafrika nach Spanien, keine verlässlichen Daten, und viele Bootsunglücke auf dem Mittelmeer werden erst gar nicht entdeckt.

Im Jahr 2015 haben nach Angaben des UNHCR 3.777 Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ihr Leben verloren und im Jahr 2014 waren es rund 3.000. Die Schwelle von 5.000 Opfern wurde schon in der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember überschritten, als vor der Küste der italienischen Insel Sizilien kurz nacheinander zwei Boote in Seenot gerieten.

Bei einem der Boote konnte die italienische Küstenwache 80 Flüchtlinge retten, während 57 ertranken. Bei dem anderen, einem Schlauchboot, werden 40 von 120 Insassen vermisst. Die größte Gruppe von Flüchtlingen kommt aus Nigeria, gefolgt von Eritrea, Guinea, der Elfenbeinküste und Gambia.

Obwohl sich nur ein Bruchteil der weltweit 60 Millionen Flüchtlinge über das Mittelmeer auf den Weg nach Europa machten, ereignen sich hier zwei Drittel der weltweit 7.400 Todesfälle. Hinzu kommen noch 1.440 Flüchtlinge, die auf den nach Europa führenden Routen – in Westafrika, der Sahara, am Horn von Afrika, im Nahen Osten und in der Türkei – ums Leben kamen. Davon wurden mehr als 100 von Grenzpolizisten erschossen.

Flüchtlinge durchqueren die Sahara in Richtung Libyen; Agadez, Niger, 9. Mai 2016.

Die Organisation „United for intercultural Action“ zählt auf einer Liste über 22.000 tote Flüchtlinge seit dem Jahr 1993. Obwohl die Zahl der über das Mittelmeer nach Europa Flüchtenden um fast zwei Drittel gesunken ist, von über einer Million im Jahr 2015 auf 358.000 in diesem Jahr, ist die Zahl der Todesopfer dramatisch gestiegen.

Die Abriegelung der Ägäis- und der Balkanroute durch die Europäische Union zwingt die Flüchtlinge zu den wesentlich gefährlicheren Routen über Ägypten oder Libyen nach Italien.

Die Zahl der Toten [ist] noch weiter gestiegen. Und politisch gesehen hat sich nichts, aber auch gar nichts getan, um diese Tragik einzudämmen,

kommentierte Christopher Hein vom Italienischen Flüchtlingsrat. Derzeit leben etwa 175.000 Flüchtlinge in Lagern in Italien. 2015 hatten die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union zugesichert, 40.000 Flüchtlinge aus Italien aufzunehmen - doch bisher wurden nur 2.654 in andere Länder gebracht.