"Wir machen euch zum Aggressor" - Maria Sacharowa über den Moralverfall der westlichen Diplomatie

"Wir machen euch zum Aggressor" - Maria Sacharowa über den Moralverfall der westlichen Diplomatie
Maria Sacharowa während des Briefings am 28. Dezember 2016 im russischen Außenministerium.
Im Gespräch mit Talkmaster Wladimir Solowjow ("Der Abend am Sonntag") gab Maria Sacharowa einen Einblick in ihren diplomatischen Alltag. Dabei zeichnete sie ein düsteres Bild vom Gebaren westlicher Diplomaten, insbesondere nach Beginn des Antiterroreinsatzes in Syrien.

Marija Sacharowa ist bekannt für ihre scharfe Zunge und für emotionale Auftritte. Sie ist gefragter Talk-Gast und mit ihren Facebook-Aktivitäten auch eine der wichtigsten Meinungsmacherinnen in Russland. Da sie bei den wichtigsten diplomatischen Verhandlungen anwesend ist, ist sie auch eine exklusive Informationsquelle, was deren Inhalte betrifft. Bevor sie ins Außenministerium kam, hatte die Diplomatin lange Zeit in China und bei der russischen UNO-Vertretung in New York gearbeitet.

Am letzten Wochenende gab Maria Sacharowa während eines Fernsehgesprächs viel Exklusives von ihrem Insider-Wissen preis. Daraus entstand eine Erzählung über den Niedergang von Moral in der westlichen Diplomatie, über das Versagen der Obama-Regierung und ihre Sicht der russischen Beziehungen zu China und der Türkei.

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Ohne konkrete Personen zu benennen, sagte sie, dass westliche Diplomaten Russland an den Verhandlungstischen hinter verschlossenen Türen in Bezug auf Syrien systematisch einzuschüchtern versuchten. Bereits im Oktober 2015, als die Operation der russischen Luftstreitkräfte zur Bekämpfung des Terrorismus in Syrien begann, stellte man Russland "harte Signale" in Aussicht:

Russland wird es weh tun. Es wird so getan, als ob Russland tatsächlich bald zu spüren bekommen werde, was Schmerz ist. Bitte bedenken Sie, so etwas sagten Diplomaten im Laufe der diplomatischen Verhandlungen!", machte Maria Sacharowa aus ihrer Verwunderung über den mentalen Zustand ihrer Verhandlungspartner keinen Hehl.

Dabei fungierten die Partner am Tisch stets als Sprachrohre von Personen, deren Worte sie vermeintlich nur "übermittelt" hätten. Auch die antirussische Hysterie in der - nach eigener Darstellung "unabhängigen" und "kritischen" - westlichen Presse war ein kalkulierter Akt, der die Diplomaten "fairerweise" im Vorfeld angekündigt hätten.  

Alles, was Sie tatsächlich tun werden, wird desavouiert werden durch eine Informationskampagne, die die Ergebnisse Ihrer Arbeit überdeckt. Sie werden gegen Terroristen kämpfen, aber Sie werden wie ein Aggressor aussehen", lauteten die Drohungen im Wortlaut.

Dies alles sei ihr als Reaktion entgegengebracht worden, nachdem Russland die ganze Welt gebeten hatte, sich im Kampf gegen das "Weltübel des Terrorismus" zu vereinigen, so Sacharowa.

Was ist danach passiert? Nachdem die Luftstreitkräfte ihre Operation gestartet hatten und es klar wurde, wie einwandfrei, offen und transparent sie verläuft; wie perfekt sie in der gegebenen Situation die selbstgesteckten Ziele erreicht, begann eine direkte Kampagne, deren Ziel es war, die Handlungen russischer Streitkräfte zu diskreditieren. Ich möchte Sie daran erinnern, dass uns das State Department und das Weiße Haus direkt durch ihre unmittelbaren Vertreter einzuschüchtern versuchten und damit drohten, dass unser Land "Schmerz empfinden" würde. Sie wissen es noch, wie sie über Särge und Leichensäcke redeten, was der US-Verteidigungsminister uns sagte. Und das waren offizielle Vertreter", schilderte die Ministeriumssprecherin.  

Maria Sacharowa ist nicht nur als bedeutsame Stimme ihrer Zeit bekannt. Auch in Sachen Lifestyle und Mode macht die Diplomatin von sich reden. Hier: Ein spontaner Auftritt mit dem Tanz "Kalinka" in Mai dieses Jahres.

Dieses Verhalten verblüffte die Karriere-Diplomatin, die zuvor die Moskauer Diplomatenschule MGIMO in den Fächern "Journalistik" und "Ostkunde" absolviert hatte, immer mehr. Vor allem entrüstete sie sich angesichts der Unterminierung diplomatischer Normen und Sitten durch Verhandlungspartner, die nach außen hin das Bild einer respektablen Klasse pflegen:

Die Rede ist von denjenigen Kollegen von Lawrow, die sich zu den Vertretern der fortschrittlichsten und zivilisierten Länder der Welt rechnen. Die Rede ist nicht von denjenigen, die erst vor kurzem in die politischen Sphären eingedrungen sind, sondern von denjenigen, die sich zur Weltelite zählen. Diese Worte wurden uns von diesen Menschen übermittelt. 

Nach der angekündigten, monatelang andauernden Schmutz-Kampagne zur Desavouierung russischer Bemühungen in Syrien war die westliche Öffentlichkeit reif, um vor den russischen Botschaften zu protestieren, gegen erfundene Verbrechen, kolportiert von Kräften, die selbst für barbarischeste Gräueltaten in Syrien verantwortlich waren. Spitzenpolitiker von Großmächten machten sich zum Sprachrohr mörderischer Terrormilizen. Sacharowa erinnert an diesem Punkt an die Aufrufe des britischen Außenminister Johnson und an die konkreten Proteste danach in London sowie spätere Aufmärsche wie jener am 7. Dezember in Berlin.

Was diese Kampagnen betrifft, sieht Sacharowa einen direkten Zusammenhang mit der weiteren Eskalation der Ereignisse rund um die russischen Vertretungen:

Dann begannen die Attacken, nicht diejenigen mit Füßen und Händen aus Plastik und nicht mit Plakaten, die man in London schrieb, sondern es fanden die wahren Aktionen statt, z. B. Mörserbeschüsse unserer Botschaft in Damaskus. Unser ständiger Vertreter bei dem UNO, Witali Tschurkin, stellte jedes Mal die Frage danach vor den Mitgliedern des Sicherheitsrates. Sie wissen, wer jedes Mal diese Erklärungen blockierte. Das waren die gleichen Menschen, die aus dem Munde ihrer Vertreter ihre Einschüchterungsversuche verlauten ließen, die sagten, dass wir Schmerz empfinden werden, es waren die gleichen Menschen, auf deren Äußerungen sich ihre Medien bezogen.

Der Mord am russischen Botschafter in Ankara war im Rückblick von Sacharowa ein logischer Gipfelpunkt dieser Kampagne. Andrej Karlow, der mit sechs Schüssen in den Rücken ermordet war, sei genau derjenige gewesen, der sich in Zeiten der politischen Eiszeit zwischen Moskau und Ankara dafür eingesetzt hatte, die Beziehungen zu den Menschen in der Türkei weiter auszubauen.

Nach dieser Erzählung konnte die russische Diplomatin kaum ein gutes Wort über die Regierung des scheidenden US-Präsidenten Barack Obama finden. Er habe die Gabe, mit seinen Behauptungen über Amerikas Auserwähltheit in Verbindung mit einer völlig irrsinnigen Politik seiner Regierung die ganze Welt gegen sich aufzubringen, so Sacharowa. Besonders schlimm findet sie, dass die US-Regierung die ihr gegebene Macht missbrauche.

Sie sandte die Botschaft aus, dass der Stärkere ein Recht auf böse Taten habe. Und das nicht im Mittelalter, das passiert im 21. Jahrhundert", empört sich Sacharowa.

Sie äußerte sich auch zu den schwierigen Beziehungen zur Türkei sowie zur Partnerschaft zu China. Als der Moderator seine Zweifel darüber zum Ausdruck brachte, dass die Türkei ein vertrauenswürdiger Partner wäre, entgegnete ihm die Repräsentantin des Außenministeriums, dass es in der Diplomatie nicht um Vertrauen gehe, sondern darum, eine Balance zu finden und eigene Interessen zu schützen.

Maria Sacharowa, die während ihres Aufenthalts in China sogar in chinesischen Filmen mitspielte, kam auch auf das Reich der Mitte zu sprechen. Dieses Land sei kein Partner aus Zwang und die Partnerschaft mit China sei mehr als eine lediglich strategische. Russland habe darauf noch unter dem Vordenker der heutigen russischen Außenpolitik, Ewgenij Primakow, hingearbeitet.

Sacharowa brachte auch die Tatsache zur Sprache, dass bis jetzt alle russische Einschätzungen zur Lage in der Welt und zu möglichen Gefahren, die man besser schon im Vorfeld unterbinden solle, zutreffend waren. Leichter hatte man es dadurch jedoch nicht, im Gegenteil:

Ja, unsere Experten hatten Recht und sagten immer das Gleiche, sogar dann, als wir noch allein dastanden. Aber diese Erkenntnis bietet keinen Trost.

Auch weiterhin würden Russland in all seinen Anstrengungen Steine in den Weg geworfen und der Druck lasse nicht nach. Im Gegenteil, die Skrupellosigkeit des Kampfes sei gestiegen:

Diese Menschen zeigten, dass sie keine Hemmschwellen mehr haben.

Trotz des pessimistischen Tons, der sich durch das gesamte Gespräch zog, zeigte Maria Sacharowa ihre Gewissheit, dass Russland außenpolitisch auf dem richtigen Weg ist:

Ich habe nicht gedacht, dass das, worüber die Religionen sprechen, der Kampf zwischen Gut und Böse, in dieser Weise vor unsere Augen stattfinden wird und das ich das fast jeden Tag erleben werde.

Maria Sacharowa im Gespräch mit Wladimir Solowjow: